Sie sind hier:
rbbonline | Berlinale


Schon vor Beginn der Berlinale war zumindest wahrscheinlich, dass am Ende der eine oder andere Preis von Berlin aus die Reise nach Osten antritt. Auffällig ist nämlich die hohe Zahl osteuropäischer Filme im Wettbewerb. Sie bieten eine weite Bandbreite an ganz unterschiedlichen Themen und Stilen.
Die bildstarke Geschichte eines schwulen polnischen Priesters in "W imię..." von Małgośka Szumowska etwa kann sich durchaus Hoffnungen auf einen Bären machen – zumindest wenn die Jury so denkt wie die Filmexperten des rbb. Im Berlinale-Filmspiegel auf rbb online liegt der Film nämlich auf Platz 1. Aber auch die verstörenden kasachischen "Harmony Lessons" (Platz 5) und "An Episode in the Life of an Iron Picker" (Platz 6), das dokumentarische Alltagsporträt einer bosnischen Roma-Familie von Danis Tanović, zeigen spannende Facetten des osteuropäischen Kinos.
Die größten Aussichten unter den Anwärtern aus Osteuropa auf einen Bären könnte aber der rumänische Spielfilm "Child's Pose" (Platz 2 im Ranking der rbb-Kritiker) haben. In seinem Psychogramm einer symbiotischen Mutter-Sohn-Beziehung gibt der Regisseur Călin Peter Netzer ernüchternde Einblicke in den moralischen Zustand der postsozialistischen Gesellschaft in Rumänien.
Bären-Chancen für "Gloria"?
Ein starker Konkurrent ist der chilenische Beitrag "Gloria" von Sebastián Lelio (Platz 8 im rbb-Ranking). Wie in "Child's Pose" steht auch hier eine starke Frau im Mittelpunkt: Gloria, 58 Jahre alt, selbstbewusst, attraktiv und auf der Suche nach neuen Ufern. Schwungvoll und mit ansteckendem Optimismus, aber auch mit schonungslosem Realismus, lotet der Film die Möglichkeiten aus, die das Leben dieser nicht mehr ganz jungen Frau bietet.
Eine dicke Überraschung hingegen wäre die Entscheidung für den amerikanischen Film "Prince Avalanche" (Platz 3). In David Gordon Greens künstlerischem Comeback geht es um die freundschaftliche Annäherung zweier verschrobener Straßenarbeiter, die durch eine von Waldbränden zerstörte Landschaft in Texas ziehen.
Nicht ganz unwahrscheinlich hingegen ist ein Preis für den iranischen Beitrag "Pardé" (Platz 7). Es wäre aber eher eine politische als eine künstlerische Entscheidung zu Gunsten des Regisseurs Jafar Panahi, der in seinem Heimatland Berufsverbot hat (und nicht nach Berlin reisen konnte) - und genau darüber trotzdem einen Film gedreht hat.
Starke Frauen im Wettbewerb
Bei der Entscheidung für den Silbernen Bären für die beste Schauspielerin hat die Jury die Qual der Wahl. Denn es gibt viele starke Darstellerinnen im diesjährigen Wettbewerb: Juliette Binoche, die in "Camille Claudel 1915" schreit und weint, was das Zeug hält, aber vor allem in den Szenen überzeugt, in denen sie nur mimisch agiert. Oder Paulina García, die im chilenischen Beitrag "Gloria" eben jene Frau Ende 50 spielt, die auf der Suche nach der Liebe fürs Leben ist. Im rumänischen Film "Child's Pose" ist es Luminiţa Gheorghiu als Titelfigur, die ihren längst erwachsenen Sohn an sich klammert. Und in "La Réligieuse" kämpft Pauline Étienne hinter Klostermauern um ihre Freiheit. Dagegen ist der Auftritt von Catherine Deneuve weitaus angenehmer anzusehen: In "Elle s'en va" symbolisiert sie die Schönheit des Alterns.
Ausgerechnet Nina Hoss, die noch im vorigen Jahr in Christian Petzolds Wettbewerbsfilm "Barbara" eine der Rollen ihres Lebens spielte, ist in diesem Jahr eine kleine Enttäuschung. Ihre Emily in Thomas Arslans deutschem Western "Gold" ist nicht halb so bezaubernd. Und auch die andere Emily im Wettbewerb, Rooney Mara in "Side Effects", kann nicht wirklich überzeugen, was aber weniger an ihr liegt als an dem ungelenken Plot, mit dem Steven Soderbergh seinen Film und damit auch die Rolle seiner Emily angelegt hat.
Übersichtliches Favoritenfeld bei den Männern
Bei den männlichen Darstellern ist das Favoritenfeld etwas übersichtlicher. In starker Erinnerung bleibt aber die Doppelspitze in "Prince Avalanche": Paul Rudd und Emile Hirsch schaffen es mit ungeheurer Leichtigkeit, nicht nur die komischen Seiten ihrer ungleichen Figuren zu zeigen, sondern sie zu liebenswerten mehrdimensionalen Charakteren zu formen.
Aber vielleicht gibt es ja bei den Männern auch eine ähnliche Überraschung wie bei den Frauen im vergangenen Jahr. Da wurde als beste Darstellerin die Kongolesin Rachel Mwanza für ihre erste Rolle überhaupt ausgezeichnet. In "Rebelle" spielte die gerade einmal 15-Jährige eine Kindersoldatin. Sollte die Jury bei den männlichen Darstellern in diesem Jahr ähnlich entscheiden, dann wäre der kasachische Debütant Timur Aidarbekov für seine beklemmende Darstellung eines psychisch gestörten Jugendlichen in "Harmony Lessons" ein würdiger Preisträger.
Ula Brunner und Fabian Wallmeier
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/berlinale/rbbonline/berlinale/beitraege/2013/Favoriten_Berlinale_2013.html