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rbbonline | Berlinale


Die großen Filmfestivals in Europa kommen in die Jahre. Cannes wird in diesem Jahr 66, der Veteran Venedig feiert schon den 70. Auch die Berlinale bringt es bereits auf stolze 63 Jahre und nähert sich damit dem Rentenalter. Aber gerade das Programm in diesem Jahr zeigt deutlich, dass von einem ruhigen Altenteil keine Rede sein kann.
Der traditionelle Anspruch, ein politisches, ein kämpferisches, ein engagiertes Filmfest zu sein, dem es nicht nur um cineastische Genüsse, sondern um Debatten, um Einsicht und Erkenntnis geht, könnte gerade in diesem Jahr besonders eindrucksvoll verwirklicht werden. Mehrere rote Fäden ziehen sich durch das Programm, verbinden die einzelnen Sektionen und stellen einen Zusammenhang zwischen den Filmen her. Insofern ist dieses Festival mehr als die Summe seiner Einzelteile. Es entstehen Komplexe, die immer auf die politische und soziale Realität in der Welt verweisen.
Frauen im Kampf gegen Konventionen
Viele Filme im Wettbewerb setzen sich mit den verschiedenen Unterdrückungsmechanismen der Gesellschaft auseinander, mit denen Frauen entrechtet werden. In "Camille Claudel 1915" mit Juliette Binoche wird die Bildhauerin - einst Geliebte von Auguste Rodin - in die Psychiatrie gesperrt, wo sie sehnsüchtig auf ihren Bruder, den berühmten Dichter Paul Claudel wartet. Der Briefwechsel der beiden war eine wichtige Inspiration für den Film. Regisseur Bruno Dumont analysiert den repressiven Umgang der Gesellschaft mit einer außergewöhnlichen, hochbegabten Frau, die nicht zu den damaligen Normen passte.
Die Neuverfilmung des Romans von Denis Diderot "Die Nonne" zeigt Religion als ein Mittel der Unterdrückung von Frauen. Nach der wohl bekanntesten Verfilmung von Jacques Rivette aus dem Jahre 1966, die in Frankreich kurze Zeit verboten war, wagt sich nun Guillaume Nicloux an eine neue Fassung, die sich angesichts von heutigem Fundamentalismus als sehr aktuell erweisen könnte. Die Hauptrolle spielt die junge Belgierin Pauline Etienne. Aber auch so bekannte Schauspielerinnen wie Isabelle Huppert und Martina Gedeck sind zu sehen.
Star-Rummel und Politik sind auf der Berlinale kein Widerspruch
Andere Wettbewerbsfilme eröffnen den Frauen Wege aus den verkrusteten Systemen, schicken sie auf überraschende Erkundungen. Catherine Deneuve geht in "Elle s'en va" nur kurz Zigaretten holen und landet in einem völlig anderen Leben. In "Gloria" aus Chile spielt Paulina García eine Frau Ende Fünfzig, die einen Neuanfang wagt. Nina Hoss, die 2007 für "Yella" schon mit einem Silbernen Berlinale-Bären ausgezeichnet wurde, geht in dem deutschen Western "Gold" nach Kanada, um der Armut zu entfliehen.
Die Darstellerinnen all dieser Filme werden in Berlin erwartet und sorgen sicher für den erhofften Glanz, wenn Festivaldirektor Dieter Kosslick sie über den roten Teppich führt. Er ist auch in diesem Jahr offensichtlich darum bemüht, das politische Profil seines Programms zu schärfen und gleichzeitig die Erwartungen der Besucher, ihre verständliche Freude an Glamour und Filmrummel, zu bedienen.
Thriller mit politischem Anspruch: "Promised Land"
Auch jenseits des dominierenden Frauen-Themas dieser Berlinale gibt es viele Filme mit brisanten, politischen Stoffen. Oft werden dabei klassische Genres wie der Thriller benutzt, um höchst gegenwärtige Konflikte zu behandeln. "Promised Land" von Gus Van Sant kann mit großen Namen aufwarten, darunter Stars wie Matt Damon und Frances McDormand. In diesem Polit-Thriller soll ein junger Mann für einen großen Konzern Kleinstadt-Bewohner überrumpeln, damit sie die Gas-Förderrechte unter ihrem Farmland verkaufen. Die gewaltigen Umwelt-Gefahren werden heruntergespielt. Zunehmend aber kämpft er nicht nur gegen den Widerstand der Bevölkerung, sondern auch gegen sein eigenes erwachendes Gewissen.
In "Side Effects", also "Nebenwirkungen", zeigt Regisseur Steven Soderbergh wieder eindrucksvoll, wie perfekt er das Genre-Kino nutzen kann, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufzudecken. In seinem Berlinale-Film "Traffic" (2001) ging es ihm um die Macht der Drogenkartelle, jetzt prangert er die ebenfalls allmächtige Pharma-Industrie an.
Film trotz Arbeitsverbot: "Pardé – Closed Curtain" des Iraners Panahi
Das Erstaunlichste an dem iranischen Wettbewerbs-Film "Pardé – Closed Curtain" ist die Tatsache, dass es ihn überhaupt gibt. Trotz eines 20-jährigen Arbeitsverbotes hat ihn Regisseur Jafar Panahi illegal gedreht, ein künstlerisches Dokument großen Mutes. Für heftige Reaktionen sorgte der polnische Film "In the Name of..." von Malgoska Szumowska, in dem es um einen schwulen Priester und seine wachsenden Nöte geht.
Aus neuen, ungewohnten Blickwinkeln spiegelt eine ganze Reihe von Filmen den Nahost-Konflikt wider. In "When I saw you" (Forum) erleben wir einen kleinen Jungen in einem jordanischen Flüchtlingslager, der 1967 nach dem Sechstage-Krieg sehnsüchtig auf die Ankunft seines Vaters wartet. Schließlich findet er Halt in einem Camp palästinensischer Kämpfer. Der Dokumentarfilm "Art/Violance" (Panorama) erinnert ergreifend an den ermordeten Leiter des Freedom Theaters in Jenin im Westjordanland: Der jüdisch-palästinensische Aktivist Juliano Mer-Khamis wurde 2011 von einem maskierten Täter erschossen.
Außerdem im Programm: Kinder- und Jugendfilme, Kulinarisches Kino
Es sind persönliche, eher leise Filme wie diese und keine lautstarken politischen Pamphlete, die auf der Berlinale laufen und für Diskussionen und Bewegung sorgen werden. Filme, die berühren, weil sie die Auswirkungen von Gewalt und Krise, von Krieg und Ausbeutung auf das Schicksal des Einzelnen aufzeigen. Schnell und kostengünstig produzierte Filme aus Griechenland, die im Forum der Berlinale zu sehen sind, zeigen eindringlich, wie hart der einfache Mensch auf der Straße von der Krise getroffen wird. Die spannende Sonderreihe "NATIVe" ermöglicht es, die Lebensbedingungen von Ureinwohnern auf der ganzen Welt zu vergleichen.
Natürlich lässt sich die thematische Vielfalt von rund 400 Berlinale-Filmen nicht auf einen politischen Schwerpunkt reduzieren. Es gibt Liebesgeschichten, Kinder-und Jugendfilme, die Retrospektive, das Kulinarische Kino, originelle Komödien und Musikfilme wie "Sing Me the Songs that Say I Love You" über das wunderbare Konzert, das Martha und Rufus Wainwright ihrer verstorbenen Mutter gewidmet haben. Doch wie das Politische die einzelnen Sektionen durchdringt und verbindet, wie es sich in den unterschiedlichsten Genres zeigt, unterhaltsam und aufwühlend, wie es geradezu zur Energiequelle eines ganzen Festivals wird – genau das macht die Filmfestspiele so einmalig.
Knut Elstermann
© Rundfunk Berlin-Brandenburg