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rbbonline | Berlinale

Die diesjährige Retrospektive spürt dem weiten Wirkungskreis des Weimarer Kinos nach 1933 und seinen Machern nach. Viele der jüdischen Filmschaffenden, die aus Deutschland fliehen mussten, haben zuvor in Berlin und Potsdam gearbeitet.
Vielfalt des Weimares Kinos
Heute kann man sich kaum vorstellen, wie beliebt das Kino in der Weimarer Republik und wie vielfältig seine Filme waren. Der Kinobesuch war die Freizeitbeschäftigung für die Großstädter und gerade für die Arbeiter ein billiges Vergnügen. 1921 hatte Berlin bereits 418 Filmtheater mit einem überaus bunten Programm: Expressionistische Kunstfilme, Historienschinken, Alltagsgeschichten, Detektiv-, Abenteuer-, fantastische Filme und Komödien flimmerten über die Leinwände. Auch sozialkritische und ehemals tabubehaftete Themen wie Homosexualität und sexuelle Aufklärung wurden aufgegriffen. Krieg und Nachkriegszeit hatten Sitten und Moral gelockert und der Zusammenbruch des autoritären Wilhelminischen Reichs setzte gesellschaftliche Energien frei, die sich auch auf Kunst und Kultur übertrugen.
Zeitlose Film-Kunstwerke
Die meisten dieser Kinofilme, die zwischen 1919 und 1933 entstanden, sind heute vergessen. Aber nicht wenige haben die Zeit überdauert. Werke wie "Menschen am Sonntag", "Nosferatu", "Metropolis" oder "Das Cabinet des Dr. Caligari" wurden stilbildend für Folge-Generationen von Regisseuren und sind als Klassiker in die Filmgeschichte eingegangen.
Berlin und Brandenburg: Zentrum des Filmschaffens in Deutschland
Die Filmindustrie in der Weimarer Zeit boomte: etwa 500 Filme wurden jährlich produziert – die meisten davon in Berlin und dem benachbarten Babelsberg. Hier war die Ufa ansässig, die als größte deutsche Filmproduktion 1919 fast 2.500 Mitarbeiter beschäftigte. Diese Blütezeit des frühen deutschen Films fand mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus und der Gleichschaltung der Filmindustrie ein jähes Ende. Viele ihrer kreativen Macher verließen das Land: Regisseure, Schauspieler, Kameraleute, Drehbuchautoren.
Emigration nach 1933
Insgesamt suchten etwa 2.000 Filmschaffende vor allem jüdischer Herkunft in Europa und in den USA einen Neuanfang. Die Emigration war für die Mehrzahl die einzige Möglichkeit, das eigene Leben zu retten, auch wenn sie nicht selten mit wirtschaftlicher Not und persönlichem Leid und Verlust einherging. Menschlich wie künstlerisch war der politisch erzwungene Exodus für Deutschland ein unwiederbringlicher Verlust.
Filme der Retrospektive und ihre Macher
Dennoch – gerade wegen der Exilanten hinterließ das Weimarer Kino weiterhin seine Spuren im internationalen Filmschaffen. Filmemacher wie Fritz Lang, Robert Siodmak, Billy Wilder oder Max Ophüls haben nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland Stil und Genres des internationalen Kinos mitgeprägt. Zu Recht spürt also die diesjährige Retrospektive der Berlinale mit 33 Filmen dem weiten Wirkungskreis dieser Kinozeit und ihren Machern nach.
Ula Brunner
© Rundfunk Berlin-Brandenburg