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Berlinale Kamera für Rosa von Praunheim (Quelle: dpa)

Ehrungen

Berlinale Kamera für Rosa von Praunheim

Die diesjährigen Filmfestspiele Berlin ließen den Regisseur doppelt hochleben: Die Berlinale Kamera erhielt er als besonderen Dank für sein Lebenswerk. Den filmischen Rahmen lieferte als Berlinale Special die Doku "Rosakinder".

Im November feierte Rosa von Praunheim seinen 70. Geburtstag. Ein schwuler Aktivist, der die Nation mit spektakulären Outings erschütterte und ein Regisseur, der mit seinen Filmen seit fast einem halben Jahrhundert seine Spuren im deutschen Kino hinterlässt: Etwa 70 Dokus, Porträts und Spielfilme hat Rosa von Praunheim seit 1969 gedreht: prall wie das Leben, sinnlich, bunt.

Rosa von Praunheim und Dieter Kosslick (Quelle: dpa)

Zum Preis noch ein Küsschen: Rosa von Praunheim und Dieter Kosslick. 

Grund genug, den Regisseur auch auf der diesjährigen Berlinale nochmals doppelt hochleben zu lassen: Die Goldene Kamera erhielt er als besonderen hochoffiziellen Dank für sein Lebenswerk. Den filmischen Rahmen lieferte als Berlinale Special die Doku "Rosakinder": Fünf deutsche Regisseure werfen einen ganz eigenen, privaten Blick auf die unermüdliche Femme Fatale der Schwulenbewegung, auf einen Mann, bei dem Kunst, Aktionismus und das, was andere als das ganz normale Leben bezeichnen, wohl schon immer nahtlos ineinander übergingen.

Der Kunststudent aus Riga

In vielerlei Weise ist Rosa von Praunheims Geschichte auch eine Berliner Geschichte – obwohl sie im lettischen Riga begann. Dort wird er am 25. November 1942 während der deutschen Besatzung als Holger Radtke geboren und noch als Baby von der Familie Mischwitzky adoptiert. Die Mischwitzkys ziehen nach Teltow-Seehof am Rande Berlins und flüchten 1953 in die Bundesrepublik. Die Familie wohnt zunächst im Rheinland, später in Frankfurt am Main.

Holger, alias Rosa, geht nach der mittleren Reife vom Gymnasium ab. Er studiert ein Jahr lang an der Kunstschule Offenbach. Anfang der 60er-Jahre wechselt er an die Abteilung Freie Malerei an die Hochschule für Bildende Künste nach Berlin. Einen Abschluss macht er nicht, bringt aber erfolgreich erste Bücher und Kurzfilme heraus. 1967 legt er sich seinen Künstlernamen Rosa von Praunheim zu: "Praunheim" nach dem Frankfurter Stadtteil, in dem er wohnte, "Rosa" für den Rosa Winkel mit dem homosexuelle KZ-Gefangene von den Nazis gebrandmarkt wurden.

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Schrittmacher der Schwulenbewegung

Hinter seinem oft kritisierten Drang zur schwulen Selbstdarstellung, zur Provokation und zum Aktionismus steckt auch eine ganze Menge Courage: In einer Zeit, in der Sex unter Männern verboten war – erst zum 1. September 1969 wurde der Paragraph 175 liberalisiert – traf Rosa von Praunheim offensiv für sein Schwulsein ein. Und das auch filmisch: "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" aus dem Jahr 1971 gilt als Meilenstein homosexueller Emanzipation. Im Zeitgeist der Siebzigerjahre erzählt der billig produzierte Schwarzweißfilm von der Liebe unter Männern, von Lust, Verstecken und heimlichem Sex in öffentlichen Toiletten.

Der manierierte Gestus des Films wirkt auf uns heute eher komisch. Doch kein Film von Rosa von Praunheim sollte jemals wieder eine solche gesellschaftliche Schlagkraft haben. Seine Forderung "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!" trat eine Welle der Empörung los. Aber endlich kam Bewegung in die verschreckte Szene: Homosexuellenverbände schossen aus dem Boden und am 29. April 1972 fand die erste bundesdeutsche Schwulendemo in Münster statt.

Umstrittene Outings

Seinem Ruf als Nestbeschmutzer und Tabubrecher machte Rosa zwanzig Jahre später, im Dezember 1991, erneut alle Ehre, als er den Komiker Hape Kerkeling und den Moderator Alfred Biolek in der RTL-Sendung "Explosiv" als schwul outete. Auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise, wollte er mit solch umstrittenen Aktionen darauf aufmerksam machen, dass die Krankheit alle treffen kann – auch Promis. Heute allerdings sind ihm solche Alleingänge zu anstrengend. Aber die Lust an der Provokation hat ihn nicht verlassen: "Es würde Sinn machen, Schwule in der Kirche zu outen. Aber das mache ich nicht mehr. Das müssen andere machen", sagte er kürzlich im Interview.

Das Leben als Film

Bis heute verarbeitet Rosa von Praunheim unermüdlich sein eigenes Leben und das seiner Freunde zu Filmstoff. Als er mit über 60 Jahren erfährt, dass er im Gefängnis geboren und adoptiert wurde, dreht er auch darüber einen Film: "Meine Mütter – Spurensuche in Riga". Mit Vorliebe porträtiert er taffe, vitale, oft auch ältere Frauen, sei es die eigene Tante Luzi ("Die Bettwurst) oder eine Künstlerin wie Lotti Huber ("Unsere Leichen leben noch").

In seiner ganz eigenen Handschrift – provokant, schrill und erfrischend ehrlich – hat er künstlerisch wohl alles gesagt, was über Schwule gesagt werden kann. Unter anderem wurde seine Doku über die Berliner Stricherszene "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" 2012 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Er schreibt Bücher, setzt sich für die AIDS-Prävention ein und war bis 2006 Professor für Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Anlässlich seines runden Geburtstags legte er nochmals 70 neue Kurzfilme nach. Er wurde angefeindet, bewundert, geehrt und ist immer irgendwie im Gespräch. Heute darf er sich wohl zu Recht als deutsche – und Berliner – Legende fühlen: "Manche bezeichnen mich als den beliebtesten und manche als den unbeliebtesten Filmregisseur Deutschlands. Und dafür habe ich eine ganze Menge getan."

Ula Brunner

Stand vom 13.02.2013

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 13.02.2013 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Rosa von Praunheim

Alles rund um seine Person.

[rosavonpraunheim.de]

AUFFÜHRUNGEN AUF DER BERLINALE

"Rosakinder"

Mi 13.02. (22:30 Uhr)
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Video 14.02.13

Abendschau, 14.02.13
Berlinale-Kamera für Rosa von Praunheim

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THADEUSZ, 20.11.12
THADEUSZ: Rosa von Praunheim - Regisseur

Thadeusz

Zu Gast: Rosa von Praunheim

Bei "Thadeusz" erzählt Rosa von Praunheim, warum er rosa Tüll liebt, wieso er das Alter nicht fürchtet und wofür er seine Tante Luzi so geliebt hat.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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