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rbbonline | Berlinale


Sagen wir es gleich vorab ganz schonungslos: Filme, die zugleich deutsche Themen behandeln, in Deutschland spielen und mit deutschen Darstellern bevölkert sind, kommen im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale nicht vor.
Daraus zu folgern, dass das deutsche Kino auf der Berlinale nicht stattfindet, wäre aber ein Trugschluss. Von den 24 Filmen, die im Wettbewerb laufen (darunter fünf außer Konkurrenz) sind sechs zumindest deutsche Koproduktionen. Bei der Hälfte von diesen wiederum wird Deutschland als Hauptland geführt.
Deutscher Western in Kanada: Thomas Arslans "Gold"
Der einzige deutsche Regisseur im Feld der Bären-Anwärter ist Thomas Arslan. Mit seinem Beitrag "Gold" erzählt er die Geschichte deutscher Auswanderer, die Ende des 19. Jahrhunderts in Kanada ihr Glück versuchen - den unerwarteten, aber viel versprechenden Fall eines deutschen Western also. Die Hauptrolle spielt ein Dauergast auf der Berlinale: Nina Hoss, die erst im vergangenen Jahr im Wettbewerbsbeitrag "Barbara" brillierte, für den Christian Petzold den Silbernen Bären für die Beste Regie gewann.
Wie Nina Hoss ist auch ihr diesjähriger Regisseur Thomas Arslan kein Unbekannter auf der Berlinale. 1999 gewann er mit seinem im deutschtürkischen Milieu in Berlin angesiedelten Kleinkriminellendrama "Dealer" den FIRESCI-Preis und den Preis der Ökumenischen Jury in der Berlinale-Sektion Forum. Zuletzt war er vor drei Jahren auf der Berlinale zu Gast. Damals stellte er, ebenfalls im Forum, seinen brillanten Berliner Gangsterfilm "Im Schatten" vor.
In Berlin lebende Südafrikanerin schickt "Layla Fourie" ins Rennen
Der zweite Film, in dem Deutschland als Produktionsland federführend ist, spielt in Südafrika. In "Layla Fourie" beginnt eine alleinerziehende Mutter in Johannesburg, bei einer Sicherheitsfirma zu arbeiten, die sich auf Lügendetektoren spezialisiert hat. Doch dann wird sie in einen Unfall verstrickt, der ihr Leben auf den Kopf stellt. In der Hauptrolle spielt die Britin Rayna Campbell - an der Seite des deutschen Schauspielers August Diehl.
Die deutsch-südafrikanisch-französisch-niederländische Koproduktion ist der dritte Spielfilm von Pia Marais. Die Tochter eines Südafrikaners und einer Schwedin wuchs in den Heimatländern ihrer Eltern und in Spanien auf. Zum Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie kam sie nach Berlin, wo sie bis heute lebt.
Bille August außer Konkurrenz: "Nachtzug nach Lissabon"
Der dritte Wettbewerbsfilm, der hauptsächlich mit deutschem Geld finanziert wurde, läuft außer Konkurrenz - und bietet ein nicht unerhebliches Staraufkommen: In "Nachtzug nach Lissabon" spielen unter der Regie von Bille August ("Pelle, der Eroberer", "Das Geisterhaus", "Fräulein Smillas Gespür für Schnee") unter anderem Jeremy Irons, Mélanie Laurent und Martina Gedeck.
Im Mittelpunkt steht ein Berner Lateinlehrer, der sich auf den Weg nach Lissabon macht, um auf den Spuren eines portugiesischen Dichters zu wandeln, dem er sich in seinem Denken verbunden fühlt. Die deutsch-schweizerisch-portugiesische Koproduktion ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Pascal Mercier - einem Pseudonym, hinter dem der Schweizer Peter Bieri steckt, der von 1993 bis 2007 an der Freien Universität Berlin Philosophie lehrte.
Kloster, Diätcamp und Waschzwang: Weitere deutsche Koproduktionen
Bei drei weiteren Filmen im Wettbewerb ist Deutschland als Produktionsland mit dabei. In "La Religieuse" ("Die Nonne", Frankreich/Belgien/Deutschland) erzählt der Franzose Guillaume Nicloux die Leidensgeschichte einer jungen Frau, die gegen ihren Willen von ihren Eltern in ein Kloster gebracht wird. Pauline Etienne spielt diese Nonne an der Seite von Isabelle Huppert - und von Martina Gedeck: für die Deutsche neben "Nachtzug von Lissabon" der zweite Wettbewerbsfilm, in dem sie 2013 zu sehen ist.
Der Österreicher Ulrich Seidl schickt "Paradies: Hoffnung" in den Wettbewerb. Die österreichisch-französisch-deutsche Koproduktion ist der abschließende Teil einer Trilogie. Den ersten Teil zeigte er in Cannes, den zweiten in Venedig - mit der Aufnahme in den Wettbewerb der Berlinale ist Seidl nun der seltene Fall eines Festival-Hattricks gelungen. Protagonistin des dritten Teils ist eine 13-Jährige (Tochter der Heldin des ersten und Nichte der Hauptfigur des zweiten Teils), die in ihre Ferien in einem Diätcamp verbringt.
In der kasachisch-deutschen Koproduktion "Uroki Garmonii" ("Harmony Lessons") schließlich geht es um einen ausgegrenzten 13-Jährigen mit Kontroll- und Sauberkeitszwang. Der Junge lebt in einem kasachischen Dorf bei seiner Großmutter und ist wegen seiner Außenseiterstellung nur der Beobachter, während seine Mitschüler in einem System krimineller Machenschaften gefangen sind. Für den Regisseur Emir Baigazin ist "Uroki Garmonii" der erste abendfüllende Spielfilm.
Wer sich jedenfalls darüber empört haben sollte, dass Deutschland im einzigen deutschen Filmfestival von Rang keinen Platz hat, kann ganz beruhigt sein: Deutsche Filmschaffende haben auch im diesjährigen Wettbewerb ein Wort mit zu reden - auch wenn ihre Geschichten jetzt nicht in Karlsruhe spielen sondern in Kanada, nicht in Jena sondern in Johannisburg, nicht in Leipzig sondern in Lissabon.
Fabian Wallmeier
© Rundfunk Berlin-Brandenburg