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Collage aus Filmstills Perspektive Deutsches Kino

Interview mit Linda Söffker

Perspektive Deutsches Kino: Abschied in vielen Varianten

Das ganze Jahr über ist sie an Filmhochschulen unterwegs, um die nächste Generation deutscher Filmtalente zu entdecken. Linda Söffker leitet mit der Sektion Perspektive Deutsches Kino die Nachwuchsplattform der Berlinale, die am Freitag auf dem Festival startet. Im Interview verrät sie, wie sie vielversprechende Filme entdeckt, worüber sie bei Podiumsdiskussionen mit den jungen Filmemachern spricht und wie so manche der diesjährigen Filme mal lustvoll und mal melancholisch mit dem Thema Abschiednehmen umgehen.

Frau Söffker, wann beginnen Sie mit ihrer Arbeit für die Sektion "Perspektive Deutsches Kino" und wie erfahren sie von den jungen Talenten und deren erfolgversprechenden Filmen?

Linda Söffker: Zum einen bin ich übers Jahr an den Filmhochschulen unterwegs, wenn die Hochschulen ihre so genannten Hochschulscreenings machen. Meist an zwei Tagen zeigen sie dort ihre Jahresproduktionen, die HFF in Potsdam Babelsberg zum Beispiel im April.

Linda Söffker (Foto: Berlinale / Ali Ghandtschie)

Die Brandenburgerin Linda Söffker leitet die Sektion seit 2010 

Da sieht man nicht immer alle Filme in voller Länge, sondern manchmal nur Ausschnitte, und wenn man interessiert und angefixt ist, dann bestellt man die Filme oder fragt spätestens im September, wenn ich anfange mit den neuen Sichtungen: Was ist aus dem geworden? - Den würde ich gerne sehen. Das ist die eine Variante.

Und die andere: Da es uns ja jetzt schon im zwölften Jahr gibt, ist die "Perspektive" wirklich ein Bestandteil der Berlinale. Die Filmemacher kommen wirklich auf uns zu, bewerben sich und rufen an, immer wieder, und schicken ihre Filme.

Wie viele Einreichungen haben Sie in diesem Jahr erhalten?

Es sind immer um die 350 bis 400, die sich bewerben. Ich aber allerdings sagen, dass da mindestens 100 dabei sind, die entweder unter 20 Minuten lang sind - wir zeigen ja erst Filme ab dieser Länge - oder beispielsweise aus Japan oder China stammen. Da bewerben sich Leute, die die Richtlinien nicht richtig lesen und dann überall ihre Kreuzchen machen. Es sind also vielleicht 250 Filme, die in Frage kommen.

Gibt es in diesem Jahr einen Schwerpunkt bei den ausgewählten Filmen?

Dieses Jahr ist mir aufgefallen, dass viele Filme in der Reihe eine Verbindung mit dem Abschiednehmen haben. Entweder der Abschied von der Mutter, die tot oder krank ist, Abschied von der Heimat, Abschied von der Jugend oder Abschied von der Freundin oder dem Partner.

Da gibt es sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Für manche ist das eine traurige Angelegenheit - Abschied birgt das meistens in sich. Aber es ist oft gleichzeitig auch ein Neuanfang, ein Aufbruch. Manche gehen damit lustvoll um und manche sehr melancholisch.

Aber Komödien sind keine dabei?

Nein, Komödie ist dann vielleicht doch nicht das Genre. Aber "DeAD" von Sven Halfar zum Beispiel ist ein sehr lustvoller, beinahe trashiger Film. Der beginnt damit, dass ein Junge seine Mutter erhängt in ihrem Haus findet. Trotzdem hat der Film sehr viel Lustvolles und auch Lustiges.

Eröffnen wird das Perspektive Programm "Freier Fall", das Spielfilm-Debüt von Stephan Lacant. Was fasziniert Sie an dem Film?

"Freier Fall" ist zunächst mal eine Geschichte zwischen zwei Männern und einer Frau. Der eine Mann ist mit einer Frau liiert, mit der er ein Kind erwartet und mit der er gerade in die zweite Reihenhaushälfte seiner Eltern gezogen ist. Er arbeitet bei der Polizei und lernt dort einen neuen Kollegen kennen, der sich in ihn verliebt.

Das weist der werdende Vater erst einmal von sich, doch irgendwann muss er zugeben, dass er auch verliebt ist. Er ist dann hin- und hergerissen zwischen einer homoerotischen Beziehung und der zu seiner Frau. Er kann sich nicht entscheiden und am Ende entscheiden die anderen für ihn.

Warum wurde gerade "Freier Fall" als Eröffnungsfilm ausgewählt?

Er ist prädestiniert für einen Eröffnungsfilm, weil er einen hohen Grad an Emotionalität hat. Er spricht Ängste an, in Bezug auf das Berufsleben und das Privatleben, etwas, das jedem von uns zustoßen kann, sodass sich jeder da in dem Film zuhause fühlt.

Er wurde auch wegen seiner drei genialen Hauptdarsteller ausgewählt: Max Riemelt, Hanno Koffler und Katharina Schüttler, die auch alle Berliner sind und dann in Berlin hier ihre große Bühne haben, zur Eröffnung der Perspektive da zu haben, das ist einfach schön. Es wird viele geben, die die drei aus dem Theater oder anderen Filmen kennen, das ist schön für die Fotografen. Aber mich interessiert der Film in erster Linie, weil er so emotionsgeladen ist.

Welcher der anderen Spielfilme hat bei Ihnen einen starken Eindruck hinterlassen?

"Zwei Mütter" ist an der Filmakademie Ludwigsburg entstanden. Die Hochschule macht wirklich sehr gute Produktionen und die haben dort immer auch ein Auge auf Hollywood - also auf das große Kino. Und jetzt kommt da aus der Spielfilmabteilung der Hochschule plötzlich ein Film daher, der sehr dokumentarisch aussieht. Das fand ich wahnsinnig interessant.

Die beiden Hauptdarstellerinnen sind verheiratet. Sie wünschen sich ein Kind und suchen einen Samenspender. Und es ist - was mir gar nicht so bewusst war - als lesbisches Pärchen in Deutschland gar nicht so leicht, Ärzte zu finden, die Samenbanken vermitteln. Das ist sehr teuer und es gibt nur wenige, die das machen. Das erzählt der Film beinahe protokollarisch und trotzdem bringt er eine sehr warme Beziehungskonstellation rüber. Die beiden Frauen haben am Ende die gleichen Probleme wie viele Hetero-Pärchen auch.

"Silvi" von Nico Sommer nennen Sie einen typischen "Berlin-Film" - wodurch hat dieser Film Sie überzeugt?

"Silvi" ist von einem interessanten jungen Regisseur, der den Film selbst produziert hat - ohne Fördergelder, ohne Fernsehen - und der am Ende jetzt sogar die Pressearbeit selbst macht. Interessant ist, dass er sehr jung ist und sich als Hauptdarstellerin eine Frau gesucht hat, die Ende 40 ist.

Als ich den zum erstem Mal gesehen habe, dachte ich, den Film muss eine Frau gemacht haben. Eine Frau wird von ihrem Mann verlassen, das ganze spielt in Berlin auf einem Parkplatz im Auto. In drei Episoden lernt sie drei verschiedene Männer kennen und dabei kommen die Männer ganz schön schlecht weg. Sie ist eine sehr starke Frau, die sich durch Enthusiasmus, Liebe und Eigenständigkeit auszeichnet.

Werfen wir einen Blick auf die Kurzspielfilme - in einem Interview haben Sie sehr von "Chiralia" von Santiago Gil geschwärmt?

"Chiralia" ist an der dffb entstanden, mit einer wahnsinnig auffälligen Kamera von Carmen Treichl. Wenn man im Kino sitzt, fragt sich jeder, der so ein bißchen filmgeschult ist: Wie hat sie das gemacht? Und anderen wird fast schwindelig. In der Geschichte geht ein Vater mit seinem Sohn schwimmen und der Junge taucht unter Wasser und ist weg. Der Vater ist schockiert, kommt an Land zum Campingplatz und erzählt, sein Junge ist weg.

Die Geschichte wird immer weiter getragen. Es ist eine Erzählung, die sich immer verändert, jeder erzählt sie mit einem anderen Aspekt weiter, und die Fahrt der Kamera weicht Bäumen aus, oder umstreift Bäume, und man fragt sich, wie die das ohne Schnitt gemacht haben - wie Figuren wieder aufgenommen werden, rechts ins Bild gehen, links rausgehen und plötzlich wieder aufgenommen werden - ohne einen Schnitt. Das ist wirklich großes Handwerk.

Drei Dokumentarfilme sind im Programm: Um welche Themen geht es im Bereich Non-Fiktion?

Es sind drei sehr unterschiedliche Filme. Zwei sind sehr persönlich motiviert von den Filmemachern: Zum einen "Die mit dem Bauch tanzen" über die Bauchtanzgruppe der eigenen Mutter: Hier fragt sich die Regisseurin selbst, ob sie mit 30 nun alt wird und wie ihr Körper wirkt. Sie ist davon angetan ist, wie frei ihre Mutter und deren Freundinnen mit über 50 mit ihrem Körper umgehen und ihre Bäuche zeigen.

Berlinale 2013: Archivbild Udo Beyer (Quelle:dpa)

Im Film "Einzelkämpfer" kommt auch Olympiasieger Udo Beyer zu Wort. 

Bei "Einzelkämpfer" war die Regisseurin selbst einmal Leistungssportlerin in der DDR - Turmspringerin - und sie sucht jetzt vier andere Sportler von damals auf, um zu hinterfragen, wie ihr Blick auf die DDR und den Sport war - ein sehr persönlicher Zugang.

Der dritte Film ist ein Kunstwerk über das Gebiet im Südural, in dem 1956 ein Reaktorunfall passierte. Der Regisseur war motiviert durch seinen Besuch in Japan nach Fukushima. Er ist dann nach Russland gefahren und hat einen sehr schönen Schwarz-Weiß-Film über eine kaputte Landschaft und die Leute, die dort leben, gemacht. Ich finde ein sehr kunstvoller und auch politischer Film.

Das Gespräch führte Bettina Rehmann

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Termine

Linda Söffker moderiert 'Reden über Film' auf der Berlinale 2012

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Silvi, Endzeit und DeAD - die drei Filme haben eine kreative Finanzierung gemeinsam - ohne koproduzierendes Fernsehen, meist ohne Fördergelder. Wie schafft man es, ohne das Fernsehen als Partner und wie funktioniert die Produktion mit dem Redakteur - darum geht es in der diesjährigen Gesprächsreihe "Reden über Film", moderiert von Linda Söffker im Gespräch mit den Perspektive-Filmemachern. Mehr Informationen dazu auf den Seiten der Berlinale. [berlinale.de]

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