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Berlinale 2013: Teddy Award mit Fernsehturm (Quelle: teddyaward.tv)

Teddy Award

"Das schwul-lesbische Kino ist erwachsener geworden"

Die Berlinale ist weiterhin das einzige große Filmfestival mit einem schwul-lesbischen Filmpreis für Dokus, Spiel- und Kurzfilme. Am Freitagabend wird er verliehen. Im Interview mit rbb online erzählt Wieland Speck, Leiter der Sektion Panorama und "Teddy"-Mitbegründer, wie sich das queere Kino gewandelt hat und warum es heute immer noch politisch relevant ist.

rbb online: Der "Teddy" geht in die 27. Runde. Welche schwul-lesbischen Filme erwartet das Berlinale-Publikum in diesem Jahr?

Wieland Speck: Im Wettbewerb haben wir zwei auffällige Filme. Zum einen den Spielfilm "In the Name of..." von Malgoska Szumowska, eine schwule Priestergeschichte aus Polen. Wir sehen darin einen engagierten jungen Priester, der sich um Jugendliche kümmert, die auf die schiefe Bahn gekommen sind. Ein schwuler Priester, der viel emanzipierter ist, als die versteckten Schwulen, mit denen die Kirche derzeit in der Wirklichkeit zu kämpfen hat. Die Regisseurin konterkariert mit ihrem Film die öffentliche Diskussion um die Kirche in ihrem Land und macht gleichzeitig ein Fass auf, das die Polen lieber geschlossen lassen würden. Zum anderen läuft im Wettbewerb die kanadische Produktion "Vic+Flo haben einen Bären gesehen" von Denis Côté, eine sehr ungewöhnliche lesbische Geschichte über eine Ex-Gefangene und ihre Geliebte.

Abseits des Wettbewerbs, welche Themen werden im „Queer Cinema“ auf Berlinale noch behandelt?
Das ist sehr unterschiedlich. Natürlich gibt es die zwischenmenschlichen Dramen wie in "It's All so Quiet", ein Panorama-Film über die schwierige Beziehung zwischen einem holländischen Milchbauern und seinem schwulen Sohn. Der wird von seinem störrischen Vater für seine Homosexualität verachtet - und das in einem aufgeklärten Land wie Holland.
Sexualität an sich spielt natürlich immer eine große Rolle im schwul-lesbischen Film: In "Lose Your Head" jettet ein junger Spanier für ein Wochenende nach Berlin, um hier in Bars und Clubs dem Berlin-Versprechen nach aufregendem Sex auf den Grund zu gehen. Dabei verliebt er sich in einen geheimnisvollen osteuropäischen Mann, der ihn in gefährliche Situationen bringt.

Berlinale 2013: Wieland Speck2 (Quelle: berlinale.de)

Wieland Speck, einer der Mitbegründer des Teddy Award. 

Inwieweit haben sich die Themen in den "Teddy"-Filmen über die Jahre verändert?
Das queere Kino ist sicherlich erwachsener und selbstbewusster geworden. Im Panorama läuft die koreanische Geschichte "Baek Ya" über einen Schwulen, der in Seoul Opfer eines Überfalls geworden ist. Er beschließt in die Stadt zurückzukehren, um sich zu rächen und das Trauma zu verarbeiten. Schwule schlagen zurück und kämpfen für ihre Rechte - das ist sicherlich neu, zumal in einem Land wie Korea.
Auch das Thema Familie hat an Bedeutung zugenommen. Wir erinnern uns an "The Kids Are All Right", "Teddy"-Gewinner von 2010 um zwei lesbische Mütter und ihre Kinder. Der taiwanesische Film "Will You Still Love Me Tomorrow?" aus diesem Jahr zeigt die Konflikte in Familien. Oft unterdrücken Menschen ihre sexuellen Gefühle, um das Familienglück aufrechtzuerhalten. Doch Regisseur Arvin Chen löst in seinem Film die konventionellen Familienstrukturen auf und zeigt Menschen, die ihren Neigungen nachgehen, ohne die Familie aufzugeben - eine sehr erwachsene Sichtweise.

Familiengeschichten haben also zugenommen. Aber hat der "Teddy" auch noch politische Stoffe zu bieten?

Der "Teddy" ist an sich politisch. Die Welt würde ihn nicht vermissen, wenn er nicht mehr da wäre. Das ist ja die typische Erfahrung von Minderheiten, auch der homosexuellen, die stets um ihre Sichtbarkeit kämpfen müssen. Das gilt auch fürs Kino.
Politisch sind vor allem die Dokumentarfilme. "Out in Ost-Berlin" zum Beispiel blickt auf die 70er Jahre zurück und zeigt anhand vieler Archivaufnahmen, wie schwule Aktivisten und Kirchengruppen für mehr Freiheiten kämpften und wie sie von der Stasi bedrängt wurden.
Außerdem ist der "Teddy" insofern politisch, als dass er weiterhin queeren Filmen eine Plattform bietet, die in ihren Ländern überhaupt keine Tradition haben. Wenn wir einen Kurzfilm aus Kambodscha zeigen können, in dem man einem lesbischen Paar begegnet, ist das immer noch etwas Besonderes.

War dieses Sichtbarmachen schwul-lesbischer Themen auch die Idee, als Sie 1987 zusammen mit Filmemacher Manfred Salzgeber den "Teddy" erfunden haben?

Manfred Salzgeber hat schon 1980 im Programm angefangen, den Fokus auf schwul-lesbische Filme zu legen. Kein anderes großes Festival hat das damals gemacht. Wir saßen dann 1987 im schwulen Buchladen "Prinz Eisenherz" und schauten die Filme. Ich kam auf die Idee, die Runde zu fragen, welche Filme ihnen am besten gefallen haben. Ich habe Zettelchen verteilt, auf denen sie ihre Favoriten notieren konnten. Die Gewinner waren damals die noch völlig unbekannten Regisseure Pedro Almodóvar und Gus van Sant. Ihnen habe ich nach dem Festival kleine Plüsch-Teddys nachgeschickt, die ich im Kaufhaus Wertheim am Kurfürstendamm gekauft hatte. Dass beide später zu Weltstars aufgestiegen sind, hat dem "Teddy" sicherlich geholfen.

Früher war der "Teddy"-Preis eher symbolisch. Welche Preisgelder können Sie den Preisträgern heute bieten?
Inzwischen ist der "Teddy" eine richtige Statue geworden, die Ralf König für uns entworfen hat. Heute steht hinter dem "Teddy" ein Verein, der von Fördermitgliedern unterstützt wird. Jedes Jahr sammeln wir in der Community, in Kneipen und auf Festen Geld, das wir bei der Verleihung auf die Gewinner aufteilen. Jeder "Teddy"-Gewinner erhält in etwa 3.000 Euro.

Und trotz Filmpreis schaffen es viele "Teddy"-Filme nicht ins Mainstream-Kino…
Das ist völlig richtig. Dem schwul-lesbischen Film geht es da genauso wie dem asiatischen Kino, für das die Berlinale ebenso berühmt ist. Wir stellen jedes Jahr asiatische Produktionen groß heraus, und wo landen die Filme später im Kino? Nirgends. Das ist ein typischer Kulturkampf auf der Festivalmacher-Ebene: Wir machen die kulturelle Veranstaltung und sagen, was ein starker Film ist. Die Filmwirtschaft setzt lieber auf Unterhaltungsfilme für die breite Masse, womit sie das meiste Geld einnimmt.

Das Interview führte Thomas Blecha

Stand vom 06.02.2013

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 06.02.2013 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Mehr Infos

Teddy Award - Preisverleihung

15.02.2013
(21 Uhr, Einlass: 19 Uhr)

Station Berlin
Luckenwalder Str. 4-6
10963 Berlin

Tickets:
Preisverleihung inkl. Party 27-60 Euro
Förderticket inkl. Empfang
120 Euro
Teddy-Party (ab 23:30 Uhr)
18 Euro

27. Teddy Award

Offizielle Website mit kompletten Programmheft über alle schwul-lesbischen Filme der Berlinale 2013.
[teddyaward.tv]

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