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Filmische Entdeckungsreise

Berlinale 2012 – Routentipps für Kinofans

So gewaltig und unüberschaubar das Programm dieser Berlinale ist, so viele Möglichkeiten für Individualität bietet es auch. Träfen sich am Ende zwei filmbegeisterte Besucher, die täglich mehrfach im Kino waren, könnten ihre Eindrücke doch völlig verschieden sein, fast als seien sie auf zwei unterschiedlichen Festivals gewesen. Jeder kann sich sein maßgeschneidertes Berlinale-Programm zusammenstellen, ein Vorzug, über den in dieser Fülle kein anderes Filmfestival der Welt verfügt. Hier einige Vorschläge für den "Individualreisenden" durch diese Berlinale – natürlich unvollständig und sehr persönlich, doch vielleicht auch eine Anregung, auf der eigenen Route entlang auf Entdeckungsreise zu gehen.

Die politische Berlinale

Ihrem Ruf als besonders politisches Filmfest wird die Berlinale auch in diesem Jahr gerecht, indem sie schnell auf aktuelle Ereignisse reagiert. Mehrere Filme in verschiedenen Sektionen spiegeln den Arabischen Frühling wider, auch die Katastrophe von Fukushima fand ihren Nachhall in Festivalfilmen wie "Nuclear Nation" (Sektion Forum) aus Japan.

Im Wettbewerb zeigt der "junge Wilde" Miguel Gomes aus Portugal, eines der spannendsten Filmländer der Welt, seinen Schwarzweißfilm "Tabu". Er nimmt uns mit in die ehemaligen portugiesischen Kolonien und fragt, wie das Erbe dort nachwirkt, welche Spuren es hinterlassen hat. Ein weiterer politischer Wettbewerbsbeitrag ist das kanadische Drama "Rebelle/ War Witch" über eine besonders grausige Form des Kindesmissbrauchs – Kinder und Jugendliche, die in die Armee gepresst werden und als Kindersoldaten töten müssen. Gedreht wurde der Film an Originalschauplätzen im Kongo mit Laiendarstellern. Afrika ist in diesem Jahr insgesamt ein wichtiger Schwerpunkt der Berlinale.

Die deutsche Berlinale

Längst sind die Filmfestspiele auch eine Leistungsschau des deutschen Kinos. Allein im Wettbewerb sind in diesem Jahr drei einheimische Produktionen von Regisseuren zu sehen, die zu den besten und eigenwilligsten des Landes gehören. Sie alle waren bereits erfolgreich auf der Berlinale vertreten. Der Wettbewerbsbeitrag "Was bleibt" von Hans-Christian Schmid erzählt von einer scheinbar harmonischen Familie, in der plötzlich tiefe Konflikte aufbrechen. Der Film ist eine Studie über ein verschwindendes bürgerliches Milieu, mit wunderbaren Schauspielern wie Corinna Harfouch und Lars Eidinger. Regisseur Christian Petzold hat wieder mit seiner Lieblingsschauspielerin Nina Hoss gedreht. In "Barbara" verkörpert sie eine Ärztin in der DDR, die nach einem Ausreiseantrag in die Provinz abgeschoben wird, ein Film über Anpassung und Widerstand, Opportunismus und Verantwortung.

Im winterlichen Norwegen spielt der dritte deutsche Film – "Gnade" von Matthias Glasner. Ein deutsches Ehepaar will im Norden ein neues Leben beginnen. Die beiden, gespielt von Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel, verstricken sich bald in tiefe Schuld. Die große Frage nach Vergebung wird inmitten der regungslosen Natur aufgeworfen. Selbst wenn sich die berühmte Regisseurin Doris Dörrie öffentlich über die "zu abgehobene" Wettbewerbsauswahl beschwerte, erhält ihr neuer Film "Glück" im Berlinale Special doch auch eine Festivalbühne. In den vergangenen Jahren wurden deutsche Filme auf der Berlinale mit Preisen geradezu verwöhnt, vielleicht setzt sich dieser Trend 2012 fort.

Die schwul-lesbische Berlinale

Auch in diesem Jahr präsentiert sich die Berlinale mit ihrem reichen Angebot in verschiedenen Sektionen als größtes schwul-lesbisches Filmfest der Welt und - mit der besonders ausgelassenen Teddy-Party. Sehenswerte Kandidaten für den schwul-lesbischen Filmpreis gibt es viele, vor allem auffällig gute Dokumentationen über die Geschichte der homosexuellen Emanzipation wie "Detlef" über einen schwulen Aktivisten der BRD oder "Unter Männern" über das Leben von Schwulen in der DDR. Kult-Regisseur Rosa von Praunheim widmet dem schwulen Comic-Künstler Ralf König den Porträtfilm "König des Comic". Alle drei Dokumentarfilme laufen in der Sektion Panorama. Unübersehbar ist auch, welche zarten, einfühlsamen und andeutungsreichen Liebesgeschichten in Spielfilmen wie "Westerland" (Perspektive Deutsches Kino) oder "Sleepless Knight" (Forum) erzählt werden.

Die Berlinale der Stars

Autogrammjäger, Fotografen und Fans müssen auch in diesem Jahr nicht auf den Glanz der Stars verzichten. Die politisch engagierte Angelina Jolie kommt nach Berlin, um ihr Regiedebüt "In the Land of Blood and Honey" vorzustellen. Der Film spielt während des Balkankonflikts und erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer bosnischen Frau und einem Serben. Weniger politisch, eher sehr persönlich ist der Film über Maggie Thatcher geworden – "The Iron Lady". Meryl Streep, die beim Festival für ihr eindrucksvolles Lebenswerk geehrt wird, verkörpert die ehemalige britische Premierministerin. Doch auch ein Star der jüngeren Generation, ein Teenager-Schwarm und berühmt als Vampir, kommt in die Stadt: Robert Pattinson. Nach mehreren erfolgreichen Verfilmungen kehrt Guy de Maupassants Roman Bel-Ami von 1885 ein weiteres Mal auf die Leinwand zurück. Der Film läuft außer Konkurrenz und führt den Hauptdarsteller Pattinson aufs Festival – sicher einer der umjubelten Auftritte auf dem Roten Teppich in Berlin, das für zehn Tage die Hauptstadt des Kinos wird.

Knut Elstermann, Filmkritiker bei Radioeins und Moderator des Berlinale Nighttalk.

Stand vom 08.02.2012

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 08.02.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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