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rbbonline | Berlinale

Ein traditionsbehaftetes Filmfest wie die Berlinale hat seine ganz eigenen Mythen und Legenden. Viele halten sich hartnäckig, wenige sind logisch nachvollziehbar. Fünf populäre Berlinale-Mythen haben wir genauer unter die Lupe genommen.
Mythos #1 – Der Gewinnerfilm steht schon fest
Stimmt. Jedenfalls, wenn man den absolut hypothetischen Kritiker-Berechnungen glauben möchte. Seit einigen Jahren hat sich ein gewisses Muster gebildet, das es einem offenbar erlaubt, allein anhand der Programmierung der Wettbewerbsfilme, den Gewinnerfilm vorherzusagen. Dieser Berlinale-Algorithmus lautet: Es gewinnt immer ein Film, der der Presse um neun Uhr morgens gezeigt wird und einer, der an den ersten fünf Tagen seine Premiere feiert. Ignoriert man kleine Ausnahmen von dieser Regel, dann erblickt der Siegerfilm am 14. Februar um neun Uhr das Licht der Welt. Demnach gratulieren wir dem sicherlich stolzen Vater der Werks, dem deutschen Regisseur Hans-Christian Schmidt, vorzeitig zum Sieg der 62. Berlinale. Sein Familiendrama "Was bleibt" hat es sicher verdient.
Mythos #2 – Stars gibt es nur im Berlinale-Palast
Das stimmt nur teilweise. Selbstverständlich laufen Tom Hanks, Sandra Bullock oder Clive Owen nur am Potsdamer Platz über den roten Teppich. Doch mittlerweile begegnet man den Stars auch in Wilmersdorf, im neueröffneten Haus der Berliner Festspiele, oder am Friedrichstadt-Palast. Auf der Leinwand hingegen tummeln sie sich zuhauf. Selbst in den Nebensektionen. Wenn man aufmerksam genug ist, dann findet man dieses Jahr sogar die Oscargewinnerin von 2011, Melissa Leo, im Forums-Beitrag "Francine" in einer beeindruckenden Hauptrolle.
Der beste Weg einem Star während der Berlinale leibhaftig zu begegnen ist immer noch dieser: Einfach in diversen Berliner Luxushotels wahllos mit dem Fahrstuhl durch die Gegend fahren. Die Wahrscheinlichkeit so mit Bill Murray, George Clooney oder Meryl Streep ein paar schweigsame Sekunden auf engstem Raum zu verbringen, ist gar nicht so gering wie man meint.
Mythos #3 – Finger weg vom italienischen Wettbewerbsfilm
Das stimmt. Absolut! In fast untrüglicher Regelmäßigkeit zeigt uns die Berlinale italienische Filme, die sie für preiswürdig erachtet. Die Qualität dieser Streifen erwies sich bisher immer als schmerzhaft schlecht. So überraschten uns die Italiener in den letzten Jahren mit einem nervigen, stummen Klosterfilm, einem vergessenswerten Bulemiedrama, einem überlangen Historienepos und einem kitschigen Männerselbstfindungstrip. Unnötig zu erwähnen, dass keines dieser Werke einen Goldenen Bären erhielt. Ob es sich dieses Jahr mit dem einzigen italienischen Beitrag "Cesar must die" anders verhält? Wir warten ab, erwarten aber nichts.
Mythos #4 – Auf der Berlinale wird nicht gelacht
Auch das stimmt. Meistens. Die Berlinale sieht sich seit jeher als politisches und damit ernsthaftes Festival. Hier sollen Filme gezeigt werden, die das Leiden der Welt thematisieren. Deshalb sehen wir Geschichten von Völkermord und Vergewaltigung, Folter und Kindersoldaten, Abtreibung und Mord. Gelacht wird da eher selten. Dabei gibt es kaum etwas Schöneres, als sich in einem ausverkauften Kinosaal die Lachtränen aus den Augen zu wischen. Auch dieses Jahr sind die Komödien, im fast 400 Filme umfassenden Festivalprogramm, rar gesät. Wer dennoch lachen will, hält sich am besten an unsere Tipps: "Ratanenko" aus Japan (Panorama), "Young Adult" aus den USA (Berlinale-Special) und "Punch" aus Korea (Generation).
Mythos #5 – Während der Berlinale ist es viel zu kalt
Stimmt, und zwar seit 1978. Damals wurde die Berlinale nämlich vom Sommer in den Winter verlegt. Eine folgenschwere Entscheidung. Wo man in Cannes oder Venedig nach den Filmen gerne am Strand spazieren geht und sich in lauwarmen Nächten stundenlang mit Besuchern unterhält, so flüchtet man während der Berlinale aus der Kälte und wärmt sich an seinem Rechner. Allerdings sollte man gefährliches Glatteis und unangenehmes Schneegestöber nicht unterschätzen. Sie führen unter allen Festivalbesuchern zu einer unerschütterlichen Solidarität. Man pflegt umgeknickte Fußgelenke, geht händchenhaltend über spiegelglatte Bürgersteige und versorgt sich gegenseitig mit warmen Kaffee. Der einzig ärgerliche Nachteil an der Sache: Nach der Berlinale sind alle ausnahmslos erkältet.
Patrick Wellinski
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
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