Sie sind hier:
rbbonline | Highlights


Mit dem Goldenen Bären der 63. Berlinale ist der rumänische Wettbewerbsbeitrag "Child's Pose" ausgezeichnet worden. Die Jury um Präsident Wong Kar Wai kürte die symbiotische Mutter-Sohn-Beziehung von Regisseur Călin Peter Netzer zum "Besten Film".
In "Child's Pose" geht es um eine Frau aus der rumänischen Oberschicht, die mit allen Mitteln versucht, ihren Sohn vor dem Gefängnis zu bewahren, nachdem der in einem Verkehrsunfall ein Kind totgefahren hat. Wie schon in seinem Film "Maria" (2003) gibt Netzer auch in "Child's Pose" anhand eines Familien- und Beziehungsporträts Einblicke in den moralischen Zustand der postsozialistischen rumänischen Gesellschaft.
Mit psychologischem Fingerspitzengefühl seziert der Regisseur das feine Netz familiärer Bindung, gegenseitigen Abhängigkeiten und Verletzungen. Bei diesem Projekt seien auch persönliche Erfahrungen eingeflossen, hatte Netzer während der Berlinale offenbahrt. Der Filmtitel bezieht sich auf eine Yogaübung (deutsch: Kindesstellung).
Mit dem Großen Preis der Jury wurde der Film "Epizoda u zivotu beraca zeljeza (An Episode in the Life of an Iron Picker)" geehrt, eine Koproduktion aus Bosnien-Herzegowina, Frankreich und Slowenien. Regisseur Danis Tanović erzählt darin die dramatische Geschichte einer Roma-Familie in Bosnien-Herzegowina, für die es bald um Leben und Tod geht. Wie viele andere Roma-Familien ihrer kleinen Siedlung leben sie von der Hand in den Mund. Als die Frau dringend medizinische Hilfe benötigt, fehlt das nötige Geld für die Behandlung. Das Krankenhaus weigert sich, zu operieren und schickt das Paar nach Hause zurück.
Der Film basiert auf der wahren Lebensgeschichte der Familie. Danis Tanović las in der Zeitung darüber und traf sich daraufhin mehrmals mit dem Ehepaar. "Ich wollte helfen, wusste aber nicht wie," sagte Tanović bei der Präsentation des Films in Berlin. Schließlich entstand die Idee, dass die beiden sich selbst spielen sollen." Das kleine achtköpfige Filmteam arbeitete umsonst; insgesamt kostete es 17.000 Euro, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen.
Lobende Erwähnungen sprach die Jury für Gus Van Sants Öko-Drama "Promised Land" und "Layla Fourie" von Pia Marais aus, der unter deutscher Beteiligung entstand. Es ist der dritte Spielfilm der in Südafrika geborenen Regisseurin. Zum Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie kam Marais nach Berlin, wo sie bis heute lebt.
"Prince Avalanche": Beste Regie für David Gordon Green
Als besten Regisseur zeichnete die Jury den Amerikaner David Gordon Green aus. Seine Komödie "Prince Avalanche" gehörte zu den positiven Überraschungen im diesjährigen Wettbewerb. Die Handlung spielt sich im Wesentlichen auf diversen Landstraßen in Texas ab. Die beiden Hauptfiguren, gespielt von Emile Hirsch und Paul Rudd, sollen die durch Waldbrände beschädigten Straßenmarkierungen erneuern - und werden im Verlauf ihrer Arbeit Freunde, obwohl sie sehr unterschiedliche Menschen sind.
Green präsentierte vor 13 Jahren seinen ersten Film auch schon auf der Berlinale. Aber auch die Zeit auf dem diesjährigen Festival begeisterte den Regisseur, wie er bei der Preisverleihung zugab. Berlin als Stadt sei ein "magischer Ort".
Die stärkste Frau im Wettbwerb: Paulina García ist "Beste Darstellerin"
Andreas Dresen überreichte den Silbernen Bären für die beste Darstellerin an Paulina García für ihre Rolle im Film "Gloria" – einer der vielen starke Frauen in diesem Wettbewerb. García dankte ihrem Regisseur Sebastián Lelio für die "unglaubliche Rolle". Der chilenische Film stellt die 58-jährige Gloria in den Mittelpunkt, die auf der Suche nach der Liebe fürs Leben ist.
Der Silberne Bär für den besten Darsteller ging zuvor an Nazif Mujic für seine Rolle im bosnischen Wettbewerbsbeitrag "An Episode in the Life of an Iron Picker", die Geschichte einer Roma-Familie in Bosnien-Herzegowina. Der Film ist mit den schlichten Mitteln einer Dokumentation erzählt: eine beobachtende Kamera, keine Lichteffekte, keine Musik. Umso stärker wirkt deshalb die Leistung der Darsteller.
Bestes Drehbuch: Jafar Panahis "Pardé"
Eine politische Entscheidung traf die Jury mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch: Der Preis ging an den iranischen Regisseur Jafar Panahi für seinen neuen Film "Pardé (Closed Curtain)". Panahi, der sich offen zur Opposition im Iran bekennt, hat in seiner Heimat seit Jahren Arbeits- und Ausreiseverbot. Bereits vor zwei Jahren war deshalb sein Stuhl in der Berlinale-Jury leer geblieben. Auch in diesem Jahr hatten hatten sich prominente Befürworter und Politiker bei der iranischen Regierung für Panahi eingesetzt – ohne Erfolg.
Co-Regisseur Kamboziya Partovi nahm den Preis an Panahis Stelle entgegen. "Es war noch nie möglich, einen Künstler und Denker aufzuhalten," sagte Partovi mit Blick auf Panahis Situation. Die beiden mussten den Film in aller Heimlichkeit drehen, buchstäblich hinter verschlossenen Vorhängen. Partovi sagte weiter: "Ich habe den Traum, dass jeder Künstler sich in seinem eigenen Land getragen von einem Gefühl der Sicherheit sich seinen Gedanken widmen kann - im Dienste des Friedens und der Menschlichkeit."
Herausragende künstlerische Leistung: Kamera in "Harmony Lessons"
Die Berlinale-Jury vergibt jeweils auch einen Silbernen Bären "für eine herausragende künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design". In diesem Jahr geht diese Auszeichung an den Kameramann Aziz Zhambakiyev für seine Arbeit in "Uroki Garmonii (Harmony Lessons)" - der erste kasachische Film, der jemals im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde. Regisseur Emir Baigazin erzählt darin am Beispiel eines gestörten Jugendlichen eine subtile Geschichte über Gewalt.
Mit dem Alfred-Bauer-Preis ehrte die Jury diesmal den kanadischen Film "Vic+Flo ont vu un ours (Vic+Flo haben einen Bären gesehen)" von Regisseur Denis Côté. Die Auszeichnung wird in Erinnerung an den Gründer des Festivals jeweils an einen Spielfilm vergeben, der "neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet". Coté bekam den Preis direkt aus der Hand des Jury-Vorsitzenden - und kommentierte dies mit "Stehe ich hier wirklich neben Wong Kar Wai?"
Mit 50.000 Euro für den besten Erstlingsfilm wurde der australische Regisseur Kim Mordaunt belohnt. Sein Film "The Rocket" lief in der Sektion "Generation" und zeigt das Leben einer Familie in Laos. Mordaunt freute sich ebsonders, dass mit dem Preis die, wie er sagte, "mutige Zusammenarbeit zwischen Australien, Neuseeland und Thailand" gewürdigt wurde.
Über den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm auf der diesjährigen Berlinale darf sich der französische Regisseur Jean-Bernard Marlin freuen, der den Preis "der Stadt seines Herzens" widmete, Marseilles. Die dreiköpfige Jury der "Berlinale Shorts" zeichnete ihn für seinen Film "La Fugue" aus. Einen Silbernen Bären bekam der deutsche Autor und Regisseur Stefan Kriekhaus für den Kurzfilm "Die Ruhe bleibt".
"The Broken Cicle Breakdown" ist der Publikumsliebling
Bereits vor der Preisverleihung steht fest: Der Spielfilm "The Broken Circle Breakdown" erhält den diesjährigen Panorama-Publikumspreis der Berlinale. Bei den Dokumentarfilmen setzte sich "The Act of Killing" gegen die Konkurrenz durch. Die offizielle Übergabe dieser Auszeichnungen findet am Sonntag, dem Berlinale-Publikumstag, statt.
Der Panorama-Publikumspreis wird seit 1999 verliehen. Während der gesamten Berlinale waren die Besucher aufgerufen, per Stimmkarte im Kino oder im Internet die Filme der Sektion Panorama zu bewerten. Insgesamt wurden über 28.000 Stimmen abgegeben.
Mehr als 275.000 Tickets verkauft
Die Berlinale war auch in diesem Jahr ein beliebtes Publikumsfestival. Bis zum Freitag sind mehr als 275.000 Tickets verkauft worden. Insgesamt rechnen die Veranstalter am Ende mit 300.000 Besuchern.
Nicht nur aufgrund der guten Besucherzahlen zog Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit eine positive Bilanz der Festspiele: "Auch in diesem Jahr erweist sich die Berlinale als echter Publikumsmagnet. Die Filmbegeisterung der Besucher aus aller Welt ist immer wieder aufs Neue beeindruckend", so Wowereit. "Die Tage des Festivals sind die Zeit, in der man auf den Straßen und am roten Teppich hautnah spürt, dass Berlin internationale Filmmetropole ist."
"Gläserne Bären" und "Teddys"
Preise gab es auch schon am Freitag. In der Sektion Generation 14plus erhielt "Baby Blues" aus Polen den "Gläsernen Bären" für den besten Spielfilm. Die Geschichte über junge Elternpaare zwischen dem Wunsch nach Freiheit und elterlichen Pflichten hat die siebenköpfige Jugendjury überzeugt: "Der auffällige Schnitt und die innovative Regieführung verleihen dem Film eine vielfarbige Dynamik", so das Juryurteil. Den "Gläsernen Bären" für den besten Kurzfilm erhielt in diesem Jahr die serbische Produktion "Rabbitland" von Ana Nedeljković und Nikola Majdak.
Die Berlinale widmet seit 1978 mit der Sektion Generation Kindern und Jugendlichen ein spezielles Filmprogramm.
Am Freitag wurde zudem zum 27. Mal der "Teddy Award", der schwul-lesbische Filmpreis der Berlinale, verliehen. Eine neunköpfige Jury wählte die Gewinner aus knapp vierzig Filmen mit queeren Themen aus allen Sektionen des Festivals.
Den Teddy für den besten Spielfilm hat in diesem Jahr "W imię... (In the Name of...)" gewonnen. Die Geschichte über einen schwulen katholischen Priester in Polen lief im Wettbewerb der Berlinale und hat schon da die Kritiker begeistert.
Neben der offiziellen Berlinale-Jury um Wong Kar Wai hatten in den vergangenen Tagen auch zahlreiche unabhängige Jurys ihre Favoriten des Festivals gekürt. Der Filmpreis von Amnesty International beispielsweise geht in diesem Jahr den australischen Film "The Rocket" von Kim Mordaunt. Für dden Internationalen Verband der Filmkritik war der rumänische Wettbewerbsbeitrag "Child's Pose" der beste Film der diesjährigen Berlinale; die Ökumenische Jury zeichnete den chilenischen Film "Gloria" von Sebastián Lelio aus.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/berlinale/rbbonline/news/news_teaser/baerenverleihung.html