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"Dark Blood"

Filmkritik

"Dark Blood" - Psychedelischer Spätwestern mit River Phoenix

Mitten in der verstrahlten Wüste von Utah trifft ein Pärchen auf einen durchgeknallten jungen Einsiedler. "Dark Blood" beschert uns ein Wiedersehen mit dem viel zu früh verstorbenen River Phoenix. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Mit einem Foto von dem Regisseur und seinem jungen Star beginnt der Film. Arm in Arm stehen beide vor der Hütte, in der die Geschichte zum Teil spielen wird. Sie lächeln in die Kamera. Sluizers Stimme ist zu hören, die erklärt, dass dieser Film der Versuch einer Vervollständigung sei. Ein Stuhl auf drei Beinen, sozusagen. Fertiggestellt ohne den zu früh verstorbenen Hauptdarsteller, eine letzte filmische Hommage an River Phoenix. Zehn Tage vor Ende der Dreharbeiten zu dem Spätwestern "Dark Blood" starb der charismatische Phoenix mit gerade einmal 23 Jahren an einer Überdosis Drogen. Das war 1993. 20 Jahre läuft der unvollendet gebliebene Film in einer rekonstruierten Fassung außer Konkurrenz auf der diesjährigen Berlinale.

Voodoo in der Wüste

Irgendwo in der rotleuchtenden Wüste von Utah. Weite, Sand, am Horizont Felsen und Gebirge – die Landschaft ist grandios, aber radioaktiv verseucht. Hier sind Harry (Jonathan Pryce), ein berühmter Schauspieler, und seine Frau Buffy (Judy Davis) mit ihrem Bentley auf der Durchreise zu ihrem zweiten "Honeymoon" – ein letzter Versuch, die bröckelnde Ehe zu retten. Mitten in der Einsamkeit geht das Auto kaputt. Auf der Suche nach Hilfe trifft Buffy auf Boy (River Phoenix). Der junge Witwer, ein Halbindianer, erwartet völlig zurückgezogen, nur mit seinem Hund und seinen selbst geschnitzten Voodoo-Puppen, das Ende der Welt.

Boy verspricht ihnen, sie zur nächstgelegenen Ortschaft zu fahren. Zwischen ihm und Buffy beginnt es zu knistern, was Harry wütend macht. Es kommt zu wortstarken Auseinandersetzungen. Langsam wird klar, dass Boy nicht mehr die Absicht hat, das Paar weiterreisen zu lassen. Er hält sie wie Gefangene, in der Hoffnung, mit Buffy in eine bessere Welt zu gelangen. Die Spannungen zwischen dem Trio spitzen sich zu. Schließlich kommt es zu einem finalen Showdown zwischen Harry und Boy.

Bevor ich sterbe…

"Dark Blood" ist ein psychedelischer Spätwestern mit grandiosen Bildern und einer schrägen, etwas zerrissenen Geschichte. Wen wundert’s: Freilich ist dem Film seine Entstehungsgeschichte anzumerken. Nach dem Tod seines Hauptdarstellers, erläuterte der mittlerweile 81jährige George Sluizer, der zuletzt 1998 mit "Der Commissioner" im Wettbewerb der Berlinale war, seien die Filmbänder an die Versicherung gefallen. 1999 habe er das Material vor der Vernichtung gerettet. Doch erst 2007, nach einer lebensbedrohlichen Krankheit, habe er sich wieder mit dem Film beschäftigt: "Ich habe mir gesagt, bevor ich sterbe, will ich "Dark Blood" fertigstellen."

Hommage an River Phoenix

Im Januar 2012 begann er mit der Endfertigung seines Films, der zum Todeszeitpunkt des jungen Hauptdarstellers zu etwa Zweidrittel abgedreht war. Doch selbst dieses Material war nur noch unvollständig erhalten, zum Teil fehlten Bild-, zum Teil Tonrollen. Sluizer, der so viel wie möglich von dem Originalfilm erhalten und gleichzeitig eine verständliche Geschichte erzählen wollte, löste das Dilemma indem er immer wieder Bilder einfriert und die fehlenden Drehbuchszenen aus dem Off nachspricht. Dadurch wirkt der Film natürlich collagenhaft und fragmentarisch, was aber ganz gut zu dem abgedrehten Plot passt. Als filmische Rekonstruktion ist der Film also ein durchaus interessantes und sehenswertes Experiment. Vor allem aber bringt er uns River Phoenix wieder auf die Leinwand. Selbst in diesem zusammengestückelten Western ist sein immenses Spieltalent spürbar. Phoenix spielt die Rolle dieses durchgeknallten Einzelgängers mit einer beunruhigenden Intensivität: wütend, sehnsüchtig verletzlich. Als habe er geahnt, dass es seine letzte sein würde.

Ula Brunner

Bilder

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Mehr zum Film

zibb, 14.02.13
Rückkehr eines Toten

Video 14.02.13

Rückkehr eines Toten

River Phoenix galt Anfang der Neunziger als eines der größten Talente Hollywoods - bis er an einer Überdosis Drogen starb. Erst 20 Jahre später hat nun ein Film mit dem jungen River Phoenix in der Hauptrolle Premiere gefeiert. [zibb]

Stimmen aus der Pressekonferenz

Tote zum Leben erweckt: "Dark Blood" von George Sluizer

1993 starb River Phoenix mit 23 Jahren, kurz vor Abschluss der Dreharbeiten zu dem Spätwestern "Dark Blood". 20 Jahre später zeigt Regisseur George Sluizer den unvollendeten Film auf der Berlinale. Die fehlenden Szenen wurden im Off nachgesprochen.

Nach dem Tod seines Hauptdarstellers, erläutert George Sluizer, sei das Material an die Versicherung gefallen. Er selbst habe die Filmrollen 1999 an sich genommen, da es sonst wahrscheinlich vernichtet worden wäre: "Ich wollte das Material retten. Das war meine ursprüngliche Motivation." In der Folgezeit arbeitete er zunächst an anderen Filmprojekten, bis er 2007 schwer krank wurde. "Mein Arzt sagte, ich hätte nicht mehr lange zu leben. Da hab ich mir gesagt, bevor ich sterbe, will ich noch 'Dark Blood' fertigstellen."

Rekonstruktion des Films

Als River Phoenix starb, sei der Film zu 75 Prozent abgedreht gewesen, erklärt er. Doch auch dieses Material sei zu dieser Zeit nur unvollständig erhalten gewesen, zum Teil habe Bild-, zum Teil Tonmaterial gefehlt: "Ich wollte so viel wie möglich von dem Material erhalten und trotzdem eine verständliche Geschichte erzählen." Die verschollenen Szenen liest er nun im Off aus dem Drehbuch vor - fast ein bisschen wie eine Stimme aus dem Jenseits.

Auch die letzte Einstellung, die sie mit Phoenix gedreht hätten, sei verloren gegangen, ergänzt Kameramann Edward Lachmann: "Es war in einem Tunnel, ein langer Dialog July Davis. Nachdem wir die Szene gedreht hatten, lief die Kamera noch weiter und es gab eine wunderbare Silhouette von ihm, wie er auf die Kamera zuging. Das war das letzte, was wir von ihm hatten. Es war etwas ganz Besonderes." Aber auch dieses Material gebe es leider nicht mehr.

Erinnerungen an River Phoenix

"Wir haben fast jeden Abend in Utah mit ihm und seinen Freunden zusammen zu Abend gegessen", erinnert sich Hauptdarsteller Jonathan Pryce. "Er war ein besonderer junger Mann, erst 23, ein alter Kopf auf jungen Schultern. Er war sehr engagiert, die Arbeit war ihm wichtig. Dass er Drogen nahm, habe ich in dieser Zeit nicht mitgekriegt."

Auch Sluizer hat nur die besten Erinnerungen an den jung verstorbenen Star: "Ich hab ihn ja schon vor dem Dreh kennen gelernt. Er kam oft zu mir ins Hotel mit seiner Gitarre, wir mochten uns. Ich respektiere Ältere, sagte er, sie haben mehr Erfahrung, sind weiser."

Ob der Film auch im Kino zu sehen sein wird, sei allerdings noch nicht sicher, sagt George Sluizer: "Die Verleihrechte sind noch nicht geklärt. Aber ich hoffe, dass es klappt."

Ula Brunner

Aufführungen auf der Berlinale

Do 14.02. (19 Uhr)
Berlinale Palast
(OV mit dt. UT)

Fr 15.02. (12:30 Uhr)
Friedrichstadt-Palast
(OV mit dt. UT)

Fr 15.02. (20:45 Uhr)
Haus der Berliner Festspiele
(OV mit dt. UT)

So 17.02. (21 Uhr)
Friedrichstadt-Palast
(OV mit dt. UT)

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