Filmkritik
Sinnloses Verbrechen in einer verschwindenden Welt
Mit dem russischen Wettbewerbsbeitrag beschließt Regisseur Boris Khlebnikov seine Trilogie über die Unvermeidlichkeit von Entscheidungen. In "Dolgaya schastlivaya zhizn" ist es eine ganze Kette von Ereignissen, die schließlich in einem sinnlos erscheinenden Verbrechen endet.
Ein Küstenort am Weißen Meer im Norden Russlands: einfache Holzhäuschen, eng an einen weiten Fluss gedrängt, Kiefernwälder und kleine Grundstücke, die früher private Bauernhöfe waren, bestimmen das Landschaftsbild. Moskau, das macht die erste Einstellung des Films bereits unmissverständlich klar, ist weit weg. Aber der bürokratische Arm des Staates reicht auch hierhin, in die tiefste russische Provinz. Hier pflanzt der junge Bauer Sasha (Alexander Yatsenko) auf einer ehemaligen Kolchose Kartoffeln an. Die Arbeit ist wenig einträglich. So ist ihm das Angebot der Beamten, sein Land gegen eine Entschädigung abzutreten, zunächst willkommen. Kann er doch endlich mit seiner Geliebten Anya (Anna Kotova), einer Angestellten in der lokalen Landesverwaltungsstelle, eine Wohnung in der Stadt kaufen.
Revolte und Verrat
Doch als er den Dorfbewohnern, die auf seinem Hof arbeiten, seine Entscheidung mitteilt, stößt er überraschend auf Widerstand. Sie haben Angst, ihre Lebensgrundlage zu verlieren. Solidaritätsrufe werden laut, gemeinsam will man den Hof verteidigen, sich zur Wehr setzen. Er, Sasha, dürfe sie nicht im Stich lassen. Die kleine Revolte verfehlt ihre Wirkung auf den jungen Bauern nicht. Tatsächlich versucht er nun, die staatlich Übergabe zu stoppen. Weder die Beamten noch seine Freundin Anya können sein Verhalten nachvollziehen. Aber Sasha bleibt bei seiner Entscheidung – auch als ihm nach und nach auch die Dorfbewohner die Solidarität aufkündigen. Als die Beamten schließlich mit einem Polizisten mit dem Vertrag auf dem Hof erscheinen, bahnt sich eine Katastrophe an.
Reale Bezüge und Authentizität
Gedreht mit Theaterschauspielern und Laiendarstellern an Originalschauplätzen erzählt der Film von einer verschwindenden Welt. Wie in anderen Regionen lohnt sich auch in Russland für viele Bauern die Landwirtschaft nicht mehr. Besitz wird veräußert, ganze Dörfer sterben aus, es gibt keine Arbeit, die Leute verkommen sozial. Vor diesem Hintergrund entfaltet Boris Khlebnikov ein zutiefst menschliches Drama um Vertrauen und Verrat. Und er tut dies auf die denkbar einfachste, zurückhaltende Weise. Ganz nah bleibt die Handkamera bei ihrem Hauptdarsteller Sasha, folgt ihm in das Büro der Verwaltung, wo er mit dem Beamten den Vertrag bespricht, auf den abgewirtschafteten heruntergekommenen Hof, ins Bett mit Anya. Diese dokumentarischen Momentaufnahmen, der völlige Verzicht auf jegliches Pathos, geben dem Film nicht nur eine greifbare Authentizität, sie ermöglichen auch die Anteilnahme an dem, was geschieht.
Tragischer Held?
Als Sasha gegen alle Widerstände die Farm behalten will, ist allen längst klar, was er sich selbst nicht mehr eingestehen will: Es lohnt sich nicht, diese Landwirtschaft weiter zu betreiben. Warum er trotzdem bei seiner Entscheidung bleibt? Der Film lässt die Gründe offen. Dennoch – und das ist die eigentliche Inszenierungskunst in diesem Drama – gelingt es Khlebnikov durch die Nähe, die er zu seinem Helden aufgebaut hat, dass man ihn in seiner Irrationalität verstehen möchte. Am Ende hat Sasha Blut an seinen Händen, ein Verbrechen ist geschehen. Und doch wirken die letzten Filmminuten wie ein Befreiungsschlag.
Ula Brunner