Filmkritik
Nun ade, du mein lieb Heimatland: Thomas Arslans deutscher Western "Gold"
Ein deutscher Western - kann das gut gehen? Wenn man wie Thomas Arslan mit seinem Film "Gold" das Genre ernst nimmt und es genussvoll mit deutschen Eigenheiten kontrastiert, kann daraus sogar überaus Beachtliches entstehen. Am Samstagabend ist der Film in den Wettbewerb gestartet.
Thomas Arslans bisherige Filme spielen in der Gegenwart. Viele von ihnen zeigen das Leben junger Deutschtürken. Mit "Gold" hat er nun seinen ersten historischen Film gedreht – und das Verhältnis von Deutschen und Migranten umgekehrt: In "Gold" sind die Deutschen selbst die Einwanderer. Doch werden sie weniger mit den Menschen in ihrer neuen Heimat konfrontiert als mit der Landschaft und vor allem sich selbst.
Straff organisierte Reise
Im Sommer 1898 bricht eine Gruppe von sieben Deutschen auf eine 1.500 Kilometer lange Reise durch Kanada auf. Der ganz große Goldrausch ist zwar schon vorbei, dennoch hoffen sie, noch ein paar Nuggets vom Glück abzukommen. Die Reise ist straff organisiert – zumindest dem Anschein nach. Wilhelm Laser (Peter Kurth) ist der Reiseleiter, er hat die Route geplant und nimmt den Ankommenden mit bürokratischer Korrektheit gleich zu Beginn den vereinbarten Geldbetrag ab.
Emily Meyer (Nina Hoss) ist die Letzte, die zu der Gruppe dazustößt – und aus ihrer Perspektive ist der Film größtenteils erzählt. Über Emilys Vergangenheit erfahren wir zunächst wenig: dass sie aus Bremen stammt und die vergangenen Jahre in Chicago verbracht hat. Auch die anderen reden kaum über sich. Der trinkfreudige Journalist Gustav Müller (Uwe Bohm) will über den Trek berichten, hofft aber selbst darauf, Gold zu finden. Rossmann (Lars Rudolph), ein Zimmermann, dessen Vornamen wir im Unterschied zu allen anderen nicht erfahren, braucht dringend Geld für seine vierköpfige Familie, die in New York in einem "feuchten Loch" haust.
Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser) sind für die Verpflegung unterwegs zuständig und fungieren hauptsächlich als abseits stehende Kommentatoren. Und dann ist da noch der Geheimnisvollste von allen: Carl Boehmer (Marko Mandić), der als Packer mit dabei ist und von zwei Männern gejagt wird.
"Ich möchte mich erst mit meiner Frau beraten"
Arslan sagt zwar, er verstehe seinen Film nicht als reinen Western, doch die motivischen Reminiszenzen an dieses uramerikanische Filmgenre sind zahlreich: Ein wortkarger Held hat ein dunkles Geheimnis. Ein Fremder auf der Durchreise warnt vor drohendem Unheil und versucht die Gruppe zum Umkehren zu überzeugen. Einer der Reisenden stellt sich als Verräter heraus. Und es ist sicher kein Zufall, dass die Gruppe ausgerechnet aus sieben Menschen besteht: „Die glorreichen Sieben“ heißt ein Western-Klassiker (der wiederum auf dem japanischen Klassiker "Die sieben Samurai" verweist).
Es ist eine lange, quälende Reise, auf die sich die wenig glorreichen Sieben in "Gold" begeben – und nicht alle erreichen am Ende ihr Ziel. Die Kamera kostet das Panorama Kanadas genüsslich aus. Arslan nimmt sich viel Zeit, seine Figuren nur beim Reiten durch die schier endlose Weite aus Hügeln und Wäldern zu zeigen. Geredet wird unterwegs nicht viel - und wenn doch, dann fallen dabei urdeutsche Sätze, die vor dem landschaftlichen Setting und mit dem Wissen um die coolen knappen Sprüche, für die Westernfilme bekannt sind, kurios wirken: "Ich möchte mich erst mit meiner Frau beraten", lautet ein solcher Satz. "Warum wir ihn nicht gleich aufhängen? Weil wir keine Barbaren sind! Verurteilte werden immer im Morgengrauen gehängt", lautet ein anderer.
In dieser Kontrastierung liegt der große Reiz von "Gold". Am sinnbildlichsten und schönsten ist er in einer kurzen Szene auf den Punkt gebracht: Rossmann singt das Volkslied "Nun ade, du mein lieb Heimatland". Er begleitet sich dazu auf dem Banjo – und zeigt dabei eine ungeahnte Nähe zwischen deutschem Wandersmann und amerikanischem Cowboy.
Fabian Wallmeier