Filmkritik
Heikle Liebe im Diätcamp: Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung"
Am späten Freitagabend ist der dritte Teil von Ulrich Seidls "Paradies"-Trilogie in den Wettbewerb der Berlinale gestartet. "Hoffnung" erzählt in für Seidls Verhältnisse geradezu leisen Tönen von einer Jugendlichen, die sich in einem Diätcamp in ihren Arzt verliebt.
Eine aus dem Leim gegangene Österreicherin um die 50 macht in Kenia als Sextouristin Urlaub. Ihre erzkatholische Schwester übt sich derzeit in ihrem Heimatort in Selbstauspeitschung und quält ihren plötzlich heimgekehrten muslimischen Ehemann. Und ihre 13-jährige Tochter muss die Ferien in einer Art Bootcamp für übergewichtige Jugendliche verbringen.
Diese drei Geschichten erzählt Ulrich Seidl in seiner "Paradies"-Trilogie. Der erste Film, "Liebe" hatte 2012 in Cannes Premiere, der zweite, "Glaube" in Venedig – und der dritte ist nun in Berlin uraufgeführt worden: "Paradies: Hoffnung". Ein solcher Festival-Hattrick ist zuletzt 1993/1994 Krzysztof Kieślowski mit seiner "Drei Farben"-Trilogie geglückt.
Melanie, genannt Melli (Melanie Lenz) muss abspecken. So hat es ihre Mutter beschlossen und sie deshalb für ein Diätcamp angemeldet. Sport steht dort auf dem Programm, den ihnen ihr Trainer (Michael Thomas) mit nahezu militärischem Drill verordnet. Die Kinder werden regelmäßig von einem Arzt (Joseph Lorenz) untersucht, einen undurchsichtigen Mann, in den Melli sich bald verliebt, obwohl er rund 40 Jahre älter sein dürfte als sie.
Drastische Bilder, gezielt eingesetzt
Ulrich Seidl ist bekannt dafür, schockierende Stoffe schonungslos zu zeigen. In "Tierische Liebe" etwa zeigt er halbdokumentarisch Menschen, die mit ihren Tieren leben wie mit einem Partner – auch in sexueller Hinsicht. Auch in den ersten beiden Teilen seiner Trilogie schreckt er nicht vor Drastik zurück: Bis ins letzte pornographische Detail zeigt er, wie in "Liebe" österreichische Damen einen kenianischen Callboy vernaschen. "Glaube" beginnt damit, wie sich seine Hauptfigur vor dem Kruzifix kniend minutenlang auspeitscht.
Im ersten Teil ist Seidls Drastik zwar schmerzhaft, aber gezielt eingesetzt – legt sie doch in brutaler Ehrlichkeit die Gefühls- und Gedankenwelten offen, die den Sextourismus älterer weißer Frauen in Afrika bestimmen. Im zweiten Teil hingegen treibt er es zu weit. Vielleicht muss man in seiner Jugend sehr unter dem katholischen Joch gelitten haben, um Seidls extraprovokativen Mix aus Kruzifix-Masturbation, Selbstkasteiung und Brutalität gegen behinderte Moslems nicht albern zu finden.
Im Vergleich dazu ist "Hoffnung" milde und geradezu sanft geraten. Seidl verzichtet darauf, die Kamera auf jede Speckfalte zoomen zu lassen und auch der heiklen Liebesbeziehung zwischen Melli und ihrem Arzt erspart er allzu drastische Bilder. Statt dessen nimmt er sich Zeit, die Wünsche und Hoffnungen des verliebten Teenagers ernst zu nehmen. In langen Einstellungen reden Melli und ihre Zimmergenossin über die Liebe, über das, was sie sich davon erhoffen.
Leiser Abschluss einer Trilogie
Der Arzt bleibt eine rätselhafte Figur. Er ist offenkundig überfordert von der Situation, dass ihm eine 13-Jährige nicht nur ihre Liebe zeigt, sondern auch sexuelle Gefühle in ihm zu wecken imstande ist. Auch wenn an einigen Stellen die Grauzone zwischen gerade noch Schicklichem und sexuell Übergriffigem gefährlich dunkel wird, vergeht er sich aber nicht an Melli. Die wiederum versteht seine vermeintliche Launenhaftigkeit als tiefe Kränkung.
Ein paar plakative Szenen hat Seidl natürlich doch in den Film eingebaut, wenn auch gottlob nicht zur sexuellen Dimension des Films. Zum Beispiel lässt er die Riege dicker Kinder im Takt der Trillerpfeife des Trainers ächzend über die Gymnastikmatten purzeln. Oder er lässt den Trainer sie "wie die Pferderl" im Kreis laufen. Dennoch ist "Hoffnung" ein vergleichsweise leiser Abschluss der Trilogie, der Seidl nach dem enttäuschenden zweiten Teil fast wieder auf der Höhe des ersten zeigt.
Fabian Wallmeier