Filmkritik
"W imię...": Mutig, aber etwas überfrachtet
Die polnische Regisseurin Małgośka Szumowska traut sich mit ihrem Wettbewerbsbeitrag "W imię..." (In the Name of) an ein Thema, das nicht nur in ihrer Heimat ein Tabu ist: Homosexualität unter Priestern. Dabei hat sie den Film aber bisweilen mit poetischen Stilisierungen überfrachtet.
"In jedem von uns gibt es einen Punkt, der nur Gott gehört, der heilig ist. Es ist die absolute Leere. Von diesem Punkt aus kreiert Gott unser Schicksal" – mit diesem Bild versucht der katholische Priester Adam seinen Zöglingen zu erklären, wie er selbst zum Glauben gefunden hat. Adam ist ein Spätberufener, der erst mit Anfang Zwanzig Priester wurde. Immer wieder hat er seither seine Pfarreien gewechselt, ist versetzt worden. Nun betreut er eine kleine Gemeinde in der tiefsten polnischen Provinz, wo er schwererziehbare Jugendliche aus problematischen Familienverhältnissen unter seine Fittiche genommen hat: Prügeleien, Saufereien, harte Witze gehören zur Tagesordnung.
Doch Adam mag seine Arbeit, und er kommt eigentlich mit den Jungs gut klar. Was keiner weiß: Für Adam ist das Priesteramt nicht nur Berufung. Das Zölibat ist auch sein Rettung vor der eigenen Sexualität: Denn Adam weiß, dass er eigentlich schwul ist. Und davor hat er Angst. Wenn die unterdrückte Leidenschaft zu stark wird, dann joggt er, stundenlang. Doch als er und der junge Humpty sich näher kommen, gerät seine mühsam aufrecht erhaltene Gefühls-Mauer ins Wanken.
Tabuthema – nicht nur in Polen
Mit starken Bildern nähert sich die polnische Regisseurin in ihrem vierten Spielfilm einem Thema, das nicht nur im erzkonservativen Polen noch immer tabubehaftet ist. Offiziell beurteilt die römisch-katholische Kirche in Polen Homosexualität als Krankheit. Inoffiziell ist die Dunkelziffer homosexuell veranlagter Priester überproportional hoch. Doch die Problematik ist auch im vergleichsweise liberalen Deutschland nicht unbekannt: Wurde doch dem katholischen Theologen David Berger nach seinem schwulen Coming Out die kirchliche Lehrberechtigung entzogen. In "W imię..." (In the Name of) verknüpft Regisseurin Małgośka Szumowska nun gesellschaftliche mit ethischen Fragen zu einer Geschichte über die Möglichkeit der Selbstfindung und inneren Befreiung. Ein Thema, das in ihrem Schaffen eine zentrale Rolle spielt. Bereits in der Schwangerschaftsgeschichte "Ono" (Leben in mir), das 2005 beim Filmfestival GoEast in Wiesbaden den Preis für die beste Regie erhielt, ging es darum, am Konflikt zu wachsen. Und in "33 Szenen aus dem Leben" (2008) spielte Julia Jentzsch eine junge Frau, deren Welt aus den Fugen gerät. In "W imię..." kommt die gesellschaftliche Brisanz des Themas, das von der Kirche immer wieder totgeschwiegen wird, allerdings etwas kurz.
Visuell beeindruckend aber etwas überfrachtet
Gelassen, episodisch, erzählt Małgośka Szumowska von dem inneren Gefängnis eines Menschen. Dabei geht es ihr nicht ausschließlich um die homosexuellen Neigungen ihres Protagonisten. Vielmehr zentriert sich die Handlung um Selbstbetrug, Bigotterie, Verleugnung und die vage Möglichkeit einer Erlösung. Dabei setzt der Film auf visuelle und szenische Kontraste, Überraschungsmomente und starke atmosphärische Bilder: Das unterkühlte Blau der Totalen, wenn Adam wieder joggend vor der eigenen Leidenschaft wegrennt, kontrastiert mit dem warmen, fast nostalgisch wirkenden Ockertönen der polnischen Landschaft. Dokumentarische Beobachtungen wechseln mit symbolisch aufgeladenen Szenen, die Bilder aus der Passionsgeschichte heraufbeschwören.
Starke Momente, wenn die Kamera nur beobachtet
Diese starke poetische Stilisierung ist aber auch ein Schwachpunkt des Films: Weniger wäre hier mehr gewesen. Offenbar hat die Regisseurin der Überzeugungskraft ihrer Geschichte und ihrer Darsteller - allen voran Andrzej Chyra – zu wenig vertraut. Dabei sind die stärksten Momente die, wenn die Kamera nicht interpretiert, sondern Adam einfach nur beobachtet: Auf der Kanzel, beim Joggen, mit Ewa, die ihn auffordert, ihr Geliebter zu werden, mit Humpty. Und immer wieder mit sich selbst alleine: Andrzej Chyra beeindruckt als Adam, dem die Einsamkeit und heimliche Verzweiflung über das nicht gelebte Leben in jede Pore des Gesichts geschrieben ist. Gleichzeitig wird dann, wenn die Kamera sich zurückzieht und den Figuren Raum lässt, jene Freiheit spürbar, die ihnen die Gesellschaft untersagt.
Ula Brunner