Eröffnungsfilm der Berlinale 2013
"The Grandmaster": Dialoglastiger Kung Fu in pittoreskem Ocker
Am Donnerstagabend ist die Berlinale mit "The Grandmaster" von Wong Kar Wai eröffnet worden. Der diesjährige Jury-Präsident verlässt sich darin auf seine filmischen Markenzeichen – und verliert sich in einer verworrenen Geschichte um Kampfeskunst und Ehre.
Nur darüber, was ihnen an den Filmen gefällt, will die Jury in diesem Jahr beraten, nicht über das, was ihnen nicht gefällt. So zumindest umschrieb Jury-Mitglied Susanne Bier am Vormittag das Vorgehen, das der Jury-Präsident Wong Kar Wai ausgegeben habe. Hätte die Jury auch über seinen Film zu reden, würde das Gespräch möglicherweise nicht allzu lange dauern. Denn allzu viel Gutes gibt es nicht über "The Grandmaster" zu berichten.
Der Großmeister der Kung Fu-Dynastie Gong tritt ab. Es sind unruhige Zeiten in China: Das Land droht in einen Nord- und einen Südteil zu zerfallen – und die japanische Invasion steht bevor. In Foshan im Süden des Landes trifft der Großmeister, der aus dem Norden stammt, zusammen mit seiner Tochter Gong Er (Zhang Ziyi) auf den in Foshan lebenden Kämpfer Ip Man (Tony Leung). Nicht in einem ehrwürdigen Palast sondern im Golden Pavillion, einer Mischung aus Oper, Bordell und Bar, soll Gong Re in einer Zeremonie seinen Abtritt besiegeln. Doch letztlich treiben die Kriegswirren alle auseinander.
Seiner Tochter hat der Vater alles beigebracht, seinen Schülern ebenfalls, allen voran Ma San, ein Waisenkind, das er einst zu sich genommen hat. Ihm hat er auch beigebracht, wie man die "64 Hände" beherrscht, die Essenz der von ihm entwickelten Kampfeskunst. Doch Ma San verrät den Großmeister, ermordet ihn und läuft zu den Japanern über. Gong Er schwört Rache – und das gegen den ausdrücklichen Willen ihres Vaters, der auf seinem Sterbebett darum gebeten hat, auf Rache zu verzichten.
Zahlreiche Sprünge in Ort und Zeit rauben den Überblick
Der Film springt zwischen den Orten und Zeiten, erzählt mal mit Hilfe von historisierenden Texttafeln - mal in den Off-Kommentaren von Ip Man und Gong Er - seine verworrene Geschichte. Die Stadt Foshan und am Ende Hong Kong sind die Hauptschauplätze. Aber es wird nicht immer klar, was in welcher Reihenfolge und warum passiert ist, und wie Ip Man eigentlich in diese Geschichte hineinpasst. Vielleicht bedürfte es dazu einer profunden Kenntnis der Ehrenkodices chinesischer Kampfkunst.
Wie man von Wong Kar Wai erwarten darf, erzählt er seine auf dem realen Leben des Ip Man beruhende Geschichte bildgewaltig und in farbkompositorischer Vollendung. Bemerkenswert sind vor allem die kleinen Räume, in denen der Film mit wenigen Ausnahmen angesiedelt ist: Bars, Bordelle, Wohnungen, Treppenhäuser, enge Straßen. Kameramann Philippe Le Sourd hat die Braun- und Ockertöne, die diese Schauplätze dominieren, hübsch in Szene gesetzt.
Kampfszenen voller pittoresker Bildästhetik
Doch Manches wirkt überzogen, wenn Wong Kar Wai sich allzu sehr auf seine Trademarks verlässt: geheimnisvolle düstere Dialoge in ebenso düsteren, aber farbecht ausgeleuchteten Räumen. Überhaupt ist "The Grandmaster" für einen Martial-Arts-Film sehr dialoglastig.
Die Kampfszenen ordnen sich Wongs unbedingtem Willen zur pittoresken Bildästhetik unter. In Zeitlupe wirbeln Hände durch die Luft, federn Schuhe nach halsbrecherischen Drehungen auf dem Parkett ab. Das Krachen brechender Knochen durchdringt den Score, der an diesen Stellen besonders pompös wirkt. Regendickicht peitscht durch die Szenerie, doch nur selten mischt es sich mit Blut.
Wong Kar Wai kann von Glück reden, dass er der Jury-Präsident ist und sein Film deshalb natürlich außer Konkurrenz läuft. Denn er hat zwar alles in allem einen ordentlichen Film gedreht. Aber preiswürdig ist dieser eigenartige Reigen um Ehre und Familie, Norden und Süden, Kampf und Verrat sicher nicht.
Fabian Wallmeier