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Es hatte alles so harmlos begonnen. Lothar W. biss an einem Sonntagmorgen in ein Mohnbrötchen. Sein Vorderzahn knackte und bröckelte trostlos in die Marmelade.
Wenige Stunden später lag er beim Zahnarzt. Der knallte sich auf seinen Praxisstuhl und rollte mit glattem Schwung zu Lothar hin.
"Haben Sie mit den Klitschkos gefrühstückt?", kicherte der Arzt.
"Nein, mit meiner Frau", stöhnte Lothar. Der Nerv lag frei. Sogar Einatmen tat weh. "Es war das erste Frühstück seit langem, bei dem wir uns nicht gestritten haben. Und dann so was! Wegen einem Mohnbrötchen!"
"Das Brötchen trifft keine Schuld", rief der Arzt, "ihre Zähne sind total verfault! Ich muss sie alle ziehen!"
Und schon verpasste der Arzt Lothar eine Vollnarkose.
Als Lothar erwachte, wollte er nach seiner Frau fragen, aber plötzlich gelang ihm kein deutsches Wort mehr. Er brachte nur noch Schnalz- und Klicklaute hervor.
Ein Linguist stellte fest, dass Lothar eine vom Aussterben bedrohte afrikanische Sprache beherrschte. Spezialisten aus aller Welt untersuchten ihn. Er wurde das berühmteste Forschungsobjekt unserer Zeit. Doch keiner konnte sein Wunder enträtseln.
Und Lothar? Er lernte nie wieder Deutsch. Seit ihn die Menschen nicht mehr verstanden, verstand er sich viel besser mit ihnen. Ganz besonders mit seiner Frau.
Marie Pohl
ist Schriftstellerin, Journalistin, Sängerin und Schauspielerin. Sie wurde in Hamburg geboren, wuchs in New York auf, studierte in Madrid und lebt heute in Berlin und New York. Für eine große deutsche Tageszeitung schrieb sie Porträttexte und führte zahlreiche Interviews.
Für ihr erstes Buch „Maries Reise“, das sie mit Anfang zwanzig schrieb, fuhr Marie Pohl um die Welt, um ihre Generation zu porträtieren. Das Buch wurde unter anderem ins Chinesische übersetzt.
Nun hat Marie Pohl mit "Geisterreise" ihr zweites Buch vorgelegt – wieder einen Reiseroman. Dieses Mal hat sie sich auf die Suche nach Geistern, Göttern und dem Übersinnlichen begeben – an den unterschiedlichsten Orten der Welt.






