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rbbonline | Roman in 200 Wörtern

Eigentlich hätten wir glücklich werden können. Wir hätten in unserem Garten auf der Bank gesessen, lauschig und in Eintracht mit der Welt.
So glücklich wären wir geworden, dass wir selbst den November für einen Traummonat hielten und den Job im Callcenter für die Karriere, nach der wir uns immer sehnten. Wir hätten entzückende Kinder und schillernde Feierabende errungen. Die Sonnenuntergänge wären endlos gewesen.
Aber Moment, ist Glück nicht ein überholtes Wort, an das nur noch millionenschwere Republikaner glauben? Geht es nicht in neun von zehn Fällen schief? Und im zehnten Fall auf die Kosten anderer? Ist Glück nicht unsozial, übertrieben und zänkisch, will es nicht ständig im Mittelpunkt stehen?
Eine Zicke, das Glück! Zu allem Überfluss so zerbrechlich, dass wir ständig besorgt sein müssen. Man kann nicht mehr durchschlafen und nicht in Urlaub fahren, nicht wütend werden und schon gar nicht wild loslachen, aus Angst, das Glück könne daran Schaden nehmen.
Glück - ist das nicht der kurze Moment vor dem Aufwachen, der in all den Stunden danach bitter schmeckt? Die große Liebe, an die man sich nur noch erinnert? Eigentlich hätten wir glücklich werden können, aber gottlob!, wir sind noch einmal davon gekommen. Glücklich, wer will das schon sein?
Nora Bossong
1982 in Bremen geboren, studierte in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut und an der Humboldt-Universität in Berlin Philosophie und Komparatistik.
Sie veröffentlichte die Romane Gegend (2007) und Webers Protokoll (2009). Bei Hanser erschien zuletzt der Gedichtband Sommer vor den Mauern (2011), der mit dem Peter Huchel-Preis 2012 ausgezeichnet wurde.
Ihr neuer Roman "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" ist gerade erschienen
(Hanser Verlag, 304 S., 19,90 Euro).
www.hanser-literaturverlage.de
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