Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe und Moderatorin Annemarie Brodhagen im Tierpark Friedrichsfelde (für die Sendung "Tierparkteletreff" 1976) © rbb/DRA/Nickel

Ost-Legenden - Curt Heinrich Dathe

Im Osten galt er 35 Jahre lang als populärster Tierparkdirektor, im Westen nannte man ihn den "Grzimek der DDR", denn er war ein Medienstar. Am 7. November 2010 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Jeden Sonntagmorgen hieß es im Berliner Rundfunk: "Im Tierpark belauscht". Noch 1990 war diese Sendung die Nummer 1 in der Publikumsgunst. Auch der "Tierparkteletreff" mit dem sächselnden Professor hatte im DDR-TV Kultstatus.

Als der Magistrat von Ost-Berlin 1954 beschließt, aus dem verwilderten Schlosspark Friedrichsfelde einen "volkstümlichen Zoo" zu machen, will der ehrgeizige Heinrich Dathe, damals noch stellvertretender Zoodirektor in Leipzig, diese "nationale Aufgabe" erfüllen.

Da er als Kind den Zoo eigentlich nicht mochte und ihn für ein Gefängnis hielt, wo man Tiere einsperrt, entwirft er eine 160 Hektar große und weitläufige Anlage mit vielen Freigehegen.

Prof. Dr. Dathe mit Affen auf dem Arm (November 1961) © rbb/Archiv Tierpark Berlin
Prof. Dr. Dathe mit Affen auf dem Arm (November 1961)

Das Paradies für Tiere macht weltweit von sich Reden

Auch im durch die Mauer geteilten Berlin macht sein "Paradies der Tiere" über die Grenzen hinweg von sich Reden. Der kleine Mann ist Chef des größten Zoos der Welt - das schafft der DDR Anerkennung auf diesem Gebiet und seine Zuchterfolge im Zoo bringen dem Land Devisen.

Im Gegenzug wird der international renommierte Zoologe in den Kreis derer aufgenommen, die im Sozialismus auf einer bürgerlichen Insel leben dürfen: Urlaube in der Schweiz, eine Haushälterin, der eigene Schneider, der eigener Fahrer. "Roter Bourgeois" wird der Professor gelegentlich genannt.

Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe (l.) mit jungem Hängebauchschwein (1956 in der Sendung "Sonntagmorgen in Spreeathen: Im Tierpark belauscht") © rbb/DRA/Günter Henning
Prof. Dr. Dathe im Interview

Doch er ist kein Genosse, mit Politik will er am liebsten nichts zu tun haben.

Nicht mehr. Als er nach russischer Kriegsgefangenschaft zurückkommt, will man das frühere NSDAP-Mitglied zunächst nicht beschäftigen, doch seine fachliche Kompetenz wird bald wieder gebraucht. Er gehört zu denen, die von nun an umso strebsamer sind, weil sie den Makel wieder gut machen wollen. Dathe und der Tierpark sind Synonyme.
Die Wiedervereinigung gerät zum persönlichen Schicksalsschlag für Heinrich Dathe. Die Ost-Berliner Behörden treten ihre Zuständigkeit an die Senatsverwaltung für Finanzen ab. Dem Zoologieprofessor, der trotz seines Ruhestandsalters weiterhin Chef des Tierparks geblieben war, wird gekündigt mit der Aufforderung, Dienstwohnung und Tierpark bis zum Jahresende 1990 zu räumen. Dazu kommt es nicht mehr. Dathe stirbt Anfang Januar 1991.
Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe im Tierpark Friedrichsfelde (1979) Quelle: rbb/DRA/Waltraut Sandau
Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe im Tierpark Friedrichsfelde (1979)
Der Film erzählt mit der Lebensgeschichte dieses Mannes exemplarisch die Widersprüche seiner Zeit. Denn als akribischer Tagebuchschreiber hat Curt Heinrich Dathe nicht nur Beobachtungen in seinem Tierpark protokolliert, sondern auch Eindrücke aus dem gutbürgerlichen Leben der DDR.

Film von Jens Rübsam und Dagmar Wittmers

Erstausstrahlung 07.09.2010/rbb