Symbolbild für Depression: Gehirn im Tunnel (Quelle: imago/Science Photo Library)
Bild: imago stock&people

- Die Wahrheit über... Depressionen

Die Depression gilt mittlerweile als Volkskrankheit. Dennoch ranken sich zahlreiche Irrtümer, Mythen und Kontroversen um die Erkrankung. Ist die Depression Ausdruck einer Lebenskrise oder unausweichliches Schicksal? Raiko Thal macht sich auf die Suche nach Fakten. Er begleitet Psychiater und Psychotherapeuten, Betroffene und Angehörige auf dem Weg zu den besten Behandlungsstrategien.

Können Menschen mit Depressionen gefährlich sein für sich und andere wie es der Fall des German Wings-Piloten nahezulegen scheint? Welche Therapien sind erfolgversprechend?

Die Depression zählt mittlerweile zu den häufigsten psychischen Erkrankungen: Insgesamt leiden in Deutschland fast fünf Millionen Menschen jedes Jahr an einer behandlungsbedürftigen Depression. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt mindestens einmal im Leben an einer depressiven Phase. Über die Hälfte aller Depressionen bleibt trotz Arztbesuch unerkannt.

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der zu behandelnden Patienten zugenommen. Das heißt aber nicht, dass die Krankheit als solche jetzt häufiger auftritt. Wissenschaftler sind sich uneins. Wahrscheinlich ist es eher so, dass heute mehr Menschen bereit sind, sich Hilfe zu suchen und sich zu dieser Krankheit zu bekennen.

Die Stresskrankheit des 21. Jahrhunderts

Innerhalb der nächsten zehn, zwanzig Jahre, da sind sich Wissenschaftler und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einig, wird die Depression zur gesundheitlichen Bedrohung Nummer eins werden – noch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Die Gründe: Experten erkennen die Depressionen besser und eher. Die abnehmende Stigmatisierung psychischer Probleme macht es leichter, eigene Probleme zuzugeben und sich Hilfe zu suchen. Menschen werden durch die veränderten Lebensumstände häufiger erkranken: Familien zerfallen, die Informationsflut macht es immer schwieriger, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, totale Erreichbarkeit und Jobunsicherheit lassen Privat- und Berufsleben verschmelzen. Die Depression ist die Stresskrankheit des 21. Jahrhunderts. Und wird es bei der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung auch weiterhin bleiben.

Das Seelenleid gilt als eine Störung der sogenannten Affektivität. Experten zufolge entsteht eine Depression, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. Zunächst bringt jeder Mensch eine gewisse genetische Veranlagung für die Erkrankung mit. Des Weiteren prägt der Erziehungsstil in der Familie. Neben dem Hormonhaushalt spielen also eine familiäre Veranlagung, sowie biologische und soziale Faktoren eine Rolle. Auch Traumatisierung in frühen Lebensjahren können zu einer Ausprägung beitragen. Die depressiven Symptome treten schließlich auf, weil das Gleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn gestört ist. Hinter der Depression steckt also ein gestörter Gehirnstoffwechsel, den Mediziner heute sogar mit bildgebenden Verfahren sichtbar machen können. Die Depression macht vor keiner Schicht und vor keinem Alter Halt. Selbst ein fröhliches Temperament schützt nicht vor der Erkrankung. 

Die Depression geht auf eine Dysbalance im Gehirn zurück

Die Depression entsteht im Gehirn. Die etwa 100 Milliarden Nervenzellen verleihen dem Menschen ganz besondere Fähigkeiten: Denken, Fühlen, Empfinden, Erinnern, Bewusstsein aber auch Unbewusstes spielen sich hier ab. Aber was passiert bei all diesen Prozessen, welche Bereiche arbeiten zusammen, um bestimmte Gefühle möglich zu machen: Freude und Antrieb ebenso wie Traurigkeit und Angst? Die Nervenzellen sind die kleinsten Einheiten im Gewebe des Gehirns. Die Kontaktstelle zwischen zwei Zellen ist der synaptische Spalt. Hier erfolgt die Übertragung des elektrischen Signals von einer Nervenzelle zur nächsten. Und das funktioniert durch Botenstoffe, die den Spalt zwischen den Synapsen überwinden können.

Für die menschlichen Emotionen sind verschiedene Regionen im Gehirn zuständig. Eine Schaltzentrale ist die Amygdala. Man nennt sie den Mandelkernkomplex. Bei emotionaler Erregung kommt es dort zu einer erhöhten Aktivität: Angst, Kummer, aber auch Freude oder Mitgefühl werden hier gesteuert und ausbalanciert. Die Botenstoffe, die es dazu braucht, heißen Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin. Serotonin steuert zum Beispiel Freude, Noradrenalin sorgt für Antrieb.

Geraten die Botenstoffe aus dem Gleichgewicht, drohen psychische Leiden. Unter dem Einfluss vermehrter Stresshormone kann es dann dazu kommen, dass bestimmte Hirnareale schrumpfen – im Kernspin lässt sich das nachvollziehen. Mit dem MRT können Radiologen beispielsweise die Größe bestimmter Hirnregionen visualisierbar machen, aber auch die Funktion. Mit der sogenannten funktionellen Kernspintomographie können sie also schauen, wie aktiv bestimmte Hirnregionen bei bestimmten Aufgaben sind und wie sich diese bei gesunden und depressiven Menschen unterscheidet.  

Experten unterscheiden nach Schweregrad

Ordneten Experten die Depression früher nach den Ursachen, unterscheiden sie heute vor allem, ob die Beschwerden eine einmalige Episode bleiben oder wiederkehren. Zudem ist entscheidend, ob die typischen Beschwerden wie anhaltende Traurigkeit, fehlender Antrieb und Niedergeschlagenheit leicht, mittel oder schwer ausgeprägt sind. Leicht- und mittelgradige Depressionen können psychotherapeutisch behandelt werden. Gruppentherapien mit anderen Betroffenen sind dabei Teil der Behandlung. Bei schweren Erkrankungen nehmen die Betroffenen zusätzlich Antidepressiva ein. Anders als Schlaf- oder Schmerzmittel machen diese Medikamente nicht abhängig.

Neue Antidepressiva sind sogenannte Serotoninwiederaufnahmehemmer. Diese Medikamente setzen im Gehirn an, dort wo Antrieb und Stimmung entstehen und modifiziert werden. Bis die erwünschte Wirkung eintritt, vergehen jedoch vierzehn Tage. Die modernen Präparate gehen mit relativ wenig Nebenwirkungen einher. Antidepressiva machen weder abhängig noch werden Patienten damit ruhig gestellt. Grundsätzlich gibt es derzeit für Antidepressiva eine höhere Akzeptanz in der Gesellschaft. Mit der richtigen Therapie sind depressive Phasen also durchaus heilbar. Betroffene sind hinterher wieder genauso belastungsfähig wie vorher. Dennoch sind Menschen, die zu Depressionen neigen, seelisch dünnhäutiger, bringen eine angeborene Verletzlichkeit mit, die bei Stress und bestimmten Auslösern wieder zu einer Episode führen können.  

Das Gefühl der Gefühllosigkeit

Der Verdacht auf eine Depression besteht, wenn Symptome wie komplette Antriebslosigkeit, starre Gefühllosigkeit, Traurigkeit und sozialer Rückzug anhalten, also mindestens vierzehn Tage bestehen. Betroffenen ist es – oft zum Unverständnis der Umgebung – nicht möglich, sich endlich mal zusammenzureißen. Ihnen fehlt die Kraft, selbst aus dem Loch wieder herauszukommen. Viele Betroffene berichten zudem, sich innerlich leer und tot zu fühlen. Die Freude und Lust am Leben wird durch die völlige Antriebslosigkeit ersetzt. Experten sprechen von dem Gefühl der Gefühllosigkeit. Betroffene haben also keinen Zugang mehr zu ihren Gefühlen, auch nicht zu den negativen wie beispielsweise Trauer. Sie fühlen sich eher schuldig, den Angehörigen gegenüber, dem Gesundheitssystem. Auffällig außerdem: ein permanentes Gefühl der inneren Anspannung, wie eine innere Alarmstimmung. Selbst eine Schwangerschaft kann bei einer Disposition zur Gefahr werden: Depressive Mütter fühlen sich nicht glücklich, sondern überfordert, hegen Suizidgedanken, fühlen sich mit dem Schutzbedürfnis des Neugeborenen alleingelassen.  

Die Depression wird schnell manifest

Bleibt eine solche depressive Phase länger unentdeckt, erhöht sich das Risiko, dass sich aus der depressiven Phase eine manifeste Depression über längere Zeit entwickelt und dass eventuelle Suizidgedanken in die Tat umgesetzt werden. Fakt ist: Wenn depressive Patienten einen Suizid-Gedanken verwirklichen, begehen sie meist eine sogenannte einsame Selbsttötung. Nur in seltenen Fällen nehmen sie einen nahen Angehörigen oder beispielsweise das neu geborene Baby mit in den Tod.

Depressionen haben viele verschiedene Ausprägungen. Forscher suchen nach immer besser passenden Therapien für jeden Typ. So kann auch denjenigen geholfen werden, bei denen herkömmliche Therapien wie Psychotherapie und Antidepressiva nicht anschlagen. Es lohnt sich immer, sich behandeln zu lassen. und die Scham, an dieser psychischen Erkrankung zu leiden, zu überwinden.  

Einige Patienten profitieren von der Stromtherapie

So gibt es für kleine Patientengruppen noch weitere Therapieansätze wie zum Beispiel Schafentzug oder Lichttherapie. Die Elektrokrampftherapie, also Stromstöße ins Gehirn, wird nur bei sehr schweren Verläufen eingesetzt. Weltweit ist sie ein anerkanntes Verfahren. Dabei werden Elektroden auf der Kopfhaut positioniert, während der Behandlung fließt dann ein Strom über die rechte Gehirnhälfte zwischen den beiden Elektroden. Die Patienten sind dabei in Vollnarkose. Ein Medikament hat ihre Muskeln weitgehend entspannt, damit sie sich nicht verletzten. Mit niedrigen Stromimpulsen wird ein epileptischer Anfall gezielt ausgelöst. Zur Kontrolle für die Ärzte zeigt nur ein krampfender Fuß an, dass die Behandlung wirkt. Die Behandlung wird sechs bis zwölfmal wiederholt. Tatsächlich führt die Elektrokrampftherapie nahezu jede psychiatrische Klinik in Deutschland mehrere 100mal im Jahr durch. Eine von der Berliner Ethikkommission genehmigte Studie untersucht zudem aktuell, ob Ketamin bei Depressionen hilft. Der Wirkstoff ist ursprünglich ein Narkosemittel für große Tiere wie Pferde und Elefanten. Bisherige Ergebnisse zeigen: Bei einem Teil der Patienten wirkt Ketamin relativ schnell, also innerhalb von Stunden. Das ist ungewöhnlich für Depressionen. Weitere Ergebnisse müssen abgewartet werden, bevor eine abschließende Bewertung möglich ist. 

Das Tabu ist gebrochen

Lange Zeit stand es für viele Betroffene nicht auf der Tagesordnung, überhaupt über die Depression zu sprechen. Zuzugeben, dass mit der Seele etwas nicht stimmt, fällt vor allem den Menschen schwer, die aktiv im Leben stehen. Berichten sie dennoch davon, stoßen sie nicht selten auf erstauntes Unverständnis. Seit einigen Jahren jedoch ist das gesellschaftliche Tabu zu großen Teilen gebrochen. Menschen haben die Scham über ihre Erkrankung überwunden und gehen mehr und freier an die Öffentlichkeit. Sie wollen von sich erzählen, über die Krankheit aufklären oder engagieren sich auch in einer Selbsthilfegruppe.

Wer sich erst einmal selbst einen Eindruck verschaffen will, ob er an einer Depression leiden könnte, findet auf der Website der Deutschen Depressionshilfe einen anonymen Selbsttest. Der Test kann nur einen ersten Hinweis geben. Weisen die Ergebnisse aber auf eine Depression hin, empfehlen die Experten, sich möglichst bald an einen Arzt, Hausarzt oder Facharzt für Psychiatrie zu wenden und mit ihm das weitere Vorgehen zu besprechen. Nur ein Fachmann kann richtig beurteilen, was hinter den Beschwerden steckt. 

Männer werden anders depressiv

Depressionen gibt es bei Frauen wie Männern, letztere sprechen jedoch lieber von Burnout und die Symptome sind andere: Typisch für eine männliche Depression sind halsbrecherische Hobbys, aggressives Verhalten, Süchte. Experten vermuten, dass drei bis vier Millionen Männer im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken. Davon versuchen sich geschätzte 100.000 jährlich das Leben zu nehmen. Der Suizid Robert Enkes 2009 hat die Diskussion um Burnout und Depression bei Männern erstmal deutschlandweit in Gang gebracht. Lange davor galt die Depression als eine Krankheit der Frauen. Sie sollen zwei bis drei Mal häufiger erkranken. Fachleute bezweifeln das immer häufiger. Denn nur weil psychische Erkrankungen bei Männern andere Merkmale aufweisen als bei Frauen, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Die Depression wird bei Männern immer noch oft übersehen. Auf zwei bis drei depressive Frauen kommt nur ein erkrankter Mann. Beim Suizid ist das Verhältnis genau umgekehrt. Da die meisten Suizide durch eine Depression ausgelöst werden, kann an den Betroffenenzahlen offenbar etwas nicht stimmen. Heute glauben Experten, dass Männer zumindest im höheren Lebensalter genauso oft an einer Depression erkranken. Von 10.000 Selbsttötungen jährlich entfallen drei Viertel auf die Männer, die im Allgemeinen seltener zum Arzt gehen und Therapien und Behandlungen gegenüber weniger offen sind. Dennoch wurden Depressionen bei Männern bislang kaum erforscht, demzufolge gibt es fast keine Therapieformen für Männer.

Eine Reportage von Erika Brettschneider (Erstausstrahlung: 11.11.2015)
Infotext: Beate Wagner

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