Willy Cohn und seine Frau Trudi beim Wandern in Schlesien, © rbb/Louis Cohn
Willy Cohn und seine Frau Trudi beim Wandern in Schlesien, vermutlich Dezember 1936.

Das Tagebuch des Willy Cohn - Ein Jude, der Deutschland liebte

"Es ist trotz all dem sehr schwer, sich die Liebe zu Deutschland ganz aus dem Herzen zu reißen", schreibt Willy Cohn Anfang 1933.

Der Historiker ahnt, was auf die Juden zukommt – und kann sich dennoch nicht von dem Land trennen "dessen Sprache wir reden und dessen gute Tage wir auch miterlebt haben!"

Er wird mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern im November 1941 in Kaunas, Litauen, erschossen. Sie gehören zu den ersten Opfern der systematischen Mordaktionen der Nazis.

Sein Tagebuch hatte er in Sicherheit gebracht. Die Veröffentlichung des Tagebuchs ("Kein Recht, nirgends") war 2006 eine zeitgeschichtliche Sensation.
1.200 Seiten über das Leben seiner Familie, über die zunehmende Marter der Juden, die seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten "in einer Mausefalle" saßen: Willy Cohn beschreibt auch die Qual eines Patrioten, der sein Vaterland liebte, und eines gläubigen Juden, der sich ein neues Leben nur in "Erez Israel" vorstellen konnte.
Als der Entschluss auszuwandern fiel, war es zu spät. Seine drei ältesten Kinder Louis Wölfl, Ernst und Ruth hatte Willy Cohn noch rechtzeitig nach Frankreich und Palästina geschickt. So überlebten sie.
Autorin Petra Lidschreiber hat die drei filmisch begleitet: Nach Wroclaw – Louis Wölfl besucht seine Heimatstadt zum ersten Mal seit 74 Jahren – und nach Israel.

Ein anrührender filmischer Dialog zwischen den Kindern und ihrem ermordeten Vater entsteht: Warum kehrte Willy Cohn wieder zurück, als er 1937 mit seiner Frau den Sohn Ernst in Palästina besuchte? Warum zögerte er, die deutsche Heimat zu verlassen?

Tochter Ruths Stimme versagt, als sie sich erinnert: "Es hätte so nicht enden müssen ...!" Drei Jahre vor seinem Tod hatte Willy Cohn notiert: "Meine Hoffnung ist, dass meine Kinder meinen Namen in meinem Sinne fortsetzen werden ..." Am Ende des Films versammelt sich eine Vier-Generationen-Familie zu einem Gruppenfoto. Sie haben Willy Cohns Wunsch wahr gemacht.

Film von Petra Lidschreiber

Erstsendung: 26.11.08/ ARD 1.