- Interview mit Dr. Rainer Karlsch – Historiker
Vor 75 Jahren wurde in Berlin die Kernspaltung entdeckt. Als sie wenig später in der renommierten Fachzeitschrift "Die Naturwissenschaften" veröffentlicht wurde, zu welchen Reaktionen kam es da?
Die Kernspaltung wurde nicht von Physikern entdeckt, sondern von einem berühmten Chemiker, von Otto Hahn. Er war sich gar nicht sicher, was das bedeutet und hat darüber rege kommuniziert, vor allem mit Lise Meitner. Erst im Frühjahr 1939 wurde der Physikergemeinde weltweit klar, was diese Entdeckung von Hahn bedeutet, nämlich eine lawinenartigen Freisetzung von Neutronen und damit eine gewaltige Energiequelle. In der ganzen Welt haben Physiker darauf ähnlich reagiert, sie haben ihre Regierungen informiert. Dies geschah in Deutschland, aber auch in England, in den USA, in Japan und in der Sowjetunion.
Nikolaus Riehl war einer der ersten, der sich ans Heereswaffenamt wandte und auf den militärischen Wert dieser Entdeckung hinwies.
Wie kam der heute nicht mehr so bekannte Physiker Nikolaus Riehl dazu?
Nikolaus Riehl hat bei Otto Hahn promoviert und von daher war er besonders nah an den epochemachenden Entdeckungen des KWI für Chemie gewesen. Er hat sehr rasch mitbekommen, was unter Chemikern und Physikern diskutiert wird, und er hat auch sehr klar die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieser neue Entdeckung für sein Unternehmen, die Auergesellschaft in Berlin-Oranienburg, erkannt. Daher setzte er sich dafür ein, bei der Auergesellschaft einen neuen Produktionszweig zu eröffnen, die Herstellung von Uranoxid.
Die Auergesellschaft gehörte in der Zeit vor dem II. Weltkrieg zu den mittelgroßen Unternehmen der aufstrebenden Branche. Als Spezialchemiekonzern und vor allem in der Forschung war das Unternehmen auf einigen Gebieten führend. Bitte umreißen Sie die Geschäftsfelder des Konzerns.
Die Auergesellschaft war ein bedeutender Produzent von Gasmasken. Das war ihr Hauptgeschäftszweig. Desweiteren hat sich die Firma mit der Herstellung von radioaktiven Verbindungen beschäftigt, vor allem wurde Monazitsand zu Mesothor verarbeitet. Die Auergesellschaft war ständig daran interessiert, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über radioaktive Elemente aufzugreifen um diese wirtschaftlich zu verwerten. Deshalb hat die Auergesellschaft auch eine gut ausgestattete, und mit hervorragenden Wissenschaftlern besetzte Forschungsabteilung aufgezogen, die sich mit der Herstellung radioaktiver Substanzen befasste. Diese Forschungsgesellschaft war sehr eng mit verschiedensten Berliner Forschungseinrichtungen, dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, aber auch mit der OSRAM-AG vernetzt.
Dazu gehörten das Uran und dessen Verbindungen, für die man vor der Entdeckung der Kernspaltung kaum Verwendung hatte. Und, da brauchbares Uran in der Natur nur in sehr geringen Konzentrationen vorkommt, für eine Nutzung aufwändig aufbereitet werden musste.
Zunächst einmal hat die Auergesellschaft Radium in sehr kleinen Mengen verarbeitet, um es als Leuchtmittel einzusetzen. Das war erst einmal der technisch wichtigste Verwendungszweck für Uran und Radium. Man muss wissen, dass im Frühjahr 1939, nach der Besetzung und Zerschlagung der Tschechischen Republik, die Auergesellschaft Miteigentümer der größten Uranmine in Europa wurde, der Joachimsthaler Uranminen. Die Auergesellschaft bekam jährlich eine bestimmte Menge an Uranerzen aus der besetzten Tschechoslowakei geliefert und hat diese dann verarbeitet.
Wie wurde das Uranerz verarbeitet und welche Rolle spielten dabei Isotope wie Uran 235?
Das Uran 235 spielt zunächst noch gar keine Rolle. Es ging zunächst nur darum, dass Uranerz zu zerkleinern, zu zermahlen und soweit aufzubereiten, dass man daraus Radium gewinnen konnte. Ab 1940 ging es dann auch um die Herstellung von Uranoxid. Dazu wird das Natururanerz zerkleinert und zu einer pulverförmigen Masse zusammengepresst.
Es ging bei der Auergesellschaft nicht um die Uranisotopentrennung. Das ist ein technisch äußerst aufwendiger Prozess. Damit hatte die Auergesellschaft nichts zu tun.
1939 wird Nikolaus Riehl zum Direktor der neu geschaffenen "Wissenschaftlichen Hauptstelle" der Auergesellschaft ernannt. Ein Karrieresprung mit großen Chancen, sich wissenschaftlich hervorzutun. Warum ist Riehl gerade am Ausbau der Uranoxidproduktion interessiert?
Auslösendes Momentum sind die Aufträge des Heereswaffenamtes. Das Heereswaffenamt hat den bereits in Gründung befindlichen „Uranverein“, eine Gemeinschaft von zirka 100 Wissenschaftlern, übernommen und diese Wissenschaftler für militärische Zwecke eingesetzt. Die Wissenschaftler wurden „uk“ gestellt, waren also unabkömmlich, und mussten nicht an die Front. Der Uranverein hat damit begonnen, Reaktorversuche zu konzipieren. Dafür brauchte man vor allem zwei Dinge: Uranoxid und schweres Wasser als Moderator. Uranoxid war nicht genügend vorhanden. Deshalb ist die Auergesellschaft vom Heereswaffenamt beauftragt worden, größere Mengen dieses Pulvers herzustellen. Schon Anfang 1940 war Nikolaus Riehl in der Lage, eine Anlage in Oranienburg aufzubauen, mit der Uranoxid hergestellt werden kann. Es gab weltweit nichts Vergleichbares. Also die Auergesellschaft, in Kooperation mit der Degussa in Frankfurt/Main, hatte bei der Herstellung von Uranoxid durchaus einen Vorsprung.
Obwohl die Auergesellschaft seit 1934 ein 100 prozentiges Tochterunternehmen der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt in Frankfurt am Main war, konnte die Firma weitgehend eigenständig operieren. Warum und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Degussa?
Degussa war die Muttergesellschaft. Degussa hat 1934 die Auergesellschaft im Zuge einer Arisierung gekauft. Damit konnte die Degussa ihren Umsatz schlagartig mehr als verdoppeln, denn die Auergesellschaft war größer als Degussa. Es gab eigentlich wenig Berührungspunkte zwischen beiden Unternehmungen, außer der Tatsache, dass bei der Degussa Thoriummetall hergestellt wurde. In dem Moment, in dem Auer beauftragt wurde, nicht nur Uranpulver, sondern auch Uranmetall herzustellen, wurden die Verfahren, die es bei der Degussa schon gab, wichtig für die Auergesellschaft, d.h. die Degussa in Frankfurt am Main hat das Uranoxid dann weiter verarbeitet. Das fertige Uranmetallpulver wurde an die Auergesellschaft in Oranienburg wieder zurück geliefert, die dann wiederum den nächsten Verarbeitungsschritt eingeleitet hat.
Den erhaltenen Akten nach zu urteilen, ist die Überlieferung der Geschäftsbeziehungen beider Unternehmen stark fragmentiert.
Woran liegt das?
Das Uranprojekt war ein Geheimprojekt. Es galt als Geheime Reichssache. Daher wussten die Verantwortlichen bei der Degussa bis 1941/42 nicht wirklich, warum die Auergesellschaft ein "Spezialmetall" herstellen wollte. „Spezialmetall“ war ein Tarnname für Uranmetall. Das heißt, die Geheimhaltung war so perfekt, dass selbst der Vorstand der Muttergesellschaft nicht genau wusste, was in der Tochtergesellschaft mit diesem Uranmetall eigentlich passiert und warum man es herstellt.
Spezialmetall" oder auch "Präparat 38" waren Tarnnamen für ein und dieselbe Sache - Uranoxid. Was ist darunter zu verstehen, wurde es nur in Oranienburg produziert und mit welchen Mengen wurde gearbeitet?
Die Auergesellschaft war eine der wenigen Firmen überhaupt, die Uranoxid in hochreiner Form produzieren konnte. Und, was hinzukommt, sie war die erste Firma, die diesen Vorgang angestoßen hat. Sie hatten also einen Vorsprung vor möglichen Konkurrenten. Auer hat bis 1942/43 im wesentlichen Uranmetall in pulverisierter Form hergestellt, durchaus in beachtlichen Mengen. Aber dieses Uranmetallpulver hatten einige sehr problematische Eigenschaften. Es war leicht entflammbar, es war sehr giftig und ließ sich technisch nur sehr schwer handhaben.
Es kam zu einem Unfall, das ist ja bekannt. In Leipzig, bei den ersten Versuchen, die Heisenberg und Döpel mit Uranmetallpulver und schwerem Wasser durchführten, ist es zu einem Uranbrand, dem ersten Uranbrand weltweit, gekommen. Dieser Brand gab den Ausschlag dafür, dass man fortan darauf verzichtete, mit Uranmetallpulver zu arbeiten. Stattdessen setzten die Wissenschaftler auf feste Uranverbindungen, also auf Uranmetall. Auch das hat dann die Degussa in Zusammenarbeit mit der Auergesellschaft hergestellt.
Damit wären wir bei Nikolaus Riehl. Inwieweit ist seine Forschungsabteilung an der Entwicklung dieser revolutionären Technologie beteiligt?
Nikolaus Riehl war der entscheidende Mann, was die Herstellung von Uranverbindungen und insbesondere von Uranmetall betrifft. Er hat sich an die Degussa gewandt, um dort die Schmelzöfen zu nutzen, um nicht nur Thorium, sondern auch Uranmetall herstellen zu können. Er war die treibende Kraft, der diese Produktion vorwärts gebracht hat. Die Degussa hätte auch weit größere Mengen an Uranmetall herstellen können als es dann tatsächlich geschah. Was fehlte, waren die staatlichen Aufträge. Wir dürfen das auch nicht überschätzen, es war ein vergleichsweise bescheidener Geschäftsumfang, den die Uranproduktion im Gesamtkontext des Degussa-Konzerns ausgemacht hat. Damit konnte man kein Geld verdienen und insofern war es für die Konzernspitze nicht das entscheidende Produkt sondern nur eines von vielen.
Trotzdem werden bis Kriegsende etliche Tonnen produziert, auch wenn für das Kilogramm Uranmetall nur etwa 80 Reichsmark erzielt werden konnten. Nikolaus Riehl muss fest an diesen Geschäftszweig geglaubt haben denn nicht umsonst wurden weiter Uranverbindungen in großen Mengen erworben. So auch bei der Besetzung von Belgien und Frankreich im Jahre 1940.
Die Besetzung von Belgien und Frankreich bringt einen gewaltigen Fundus an Uranverbindungen in deutsche Hand. Die Vorräte der Union Minére fielen in deutsche Hand. Das war die Firma, die weltweit die meisten Uranerze abgebaut hat, nämlich in Belgisch-Kongo. Ein Teil der Vorräte der Union Minére ist noch 1939 nach New York geschafft worden. Dort lagen diese mehrere hundert Tonnen bis Mitte 1942 unbeachtet in einem Lagerschuppen und erst als das amerikanische Atomprojekt in Gang kam, hat sich der Chef der Union Minére an General Leslie Groves, dem militärischen Leiter des amerikanischen Atomprojektes, gewandt und seine Uranvorräte den Amerikanern angeboten. Der Löwenanteil befand sich zu diesem Zeitpunkt aber in deutscher Hand. Die Uranverbindungen wurden nach Staßfurt und in andere Lagerstätten geschafft. In die Uranaufbereitung wurde auch die Union Minére eingeschaltet.
Das sind ja relativ neue Fakten. Welche Unterlagen liegen dieser Erkenntnis zugrunde?
Es gibt die Unterlagen der ROGES-GmbH, also der Rohstoffgesellschaft, einer Tarnfirma des Reichswirtschaftsministeriums. Diese Gesellschaft war zuständig für den gesamten Rohstoffhandel mit den besetzten Ländern. Die ROGES hat unter anderem mit der Union Minére Verträge geschlossen. Also Geschäftsbeziehungen, die dazu führten, dass große Mengen der Uranverbindungen, die zuvor nach Deutschland gebracht wurden, zur Aufbereitung wieder nach Belgien gingen und dann wieder zurück nach Deutschland kamen. Diese Geschäfte liefen bis zur Befreiung Belgiens, also bis zum Herbst 1944.
Die Union Minére unterhielt in Olen in Flandern ein ganz ähnliches Werk zur Aufbereitung von Uranoxid wie die Auergesellschaft in Oranienburg. Was weiß man heute darüber?
Die Union Minere war der weltweit größte Produzent von Uranerzen und auch der größte Produzent von Radium. Die Belgier waren auch der Auergesellschaft voraus, einfach weil sie jahrzehntelange Erfahrungen hatten. Sowohl Union Minére als auch Degussa und die Auergesellschaft wären in der Lage gewesen, noch größere Mengen an Uranmetall herzustellen, wenn sie dafür die Aufträge bekommen hätten. Riehl sagte das ja nach dem Krieg. Er habe nicht verstanden, warum das Heereswaffenamt oder der Reichsforschungsrat seiner Firma nicht noch viel mehr Aufträge erteilte. Man kann also sagen, an den Firmen, an den deutschen Firmen als auch an den Firmen, die mit den Deutschen kollaboriert haben, ist das Uranprojekt nicht gescheitert. Sie wären in der Lage gewesen noch größere Mengen Uranmetall herzustellen.
Gibt es neue Erkenntnisse warum das deutsche Uranprojekt letztendlich gescheitert ist?
Das deutsche Atomprojekt beginnt vor dem Zweiten Weltkrieg. Das ist wichtig festzuhalten, denn in keinem anderen Land gab es eine ähnlich vergleichbare Forschungsstruktur schon vor Kriegsbeginn. Zirka einhundert Wissenschaftler werden im Uranverein lose zusammen geführt, unter der Regie des Heereswaffenamtes. Sie entwickeln Theorien, wie man einen Reaktor bauen kann und sie entwickeln dann auch Theorien, wie man aus diesem Reaktor einen Spaltstoff gewinnen kann. Also der Uranverein weiß Mitte 1940, dass es zwei Wege zur Atombombe gibt. Zum einen Uran hoch anzureichern und zum Anderen einen Reaktor zu bauen und das neue Element Plutonium, das in dem Reaktor entsteht, zu entnehmen. Soweit war das von der Theorie her klar. Die Frage ist, wie kann man diese Theorie in die Praxis umsetzen? Und da gab es in der Tat Entscheidungssituationen, in denen die führenden Wissenschaftler zögerten. Bis heute gibt es verschiedene Meinungen wie das Verhalten von Heisenberg, Hahn und anderen einzuschätzen ist. Fakt ist, in dem Moment als es darum ging, den Uranverein in ein großtechnisches Projekt überzuleiten, setztw das große Zögern ein. Als Heisenberg von Rüstungsminister Speer gefragt wird „Was brauchen Sie an Geld?“ da antwortet er „40.000 Reichsmark!“. Das war eine lächerliche Summe und damit war für die Militärs klar, das ist ein wichtiges Projekt das weiter gefördert werden soll aber kriegsentscheidend ist es nicht.
Es gab neben dem Uranverein noch andere Gruppen, die weiter gehen wollten. Das war eine Forschungsgruppe des Heereswaffenamtes unter Leitung von Kurt Diebner, die saß in der Nähe von Berlin in Gottow und das war eine Gruppe, die durchaus Willens war, bis zur Bombe zu kommen. Es gab Gruppen bei der Reichspost, auch bei der SS, alles Gruppen über die wir vergleichsweise wenig wissen.
Bei Recherchen zu einem Buch über das deutsche Atomprojekt haben Sie 2005 entdeckt, dass der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, Assistent von Werner Heisenberg, 1942 ein Patent einer Plutoniumbombe angemeldet hat. Wie kam es dazu?
Die Weltgemeinde der Physiker, die sich mit der Kernspaltung beschäftig hat, war ja relativ klein. Man hatte gemeinsam studiert, überwiegend in Göttingen, man kannte sich und Carl Friedrich von Weizsäcker las natürlich die amerikanischen Fachzeitschriften, die bis Anfang 1941 frei zugänglich waren. Weizsäcker las in einer amerikanischen Zeitschrift, dass in einem Reaktor neue Elemente entstehen und er hat dann selber weiter darüber nachgedacht und unabhängig von seinen amerikanischen Kollegen herausgefunden, dass in einem Reaktor die Elemente 93 und 94 entstehen werden. 94 war Plutonium.
Das war ein Wendepunkt in der Theorie des Kernreaktors und auch der Kernforschung. Es war, wie Heisenberg es ausdrückte, "der gerade Weg zur Bombe". Man baut einen Reaktor, vergrößert diesen Reaktor und schafft es dann innerhalb von einigen Monaten so viel Plutonium zu gewinnen, das man einen Spaltstoff hat, der für eine Bombe tauglich ist. Soweit war die Theorie Anfang 1941 in den USA und in Deutschland klar. Die Frage war nun, wie man diese Theorie in die Praxis umsetzt und da gehen die Wege dann deutlich auseinander. Während die Amerikaner mit großem Aufwand beginnen Reaktoren zu bauen, bleibt das deutsche Uranprojekt immer weiter zurück. Das hängt mit technischen Engpässen zusammen, zum Beispiel dass man nur sehr wenig schweres Wasser zur Verfügung hat, es hängt aber auch mit einer zögerlichen Haltung der Akteure zusammen, die, weil sie wissen wohin dieser Weg führen kann, Bedenken bekommen und das Wort "Bombe" aus sämtlichen Dokumenten verschwinden lassen. Das kann meines Erachtens kein Zufall gewesen sein. Während Carl-Friedrich von Weizsäcker noch im Sommer 1941 davon schreibt, das Plutonium für eine Bombe Verwendung finden kann, verschwindet dieses Wort bei den nächsten Schriftsätzen des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik völlig aus dem Schriftverkehr. Es ist nie wieder von Bombe die Rede, sondern nur noch von einer "Uranmaschine" zur Energieerzeugung. Das war schon ein Stückweit Taktik, die Heisenberg und andere angewendet haben, um einerseits die staatliche Förderung zu behalten, denn Energieerzeugung war wichtig für die Kriegsführung, aber andererseits nicht vor die Entscheidung gestellt zu werden, eine Bombe "zu machen". Soweit würde ich gehen in der Interpretation um das eigenartige "Plutoniumbomben-Patent" Weizsäckers. Es wird ihm regelrecht aus der Hand genommen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik reicht dann ein Patent gemeinschaftlich ein, da ist von Weizsäcker nur noch einer von vielen Autoren und in diesem Patententwurf, der dann ans Reichspatentamt geschickt wird, ist von "Bombe" keine Rede mehr und auch in sämtlichen späteren Publikationen des Uranvereins redet niemand mehr von einer Bombe. Also da hat intern ein Diskussions- und Klärungsprozess stattgefunden, den wir nicht nachvollziehen können, weil es keine schriftlichen Überlieferungen gibt. Heisenberg hat nach dem Krieg unter der Überschrift "aktiver und passiver Widerstand" darüber ein kurzes Papier verfasst und sich selbst und einige seiner Kollegen als aktive Widerstandskämpfer charakterisiert. Das ging natürlich zu weit. Amerikanerische Kernphysiker wollten sich doch nicht von einem Deutschen sagen lassen, sie hätten moralisch verwerflich gehandelt, von einem Deutschen, der bei allem Für und Wider letztendlich dem Regime die Treue gehalten hat. Deswegen ist diese Diskussion nach dem Krieg so immens moralisch aufgeladen worden und Heisenberg konnte seine Sicht der Dinge nie wirklich darlegen.
Das Manhattan-Project, also das amerikanische Atombombenprojekt, entstand im Sommer 1942, auch aus der Angst der Amerikaner vor einer deutschen Bombe. Heute wissen wir, dass zu diesem Zeitpunkt kein wirklicher Anlass dazu bestand. Wie ist der Stand der Forschung heute?
Die Angst der Amerikaner und Briten vor der deutschen Bombe war durchaus begründet. In Deutschland ist die Kernspaltung entdeckt worden. Die deutsche Industrie verfügte über alle Möglichkeiten, so ein Projekt tatsächlich durchzuführen. Insofern kann man es gut nachvollziehen, dass der britische und amerikanische Geheimdienst sehr genau geschaut haben, was passiert da in Deutschland? Was machen Heisenberg, Hahn, Diebner und andere? Es gab ja verschiedene Gerüchte und Meldungen darüber, dass ein "Uranverein" gegründet wurde, dass Heisenberg von Leipzig nach Berlin an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik gekommen ist, um für das Heereswaffenamt zu arbeiten. Das war in Ansätzen bekannt und nährte die Furcht. Man wusste, es ist machbar, es ist physikalisch und technisch machbar und darum hat die Angst vor der deutschen Bombe auch das amerikanische Projekt befeuert. Letztendlich ist das Manhattan-Project nur in der Dimension zustande gekommen, weil man es den Deutschen zugetraut hat, so eine Bombe zu machen. Ganz ähnlich ist es auf sowjetischer Seite. Auch dort gibt es vielfältige Informationen über Bestrebungen der Deutschen, in Norwegen schweres Wasser zu produzieren, und Versuchsreaktoren zu bauen. Das kommt bei Stalin schon 1942 auf den Schreibtisch. Bis hin zu Berichten eines deutschen Offiziers, der im Kreis von Heisenberg gearbeitet hat, in der Sowjetunion umgekommen ist und Papiere aus dem „Uranverein“ bei sich trägt. Das wird von sowjetischen Physikern instrumentalisiert, ihre Führung dahin zu bringen, ein eigenes Atomprojekt zu beginnen. Also nahezu zeitgleich, im Sommer/Herbst 1942, beginnen in den USA und der Sowjetunion großangelegte Forschungsprojekte, um die Kernspaltung einer militärischen Nutzung zuzuführen. Das ist nur damit zu begründen, dass man Angst vor einer deutschen Bombe hatte.
Das Gespräch führte Thomas Claus
