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Wie dreht man 25 Jahre später einen Film über den Tod eines Hausbesetzers?
rbb-online: Die Hausbesetzungen im Berlin in den 80er Jahren haben in einem spezifischen politischen Kontext und im Rahmen einer gewissen Aufbruchstimmung der sozialen Bewegungen stattgefunden. Diese Stimmung gibt es heute nicht mehr - inwiefern kann ein Autor dies noch 25 Jahren später in einen Film einfließen lassen?
E. Lottmann: In Berlin (West) gab es schon seit etwa Mitte der siebziger Jahre eine "alternative Szene", die neue Formen des Zusammenlebens und des Zusammenarbeitens erprobte. Besonders in Kreuzberg organisierten sich viele in Kollektiven, in denen es keine Chefs gab. Die Musik war natürlich ganz wichtig. "Ton Steine Scherben" war die Band, die praktisch jeder kannte und hörte. Deshalb habe ich in meinem Film auch einen Ausschnitt von einem Konzert der "Scherben". Rio Reiser singt da "Wir können es schaffen", und das trifft so den Impuls der Zeit. Ich habe in verschiedenen Filmarchiven, natürlich auch beim SFB, nach Bildern gesucht, die diese Zeit vermitteln. Leider gibt es erstaunlich wenig brauchbares filmisches Material. Aber einiges habe ich doch gefunden, und zusammen mit den Aussagen von Leuten, die damals in besetzten Häusern gelebt haben, ergibt sich ein stimmiges Bild jener Zeit.
rbb-online: Wie reagieren Interviewpartner, insbesondere der Vater von Klaus-Jürgen Rattay, wenn sie auf Ereignisse, die so lange zurückliegen, angesprochen werden?
E. Lottmann: Als ich zwei sehr bekannte Politiker, nämlich Richard von Weizsäcker und Hans Jochen Vogel, auf das Thema ansprach, merkte ich bald, dass die Zeit der Hausbesetzungen für beide halt nur eine Episode in ihrem langjährigen politischen Leben war. Beide erinnern sich gut an die Zeit, aber davor und danach kam bei beiden noch sehr viel. Das zu erfahren, war auch wichtig für mich - die Hausbesetzungen damals waren nicht das wichtigste Ereignis in unserer Nachkriegsgeschichte. Die beiden Polizisten, die ich interviewt habe, haben sehr engagiert über ihre Erfahrungen gesprochen, sie waren als junge Einsatzkräfte damals sehr direkt betroffen, die Zeit der Hausbesetzungen ist für sie mit – im wahrsten Sinne - sehr schmerzhaften Erinnerungen verbunden. In der ersten Zeit der militanten Auseinandersetzungen waren sie gegen Steinwürfe schlecht geschützt - Treffer an den Beinen, vor allem an den Schienbeinen, waren sehr schmerzhaft. Bei all den Überstunden, den ständigen Einsätzen bei wenig Schlaf gab es dann auch etliche Polizisten, die ihren Frust per Knüppel weitergaben. Trotzdem haben sie doch sehr bereitwillig Auskunft gegeben. Und der Vater des damals getöteten Demonstranten, Klaus Rattay, hatte das Gefühl, dass sich jetzt, nach sehr langer Zeit, endlich mal wieder jemand für ihn und seine Geschichte interessierte. Er hatte zu leiden darunter, dass sein Sohn von bestimmten Medien als militanter Straßenkämpfer bezeichnet wurde. Wenn Klaus Rattay, der Vater, erzählt, dass er morgens um vier Uhr zum Bus musste, der ihn über zwei Stunden lang zur Arbeit fuhr, und wie er dann erst abends gegen 18 Uhr wieder zu Hause war - dann sagt er selbst, dass das "kein schönes Leben" war. Attraktiv war ein solches Leben auch für seinen Sohn nicht, das sieht der Vater heute ganz klar. Im Interview wollte er sein Bild von seinem Sohn vermitteln, und da war er sehr motiviert. Denn letzten Endes ging es ja auch um ihn, um eine Bilanz seines Lebens.
rbb-online: Was denken Sie persönlich, warum dieser Film heute noch wichtig ist? Welches ist das Zielpublikum?
E. Lottmann: Dieser Film geht auf eine Zeit ein, in der junge Leute sehr deutlich spürten, dass sie anders leben wollten als ihre Eltern. Die leerstehenden Häuser, die einzig aus Profitzwecken abgerissen werden sollten, waren ein Zeichen dafür, dass in der Gesellschaft einiges schief lief. Die Hausbesetzer und die sie unterstützende Szene probierten einiges aus, sie erprobten, ob sich ihre Träume umsetzen ließen. Auch wenn da einiges gescheitert ist - insgesamt gingen von dieser Szene ganz wichtige Impulse aus. Viele von uns, die über die Lebensmitte hinaus sind, fragen sich langsam, ob das Leben nicht mehr zu bieten hat. Der Film ist ein Film über eine Zeit des Aufbruchs, und deshalb ist er interessant für viele, die das Gefühl haben, dass sie noch etwas anderes vom Leben erwarten als eine sichere Rente.
rbb-online: Hätten Stadtplaner und Politiker die Stadtsanierung nicht auch ohne die Hausbesetzungen verändert? Im Ausland zeichnete sich ja schon in den siebziger Jahren ab, dass man alte Viertel eher erhalten wollte, als abzureißen?
E. Lottmann: Kreuzberg sähe ganz anders aus, wenn die in den siebziger Jahren vorherrschende Sanierungspolitik weitergeführt worden wäre. Dann hätte man noch viele andere alte Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Man muss zwar sagen, dass Architekten und Stadtplaner schon in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre anfingen, für die behutsame Reparatur alter Stadtviertel zu plädieren. Aber sie allein konnten sich nicht so schnell durchsetzen. Die Hausbesetzungen und die damit verbundenen Konflikte haben dafür gesorgt, dass die Politik neue Konzepte entwickelte, auch andere Finanzierungsmöglichkeiten für die behutsame Stadterneuerung schuf. Insofern haben die Hausbesetzungen einen Modernisierungsschub bewirkt.
Das Interview führte Andrea Stäritz (2006)
E. Lottmann: In Berlin (West) gab es schon seit etwa Mitte der siebziger Jahre eine "alternative Szene", die neue Formen des Zusammenlebens und des Zusammenarbeitens erprobte. Besonders in Kreuzberg organisierten sich viele in Kollektiven, in denen es keine Chefs gab. Die Musik war natürlich ganz wichtig. "Ton Steine Scherben" war die Band, die praktisch jeder kannte und hörte. Deshalb habe ich in meinem Film auch einen Ausschnitt von einem Konzert der "Scherben". Rio Reiser singt da "Wir können es schaffen", und das trifft so den Impuls der Zeit. Ich habe in verschiedenen Filmarchiven, natürlich auch beim SFB, nach Bildern gesucht, die diese Zeit vermitteln. Leider gibt es erstaunlich wenig brauchbares filmisches Material. Aber einiges habe ich doch gefunden, und zusammen mit den Aussagen von Leuten, die damals in besetzten Häusern gelebt haben, ergibt sich ein stimmiges Bild jener Zeit.
rbb-online: Wie reagieren Interviewpartner, insbesondere der Vater von Klaus-Jürgen Rattay, wenn sie auf Ereignisse, die so lange zurückliegen, angesprochen werden?
E. Lottmann: Als ich zwei sehr bekannte Politiker, nämlich Richard von Weizsäcker und Hans Jochen Vogel, auf das Thema ansprach, merkte ich bald, dass die Zeit der Hausbesetzungen für beide halt nur eine Episode in ihrem langjährigen politischen Leben war. Beide erinnern sich gut an die Zeit, aber davor und danach kam bei beiden noch sehr viel. Das zu erfahren, war auch wichtig für mich - die Hausbesetzungen damals waren nicht das wichtigste Ereignis in unserer Nachkriegsgeschichte. Die beiden Polizisten, die ich interviewt habe, haben sehr engagiert über ihre Erfahrungen gesprochen, sie waren als junge Einsatzkräfte damals sehr direkt betroffen, die Zeit der Hausbesetzungen ist für sie mit – im wahrsten Sinne - sehr schmerzhaften Erinnerungen verbunden. In der ersten Zeit der militanten Auseinandersetzungen waren sie gegen Steinwürfe schlecht geschützt - Treffer an den Beinen, vor allem an den Schienbeinen, waren sehr schmerzhaft. Bei all den Überstunden, den ständigen Einsätzen bei wenig Schlaf gab es dann auch etliche Polizisten, die ihren Frust per Knüppel weitergaben. Trotzdem haben sie doch sehr bereitwillig Auskunft gegeben. Und der Vater des damals getöteten Demonstranten, Klaus Rattay, hatte das Gefühl, dass sich jetzt, nach sehr langer Zeit, endlich mal wieder jemand für ihn und seine Geschichte interessierte. Er hatte zu leiden darunter, dass sein Sohn von bestimmten Medien als militanter Straßenkämpfer bezeichnet wurde. Wenn Klaus Rattay, der Vater, erzählt, dass er morgens um vier Uhr zum Bus musste, der ihn über zwei Stunden lang zur Arbeit fuhr, und wie er dann erst abends gegen 18 Uhr wieder zu Hause war - dann sagt er selbst, dass das "kein schönes Leben" war. Attraktiv war ein solches Leben auch für seinen Sohn nicht, das sieht der Vater heute ganz klar. Im Interview wollte er sein Bild von seinem Sohn vermitteln, und da war er sehr motiviert. Denn letzten Endes ging es ja auch um ihn, um eine Bilanz seines Lebens.
rbb-online: Was denken Sie persönlich, warum dieser Film heute noch wichtig ist? Welches ist das Zielpublikum?
E. Lottmann: Dieser Film geht auf eine Zeit ein, in der junge Leute sehr deutlich spürten, dass sie anders leben wollten als ihre Eltern. Die leerstehenden Häuser, die einzig aus Profitzwecken abgerissen werden sollten, waren ein Zeichen dafür, dass in der Gesellschaft einiges schief lief. Die Hausbesetzer und die sie unterstützende Szene probierten einiges aus, sie erprobten, ob sich ihre Träume umsetzen ließen. Auch wenn da einiges gescheitert ist - insgesamt gingen von dieser Szene ganz wichtige Impulse aus. Viele von uns, die über die Lebensmitte hinaus sind, fragen sich langsam, ob das Leben nicht mehr zu bieten hat. Der Film ist ein Film über eine Zeit des Aufbruchs, und deshalb ist er interessant für viele, die das Gefühl haben, dass sie noch etwas anderes vom Leben erwarten als eine sichere Rente.
rbb-online: Hätten Stadtplaner und Politiker die Stadtsanierung nicht auch ohne die Hausbesetzungen verändert? Im Ausland zeichnete sich ja schon in den siebziger Jahren ab, dass man alte Viertel eher erhalten wollte, als abzureißen?
E. Lottmann: Kreuzberg sähe ganz anders aus, wenn die in den siebziger Jahren vorherrschende Sanierungspolitik weitergeführt worden wäre. Dann hätte man noch viele andere alte Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Man muss zwar sagen, dass Architekten und Stadtplaner schon in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre anfingen, für die behutsame Reparatur alter Stadtviertel zu plädieren. Aber sie allein konnten sich nicht so schnell durchsetzen. Die Hausbesetzungen und die damit verbundenen Konflikte haben dafür gesorgt, dass die Politik neue Konzepte entwickelte, auch andere Finanzierungsmöglichkeiten für die behutsame Stadterneuerung schuf. Insofern haben die Hausbesetzungen einen Modernisierungsschub bewirkt.
Das Interview führte Andrea Stäritz (2006)

