Der deutsche Regisseur Andreas Dresen (Quelle: dpa)

Andreas Dresen im Wettbewerb - "Mein wildester und kräftigster Film"

Zum dritten Mal ist Andreas Dresen mit einem seiner Filme im Berlinale Wettbewerb vertreten, aber vielleicht zum ersten Mal mit einem so ganz anderen "Dresen"-Film. Die vom rbb koproduzierte Verfilmung von Clemens Meyers Roman "Als wir träumten" feiert am Montag seine Weltpremiere im Berlinale Palast am Potsdamer Platz. Mit Alexander Soyez hat er darüber gesprochen, warum dieser Film so anders ist als seine bisherigen Filme.

"Als wir träumten" erzählt von ein paar Jugendlichen und ihrer wilden, hoffnungsvollen, aber auch tragischen Zeit nach der Wende in Leipzig. Wie haben Sie selbst diese Zeit erlebt?

Komplett anders. Ich war damals Ende 20 und gerade mit dem Studium fertig. Für mich war das eine Zeit großer Verwirrung. Alles hat sich umgekrempelt: von der Krankenversicherung bis zur Steuererklärung. Ich habe die Briefe vom Finanzamt nicht verstanden, und es gab plötzlich Filmförderung und keine DEFA mehr. Ich musste zusehen, wie ich meinen Kühlschrank fülle. Die erste Hälfte der 90er Jahre habe ich mit praktischen Erwägungen und Lebenssortierungen verbracht. So wie wahrscheinlich unendlich viele Leute der Erwachsenengeneration im Osten.

Vielleicht waren sie deswegen nicht für die Probleme der Nachwachsenden da, die man als die dritte Generation Ost bezeichnet. Diese Jungs, von denen der Film erzählt, sind in ein gesellschaftliches Vakuum gerutscht. Die alten Regeln galten nicht mehr, die neuen noch nicht. Es gab Freiraum und da wurde geschaut, wie weit man die Grenzen der Gesellschaft ausreizen kann. Eigentlich irrsinnig toll! In Berlin sind reihenweise illegale Clubs aufgetaucht und auch in Leipzig. Es gab eine ganze Undergroundkultur ohne jede Genehmigung. An mir persönlich ist das allerdings eher vorübergegangen. Die erste Hälfte der 90er war bestimmt keine Zeit großer Träume für mich. Eher die Zeit als ich 'räumte'.

Wären Sie gerne in dieser Zeit jung gewesen?

Ich habe ja auch geträumt, als ich so jung war. Nur anders und andere Dinge. Der Film und der Roman erzählen zwar aus dieser Nachwendezeit, aber in erster Linie ist es eine Geschichte über den Abschied von der Kindheit und über das Erwachsenwerden. Man wird erwachsen und die Welt, die eigentlich offen und mit allen Möglichkeiten vor einem lag, verschwindet auf einmal. Und dann muss man zusehen, wie man im Regelwerk der Erwachsenen klarkommt. Das gab es für mich auch, nur früher, in den 70er und 80er Jahren. Deswegen blickt man ja auch manchmal melancholisch auf die eigene Jugend: "Ja damals, da war noch alles möglich." Deswegen ist es eine so spannende Zeit und in dieser Geschichte wird das für die Jungs nochmal potenziert durch die wilde Zeit nach der Wende.

Aber als "Wende"-Geschichte würden Sie den Film nicht bezeichnen?

Es ist die Geschichte von ein paar Jugendlichen in einer ganz bestimmten Zeit.

An dem Buch hat mich fasziniert, dass es so ideologiefrei daher kommt. Dass es eben nicht um Stasiverwicklungen und ähnliches geht, sondern dass hier eine Generation beschrieben wird, die diese Zeit als Chance begreift und die Welt um sie herum herausfordert. Auf unverschämte Art und Weise. Das ist das Privileg der Jugend, Regeln zu brechen, wobei es mir auch nicht gefallen würde, wenn jemand meine Rückspiegel abreißt. Aber das ist Teil der Revolte und die ist zwingend. Mir gibt es manchmal viel zu wenig Revolte, so als wenn wir schon in der besten aller möglichen Welten leben würden.

Diese Rebellion sieht man auch dem Film an, der dieses Mal eben nicht der typische, unglaublich menschliche und warmherzige "Dresen" ist.

Das hoffe ich. Ich denke auch, dass das mein wildester und kräftigster Film ist. Mit den stärksten Kontrasten. Das liegt in der Natur der Sache – und im Roman. Auch in der Bosheit, die einen da teilweise anspringt und die mich sehr gereizt hat. Die anderen, netteren Töne gibt es aber ebenfalls. Ich mochte die Jungs von Anfang an, weil man bei ihnen manchmal auch diese Fürsorge und Zärtlichkeit spürt. Man merkt, dass in diesen rauen Jungs ein weiches Herz schlägt. Diese Seiten wollte ich auch erzählen, ohne auszusparen, dass die Umstände ziemlich hart sind.

Man nimmt Sie einfach nicht als so wild wahr...

Ja (lacht), ich bin ja auch ganz anders. Ich komme aus einer anderen Welt. Ich bin viel braver, gleichzeitig sehnt man sich wahrscheinlich immer auch nach der Komplementärfarbe. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Filme für den Zustand der Welt da draußen viel zu brav sind. Seit Jahren versuche ich, radikaler zu erzählen, und jetzt ist mir das vielleicht mal gelungen, in dem ich mich selbst überlistet habe und eine Koalition mit Clemens Meyer eingegangen bin. Wir mögen uns extrem gerne, obwohl wir total verschieden sind. Er hat mir durch seine Erfahrungen und seine Sicht geholfen, etwas anderes zu machen.

Und wie ist die Berlinale-Stimmung bei Ihnen?

Ich bin total nervös, wenn ich an die Vorführung denke. Das ist eine Riesenbühne für diesen Film. Ich bin sehr gespannt, wie das Publikum reagiert. Endlich, muss ich dazu sagen. Wir haben jahrelang an diesem Film gearbeitet und jetzt will ich endlich mal wissen, ob das funktioniert, was wir uns da ausgedacht haben – gerade, weil der Film anders ist als meine anderen Filme davor.

Was bedeutet Ihnen die Berlinale?

Das ist Heimatfestival für mich. Seit ich Student in Babelsberg war und damals nicht hindurfte, obwohl es nicht mal 20 Kilometer von der Filmhochschule entfernt stattfand, habe ich eine Verbindung zur Berlinale. Irgendjemand schleppte dann immer einen Katalog an, und wir haben sehnsuchtsvoll darin rumgeblättert. 1990 konnten wir das erste Mal hin, und seitdem war ich eigentlich jedes Jahr beim Festival. Ich kenne es ja aus den unterschiedlichsten Perspektiven, war mit meinen Filmen in allen Sektionen vertreten, dreimal in der Jury, jetzt das dritte Mal im Wettbewerb. Ich habe die Berlinale aus fast allen Blickwinkeln erlebt, aber die schönste ist fast, wenn man gar nichts da zu tun hat und einfach nur Filme sehen kann.

Andreas Dresen im Porträt

Beitrag von Alexander Soyez

Das könnte Sie auch interessieren

Alle Preisträger der 65. Internationalen Filmfestspiele (Quelle: imago/Seeliger)

Berlinale-Bilanz 2015 - Ein Festival voller Perlen

Zwei Schauspiellegenden erhielten Silberne Bären, trotz des starken Nachwuchses. Die starke Präsenz aus Osteuropa wurde gleich mit zwei Bären für die beste Regie gewürdigt. Eine umjubelte Entscheidung der Berlinale-Jury war der Goldene Bär für Jafar Panahis "Taxi". Vor allem in diesem Jahr konnte das Filmfestival starke Akzente setzen, und das nicht nur im Wettbewerb. Von Knut Elstermann

Der iranische Regisseur Jafar Panahi, aufgenommen am 25.05.2010 (Quelle: dpa)

Goldener Bär für "Taxi" - Getrübte Freude bei Jafar Panahi

Nach dem Silbernen hat Jafar Panahi nun auch einen Goldenen Bären. Doch die Freude des iranischen Regisseurs hält sich in Grenzen. Er sei zwar glücklich über seinen Erfolg, doch noch glücklicher wäre er, wenn er im Iran wieder vernünftig arbeiten könnte, sagte der Filmemacher in einem Interview. Im Iran hagelte es derweil Kritik für Panahis Berlinale-Erfolg.

Die Nichte des Regisseurs Jafar Panahi, Hanna Saeidi, hält am 14.02.2015 bei der Preisverleihung der 65. Internationalen Filmfestspiele in Berlin den Goldenen Bären für den Film «Taxi» von Jafar Panahi in der Hand. (Quelle: dpa)

Preisverleihung der Berlinale 2015 - "Taxi" gewinnt Goldenen Bären

Er darf keine Filme drehen, ausreisen ohnehin nicht - aber der iranische Regisseur Jafar Panahi wurde trotzdem zum König dieser Berlinale: Für "Taxi" gewann er den Goldenen Bären, selbst entgegennehmen konnte er ihn nicht. Der Kritikerliebling "Victoria" von Sebastian Schipper wurde für seine Kameraführung ausgezeichnet. Und von den übrigen sechs silbernen Bären gingen drei an lateinamerikanische Filmemacher.  

Damian Lewis, Nicole Kidman, Werner Herzog und James Franco während der Eröffnung der 65. Internationalen Filmfestspiele (Quelle: Ekaterina Chesnokova/dpa)

Video: Berlinale Studio | 14.02.2015 - Hollywood an der Spree

Kein George Clooney oder Brangelina - dafür Henry Hübchen oder Loos/Liefers. Zwar fehlten in diesem Jahr die ganz großen Stars, aber was letzlich an Staraufgebot auf dem roten Teppich erschien, konnte sich sehen lassen. Natalie Portman, Cate Blanchett oder Nicole Kidman sorgten für den Glamourfaktor und James Franco war schon fast ein Dauergast im Berlinale Palast.