Der Hamburger Filmregisseur und -Produzent Matthias Glasner sitzt auf einem Stuhl. (Quelle: privat/Rick Ostermann)

Fernsehtage auf der Berlinale - "Serien sind wie ein Trojanisches Pferd"

Die Berlinale entdeckt das Fernsehen: Dieses Jahr wird den Serien in der Reihe Berlinale Special Series ein eigener Platz eingeräumt. Mit dabei: Der Regisseur Matthias Glasner und seine für das ZDF produzierte Serie "Blochin". Im Interview mit Ute Zauft erklärt Glasner, warum er die US-Kultserie "Mad Men" noch nicht gesehen hat und wie sich Serien ins Leben der Zuschauer schleichen.

rbb online: Die Berlinale ist ja eigentlich ein Filmfestival. Warum macht es trotzdem Sinn, Ihre neue Serie "Blochin" hier zu zeigen?

Matthias Glasner: Unsere Serie ist im Grunde auch ein Film, ein langer Film, der zufällig in einzelnen Episoden ausgestrahlt wird. Eigentlich sind Serien so eine Art Trick, ein Trojanisches Pferd. Sie kommen zu den Menschen ja meistens in Form von DVD-Boxen nach Hause, und die schauen sich das dann wie einen Film an.

In den USA haben Serien dem Kino schon den Rang abgelaufen. Wie ist es in Deutschland?

Das ist meiner Meinung nach hier auch schon so. In meinem ganzen Bekannten- und Freundeskreis gehen alle viel weniger ins Kino als früher. Lieber kuscheln sie sich mit der Freundin oder dem Freund ins Bett und schauen noch drei Folgen der oder der Serie.

Bisher sind das aber vor allem amerikanische Serien. Warum keine deutschen?

Das Problem liegt weniger an den Serien als in den Strukturen. Auch die ganzen erfolgreichen amerikanischen Serien sind dort ja keine Quotenerfolge, das vergessen viele immer wieder. Nur in Amerika gibt es eben Sender, die es sich erlauben können auf Nischen zu setzten. Das sind Nischensender, die sagen, wir müssen Sachen machen, die auffallen, die dreckig sind und provozieren. "Sopranos" oder "Breaking Bad" wollte am Anfang niemand produzieren, bis dann Sender wie HBO oder AMC die Stoffe umgesetzt haben, die zuvor keiner haben wollte. Diese Sender haben ganz bewusst Nischenprogramm gemacht, das fehlt in Deutschland.

Jürgen Vogel spielt in "Blochin" den Ermittler einer Berliner Mordkommission, an seiner Seite ein Kollege, der ganz anders ist als er selbst. Das hört sich erst einmal nach dem Klischee des typisch deutschen Krimis an.

Ich mag Krimi als Genre, weil ich gern spannend erzähle. Krimi gibt mir die Möglichkeit, Geschichten immer wieder an existenzielle Situationen zu bringen. Aber Blochin hat nichts zu tun mit einer normalen Krimi-Serie. Was es bei uns nicht gibt, ist die Suche nach dem Täter. Das ist genau das, was ich am deutschen Krimi so langweilig finde. Es gibt bei uns keinen Fall der gelöst wird, kein Rausfinden, wer der Mörder ist. Ich wollte etwas machen, wo die Figuren eben nicht typisiert sind. Wir verfolgen sehr viele einzelne Stränge von verschiedenen Figuren und lassen sie immer wieder aufeinander prallen und in andere Welten kommen, und am Ende der Serie sind alle Figuren extrem beschädigt.

Und was ist dieser Blochin für ein Typ?

Er ist ein Mann, der nicht weiß, wer er ist, auf den als Kind geschossen und der für tot erklärt wurde. Der dann aber in der Leichenhalle wieder aufgewacht ist. Er weiß bis heute nicht, wer geschossen hat. Auch das Thema Großstadt, also Berlin, spielt eine große Rolle. Man kommt nach Berlin, weil man sich da, wo man gewohnt hat, nicht zu Hause gefühlt hat und selber noch nicht genau weiß, wer man ist. Genau so sind die Charaktere in Blochin. Sie wissen alle nicht so genau, wer sie sind, und ich weiß es auch noch nicht so genau. Das ist das tolle an einer Serie. Die sind am Ende der ersten Staffel jetzt schon woanders, als ich es am Anfang dachte.

War es schwierig, Jürgen Vogel für Blochin zu gewinnen?

Jürgen ist genau wie alle Schauspieler im Augenblick. Sie haben alle Lust auf Serien, weil sie alle merken, dass es ist viel spannender ist eine komplexe Figur über eine langen Zeitraum zu spielen, als den Bösewicht bei Spiderman 3 oder so. Das ist ganz ähnlich wie in den USA: Lauter Schauspieler, die früher Fernsehen mit der Kneifzange nicht angefasst hätten, machen heute viel lieber Serie, als sich für einen Konzeptfilm im Kino zu verheizen. Auch in Deutschland haben wir zum Großteil Reißbrettkino oder extremstes Arthouse, da hat aber auch nicht jeder Lust drauf.

Wie reizen Sie die Möglichkeiten des seriellen Erzählens aus?

Indem ich die Figuren so beweglich anlege, dass im Laufe der Zeit immer neue Schichten von ihnen abblättern, und wir sie Dinge machen sehen, die wir noch kurz zuvor niemals von ihnen erwartet hätten. Früher war serielles Erzählen Variation des immer gleichen, das ist ja heute nicht mehr so. Es gibt Figuren, die in einer Folge auftauchen, dann in zwei Folgen und plötzlich sind sie wieder ganz wichtig in Folge vier. Durch das horizontale Erzählen haben wir die Möglichkeit, uns das wie einen großen dicken Roman zu denken.

Mit dem "Mad-Men"-Macher Matthew Weiner ist in diesem Jahr ja zum ersten Mal ein Filmemacher in der Berlinale-Jury, der allein durch Fernsehserien berühmt geworden ist. Teilen sie die Begeisterung für "Mad Men"?

Ich kenne Mad Men nicht. Es gibt so viele gute Serien, ich hab es zu Hause liegen, aber es ist vielleicht nicht das, was mich als erstes anspricht. Was ich an Serien mag, ist das Schmutzige, das Dreckige, das Abgründige der Figuren.

Und welche Serien haben für Sie Suchtpotenzial?

Es gibt so ein paar Meilensteine für mich: Nach wie vor halte ich "Sopranos" für eine der besten Serien. "The Wire" halte ich für das Beste, was in politischer und sozialkritischer Hinsicht je für das Fernsehen produziert wurde. Das fängt als Polizeiserie an, Staffel drei ist dann eine Serie über Politik, Staffel vier eine übers Schulsystem und Staffel fünf eine über die Medien. Und im Augenblick schau ich gerade gerne "The Walking Dead", weil es mich so gruselt, dass ich hinterher Angst habe, das Licht auszumachen. Und "Game of Thrones" finde ich dramaturgisch großartig. Wie ruhig das erzählt wird, wie viel Zeit die sich nehmen, das finde ich ziemlich herausragend.

Das Interview führte Ute Zauft.

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