Die Schauspieler Franz Rogowski (l-r), Regisseur Sebastian Schipper, Laia Costa, Frederick Lau und Burak Yigit posieren am 07.02.2015 in Berlin während der 65. Internationalen Filmfestspiele bei dem Fototermin für "Victoria" (Quelle: dpa).

"Victoria" | Wettbewerb - Der unerwartete Triumph des Sebastian Schipper

Sebastian Schippers "Victoria" besteht aus einer einzigen, 140 Minuten langen Szene ohne Schnitte. Er zeigt die Stunde vor und die Stunde nach einem Banküberfall in Berlin-Mitte. Ein Wagnis, das in jeder Hinsicht aufgegangen ist – und ein großer Glücksfall für das deutsche Kino. Von Fabian Wallmeier    

Am Anfang ist alles weiß. Wir hören elektronische Musik, dann sehen wir stroboskopisch zuckendes Licht und können zunächst nur Schemen ausmachen. Ganz langsam stellt sich die Kamera scharf und wir sehen in Nahaufnahme das Gesicht einer jungen Frau, die in einem Club tanzt. Victoria (Laia Costa) heißt sie, eine Spanierin, die seit Kurzem in Berlin lebt. Die Kamera wird sie in den kommenden 140 Minuten verfolgen, Victoria nur hier und da aus dem Blick verlieren. Und vor allem: Sie wird die ganzen 140 Minuten lang auf ihre Protagonisten gerichtet sein, in Echtzeit und ohne eine einzige Unterbrechung.

"Victoria" besteht nur aus einem einzigen Take, also einer einzigen Kameraaufnahme, ganz ohne Schnitt. Das war schon vorab als große Besonderheit des Films angepriesen worden. Formale Strenge in einem deutschen Wettbewerbsfilm – das kam einem doch bekannt vor. Genau: Erst im vergangenen Jahr zeichnete sich Dietrich Brüggemanns - ausgerechnet für das beste Drehbuch mit einem Silbernen Bären geehrter - Film "Kreuzweg" dadurch aus, dass er aus 14 Szenen bestand, die jeweils ohne Schnitt und fast alle auch ohne Kamerabewegung auskamen. Leider stellte sich all das als ziemlich fragwürdiger Gimmick heraus, der vor allem Schwächen in den Dialogen überdeckte. Dessen Grundidee, das selbst auferlegte Martyrium einer erzkatholischen Jugendlichen mit den Stationen des Kreuzwegs gleichzusetzen, ging bei näherer Betrachtung vorne und hinten nicht auf.

"We're not zugezogen, you know – we're real Berliners"

Nun gibt es bei "Victoria" erneut einen formalen Gedanken, dem sich der Film unterzuordnen hat. Doch Befürchtungen, man könnte es wieder mit einem "One-Trick-Pony" zu tun haben, bläst der Film vollständig beiseite. Victoria lernt in diesem Club beim Rausgehen ein Gespann von vier etwas prolligen Freunden kennen, die sich nur mit Spitznamen anreden: der smarte und charmante Wortführer Sonne (Frederick Lau), der glatzköpfige, vor unterschwelliger Aggression vibrierende Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit), der sein langes Haar mit einem roten Haarreifen bändigt, und der schon bald über seine Grenzen hinaus betrunkene Fuß (Max Mauff). Die vier beginnen auf Victoria einzureden. Sie sind bis zum Anschlag voll mit Testosteron und Alkohol, balzen und prahlen um die Wette – und überreden Victoria schließlich mitzukommen.

Schon lange gab es im deutschen Film keine so authentisch wirkenden Dialoge mehr. Schipper hat seine Schauspieler viel improvisieren lassen – und der Mischmasch aus Alder-Dicker-Chill-mal-Deutsch und Pidgin English klingt tatsächlich so, wie man ihn nachts in der U-Bahn hört. "We're not zugezogen, you know – we're real Berliners", verkündet Sonne halb stolz, halb ironisch.

Den größten Applaus bekommt der Kameramann

Während die fünf unter Vollspannung durch Berlin-Mitte torkeln, sich immer wieder neu gruppieren, bleibt die Kamera mal hier, mal da. Und in diesem großen Hin und Her schafft es Kameramann Sturla Brandth Grøvlen immer wieder, spontan aus der Situation heraus neue Perspektiven zu eröffnen, zusätzliche Bewegungen entstehen zu lassen, die fünf in ein neues Licht zu tauchen. Es passiert nicht oft, dass bei einer Pressekonferenz der Jubel besonders laut aufbraust, wenn der Kameramann vorgestellt wird. In diesem Fall war es so – vollkommen zurecht, denn was er hier geleistet hat, ist in seiner Kraft, seiner Reaktionsfähigkeit und seinem Einfühlungsvermögen schlicht atemberaubend.

Bei dem spätnächtlichen Durch-die-Stadt-Torkeln bleibt es nicht. Schipper gibt schon ziemlich früh im Film einen Verweis darauf. Während die fünf in bester Partystimmung in ein Hinterhaus laufen und die Treppen hoch bis aufs Dach steigen, hören wir nicht mehr den Originalton der Szene, sondern ein schwermütiges, zerfranztes Stück Musik. Sie lässt erahnen: Etwas Dramatisches wird passieren. Nicht jetzt, aber irgendwo bahnt sich Unheil an.

Von der Großstadtsause zum Genre-Film

So kommt es auch: Boxer saß mal wegen Körperverletzung im Knast und stand dort unter dem Schutz seines Mithäftlings Andi (André M. Hennicke). Der will nun an diesem Abend entlohnt werden: Boxer soll eine Bank überfallen, und zwar jetzt gleich, denn Andi weiß, dass ein Kunde dort am frühen Morgen eine größere Geldsumme in Empfang nehmen soll.

"Victoria" entwickelt sich von der testosterongeschwängerten Großstadtsause erst zum Liebesfilm und mit Boxers Ankündigung zum Genre-Film: Es geht nun darum, von jetzt auf gleich den Überfall zu planen. Und Victoria wird mit hineingezogen: Weil Fuß mittlerweile komplett weggetreten ist, muss sie das Fluchtauto fahren. Erst zögert sie, weil immer offensichtlicher wird, dass sie in ein Verbrechen verwickelt wird, auch wenn die Jungs das Ganze herunterzuspielen versuchen. Laia Costa dabei zuzuschauen, wie sie einen Adrenalin-Kick bekommt, alle Bedenken über Bord wirft und sich ins Abenteuer stürzt, ist eine wahre Wonne.

Kein makelloser Film - und deshalb ein Glücksfall

Nichts, aber auch gar nichts hat darauf hingedeutet, dass Sebastian Schipper mit seinem vierten Film ein solcher Triumph glücken würde: nicht "Mitte Ende August" (2009), sein leidlich gelungener Versuch, Goethes "Wahlverwandtschaften" mit den filmischen Mitteln der Berliner Schule nach Brandenburg zu verlegen. Nicht sein verblüffend schlecht gealtertes Debüt "Absolute Giganten", das 1999 als Rettung des deutschen Kinos gefeiert wurde, in Wahrheit aber ein eher fades Buddy-Movie mit müden Kalauern ist. Und schon gar nicht der wiederum eine Männerfreundschaft zelebrierende "Ein Freund von mir" (2006), eine läppisch-uninspirierte Komödie mit Daniel Brühl und Jürgen Vogel.

"Victoria" ist kein makelloser Film. An manchen Stellen macht er es sich etwas zu leicht: Wenn etwa Victoria, mit Sonne auf der Flucht vor der Polizei, in einem Hotel dem Concierge eine Geschichte auftischt, um auch ohne Papiere ein Zimmer zu bekommen, sehen wir nur ihre Ankündigung. Während sie das Zimmer klar macht, bleibt die Kamera bei Sonne. Aber wäre er ein makelloser Film, dann wäre er nicht dieses ungeheure Wagnis, dann wäre er vielleicht nicht so ein seltener Glücksfall für das deutsche Kino.

"Victoria" hat jeden Preis der Berlinale verdient

Es gibt mehr große Momente in "Victoria" als in diese Rezension passen, aber ein paar müssen hier erwähnt werden: die wunderbar leichte, einen unerwarteten Augenblick trauriger Selbstbesinnung heraufbeschwörende Sequenz, in der Sonne und Victoria in dem Café, wo eigentlich gleich ihre Schicht beginnt, am Klavier sitzen. Oder wenn Sonne nach dem Besuch auf dem Dach im Fahrstuhl scherzhaft zur Ruhe aufruft: "Germans don't talk on elevators. It's forbidden." Und natürlich der umwerfende Schluss des Films, der noch tragischer ist, als die unheilschwangere Musik es ankündigen konnte.

Es fällt schwer, eine Auszeichnung aus dem Portfolio der Berlinale zu benennen, die "Victoria" nicht verdient hätte. Laia Costa als Darstellerin, Frederick Lau als Darsteller, Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, Co-Drehbuchautor und Regisseur Sebastian Schipper: Sie alle haben hier Herausragendes geleistet – und nicht nur der diesjährigen Berlinale den bisher kraftvollsten Film beschert, sondern dem Festival insgesamt den besten, gewagtesten, gewaltigsten deutschen Wettbewerbsbeitrag seit vielen Jahren.

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