Maueröffnung Berlin 1989 (Quelle: dpa)

Konnte die Mauer nur am 9. November 1989 fallen? - "Oh doch - es hätte anders kommen können"

"Was wäre, wenn...?" Die Frage ist unter Historikern eigentlich verpönt. Doch gerade beim Thema Mauerfall birgt sie sehr viel Spannung. Was wäre gewesen, wenn Günter Schabowski auch die zweite Seite seiner Pressemitteilung gelesen hätte? Wenn Hajo Friedrichs in den "Tagesthemen" nicht übertrieben hätte? Ein Gespräch mit dem Historiker Prof. Dr. Martin Sabrow über Zufälle in der Geschichte, unangenehme Sätze von Helmut Kohl und Überlebenschancen der DDR.

Professor Sabrow, wenn die Mauer nicht am 9. November 1989 gefallen wäre – wo wären Sie persönlich dann heute?

Historiker sind ja rückwärtsgewandte Propheten. Wenn sie in die Zukunft blicken, sind sie genauso wissend und unwissend wie alle anderen auch. Ich war zur Zeit des Mauerfalls Studienrat am Walter-Rathenau-Gymnasium in Berlin-Grunewald und wäre es dann vielleicht heute noch.

"Was-wäre-wenn"-Fragen sind bei Historikern ja eigentlich verpönt…

... weil sie wissenschaftlich nicht zu bearbeiten sind. Sie können aber interessant sein. Der Historiker Alexander Demandt veröffentlichte 1986 ein schönes Traktat über die "Was-wäre-wenn"-Fragen. Da behandelt er etliche, fast unmögliche Konstellationen. "Was wäre, wenn Caesar nicht ermordet worden wäre?" oder "… wenn Alexander der Große nicht an einer Krankheit gestorben wäre?". Einen Fall lässt er allerdings aus, weil er ihm damals allzu unwahrscheinlich erscheint: Dass die beiden Systeme sich auflösen könnten; dass Gorbatschow die Macht abgibt.

Zur Person

Martin Sabrow ist Historiker und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung  Potsdam. Seit 2009 lehrt er Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuvor war er Professor an der Universität Potsdam.

Was aber dann doch so gekommen ist…

Genau. Und deswegen ist mir heute wichtig zu sagen, dass wir uns vor der Teleologie hüten müssen. Und zwar vor der Teleologie, die uns lehrt, alle vergangenen Ereignisse auf unsere Gegenwart zu beziehen und daraus fast so etwas wie eine logische Entwicklung herzuleiten. Also zu sagen: Das hätte eigentlich gar nicht viel anders kommen können. Oh doch! Alles kann anders kommen!

Auch am 9. November 1989?

Heute haben wir das Gefühl, dass die DDR notwendigerweise zusammenbrechen musste – an ihren fulminanten Schulden. Obwohl es sich um Summen handelte, zu denen man heute 'Peanuts' sagen würde. Oder an ihrer überalterten Führung. Oder weil die westliche Kultur, das Fernsehen, die Mauern eingerissen hat. Ja - aber man hätte sich auch eine autoritär regierte DDR vorstellen können, die sich der Bundesrepublik weiter annähert, ohne gleich mit ihr eins zu werden. Es gibt keine historische Entwicklung, die nicht auch ganz anders hätte kommen können.

Hätte also die Mauer nur an diesem Tag fallen können? Gab es so viele Zufälle, dass es nur an diesem Tag ging?

Was sind denn diese Zufälligkeiten? Eine falsch gelesene Presseerklärung von Günter Schabowski [damals Sprecher des Politbüros des Zentralkomitees der SED, d. Red.], ein überhastet ausgearbeitetes Reisegesetz. Dazu eine mediale Steigerung eines noch nicht eingetretenen Ereignisses, das nur dadurch Wirklichkeit wird, weil es angekündigt wird, dass es verfrüht zur Tatsache erklärt wird…

…die "Tagesthemen" verkünden im ARD-Fernsehen, dass die Mauern offen stehen…

Hanns Joachim Friedrichs [Moderator der Tagesthemen, d. Red.] sagt um 22:42 Uhr: "Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag: Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen." Doch sie standen überhaupt noch nicht offen. Gerade der Druck, den diese Nachricht erzeugte, ließ den Druck auf die Grenze immer weiter steigen, bis sie eine halbe Stunde vor Mitternacht mit dem berühmten Satz "Wir fluten jetzt!" aufgemacht wurde. Auch das ist also ein zufälliger Faktor.

Zudem war die Reformgruppe um Egon Krenz [damals Staatsratsvorsitzender der DDR, d. Red.] gerade damit beschäftigt, selbst an Deck zu bleiben. Das hätte vielleicht auch anders laufen können. Wenn also die Bevölkerung erst am 10. November um 4 Uhr informiert worden wäre, hätte sie dieses neue Gesetz vielleicht nur als weiteren kleinen Schritt einer Liberalisierung des Grenzregimes wahrgenommen. Wer will ausschließen, dass das SED-Regime auch mit einer Politik hätte durchkommen können, wie sie der stellvertretende Botschafter der Sowjetunion Igor Maximytschew noch im Nachhinein für richtig hielt: Die Mauer abreißen, aber nur gegen viel, viel Geld.

Die Grenze zu Geld machen?

Walter Ulbricht politisierte noch die Ökonomie. Erich Honecker tat in der späten DDR das Gegenteil: Er ökonomisierte die Politik. Und er zeigte sich in seiner Westpolitik offen für die Idee, erst die Schussautomaten und später womöglich den Grenzzaun gegen Geld zu verkaufen. Diese Variante hätte – unter anderen politischen Umständen – dazu führen können, dass der SED-beherrschten DDR eine vorläufige Überlebensmöglichkeit eröffnet worden wäre.

Das sind aber viele Konjunktive.

Ja. Wir dürfen zudem nicht vergessen, dass der westlichste Staat des Ostblocks – also die DDR – mit der Bundesrepublik durch die gemeinsame Sprache und gemeinsame Traditionen immer noch so verbunden war, dass sich bei einer weiteren Annäherung an den Westen die Frage gestellt hätte: Was soll eine selbstständige DDR, wenn sie nicht mehr sozialistisch ist? Eine DDR, die auf Öffnung setzte, hatte auf lange Sicht keine Existenzchance.

Der Mauerfall wird auch als "Wunder" bezeichnet. Demgegenüber steht das Zitat: "Es ist ganz falsch so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hätte die Welt verändert." Das soll Ex-Kanzler Helmut Kohl gesagt haben, diese Worte finden sich in dem neuen Buch von Heribert Schwan. Wie groß war der Anteil der DDR-Bürgerbewegung am Mauerfall denn nun?

Aus menschlicher und aus politisch-moralischer Perspektive ist es mir unangenehm zu hören, wie gerade jemand, der selbst das "Window of Opportunity" zur deutschen Einheit in den entscheidenden Wochen nach dem Mauerfall so entschlossen aufstieß, das Handeln anderer Akteure eher kleinzureden versucht. Trotzdem bleibt die Frage nach dem historischen Gewicht der DDR-Bürgerbewegung schwierig - und sie kann zu unterschiedlichen Antworten von gleichem Wahrheitsgehalt führen.

Versetzen wir uns einmal in die Lage eines DDR-Bürgers, der zu dieser Zeit verzweifelt oder euphorisch seinen Protest kundtut und eine bessere DDR will. Der Mut, in diesem Moment so vieles aufs Spiel zu setzen: seine Gesundheit, vielleicht sogar sein Leben, auf jeden Fall die berufliche Stellung, das familiäre Ansehen, überhaupt die Lebensperspektive – wenn wir das jetzt kleinreden wollen und sagen, dass die DDR eh pleite und ergo todgeweiht war, dann würden wir so tun, als ob sich Geschichte aus ihren strukturellen Bedingungen allein heraus schreibt. Das tut sie aber nicht. Strukturen handeln nicht; sie schaffen Möglichkeitsräume, nicht mehr und nicht weniger. Wenn sie nicht von Menschen genutzt werden, dann bleiben sie wirkungslos, und die Welt würde von historisch überlebten Politikern der Marke Fidel Castro regiert werden.

Sie haben von "mehreren Wahrheiten" gesprochen. Was ist denn eine andere Wahrheit?

Geschichte schreibt sich aus einem Ineinandergreifen von Möglichkeitsräumen und Akteuren, die in ihnen agieren. Insofern hat Helmut Kohl dann auch nicht ganz unrecht: Der wirtschaftliche Ruin musste sich erst abzeichnen, die politische Führung musste erst den Glauben an sich selbst verlieren, bevor die an einem Punkt der Aussichtslosigkeit angekommene DDR zu Fall zu bringen war.

Es wurden dann die Akteure des revolutionären Umbruchs vom Herbst 1989, die ihre Selbstsicht im öffentlichen Gedächtnis zu verankern vermochten. Dass es neben ihnen aber auch SED-Reformer gegeben hat, die die DDR ebenfalls zu verändern entschlossen waren, und dass umgekehrt nur die wenigsten Bürgerrechtler im Herbst 1989 die Verschmelzung mit der Bundesrepublik anstrebten - schon gar nicht das Neue Forum, mehr schon die neu gegründete SDP –, das geht heute ein bisschen unter.

Ist denn der 9. November 1989 der wichtigste Tag der deutschen Geschichte?

Na ja. Jedes Jahr mit seinen 365 Tagen bringt wichtige Tage, nicht wahr? Wenn Sie die Frage so stellen, sind Sie schon fast in der Falle unserer von Jahrestag zu Jahrestag hüpfenden Jubiläumskultur, die so gern mit klaren Zäsuren und Verortungen arbeitet.

Das macht die Geschichtswissenschaft nicht. Wir wissen, dass es vor dem 9. November einen nicht weniger entscheidenden 9. Oktober der Leipziger Montagsdemonstration gegeben hat und einen  7. Oktober der niedergeknüppelten Demonstrationen in Berlin. Der 9. November besiegelte den Verfall der DDR, aber er umschließt ihn nicht. Manche Historiker sehen schon und in teleologischer Überspitzung den 17. Juni 1953 und den 13. August 1961 als Auftakt eines auf den 9. November 1989 zuführenden Regimeverfalls an.

Wenn wir vom Bedürfnis der Öffentlichkeit und der Medien ausgehen und sagen: Wir brauchen greifbare Daten, die die komplexe deutsche Geschichte zusammenfassen, dann fällt mir kein Tag ein, der in ähnlich dichter Weise die negative und die positive Geschichte des 20. Jahrhunderts zugleich so intensiv zu spiegeln vermag wie eben der 9. November, der ungeachtet des bürokratisch gefundenen 3. Oktober den heimlichen Nationalfeiertag der Deutschen repräsentiert.

Das Gespräch führte Tim Schwiesau

  • Warum wurde die Mauer gebaut?

  • Wie sah die Mauer aus?

  • Wie war der Mauerstreifen aufgebaut?

  • Wo verlief die Mauer durch Berlin?

  • Wie wurde die Mauer gesichert?

  • Wie viele Menschen versuchten, die Mauer zu überwinden?

  • Wie viele Menschen starben an der Mauer?

  • Was führte zum Fall der Mauer?

  • Was geschah unmittelbar vor dem Fall der Mauer?

  • Wie wurde die Mauer abgerissen?

  • Wie wird heute der Mauer gedacht?

  • Was ist von der Mauer geblieben?

Doris (li.) und Günther (re.) beim Berlin-Besuch. In der Bildmitte Anita mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester. (Quelle: rbb)

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