Visualisierung der LICHTGRENZE am Brandenburger Tor (Quelle: Kulturprojekte Berlin_WHITEvoid/Christopher Bauder, Foto: Daniel Büche)

"Lichtgrenze" für Berlin - Mehr als nur eine Luftballon-Wegfliege-Aktion

Eine Mauer aus Licht, die auf Knopfdruck in den Himmel und die Dunkelheit entschwebt: 25 Jahre nach dem Mauerfall macht ein einmaliges Kunstprojekt genau das möglich. Vom 7. bis 9. November markieren in Berlin rund 8.000 beleuchtete Ballons auf 15 Kilometer Länge den Verlauf der ehemalige Berliner Mauer. Entstanden ist die Idee in einem Designstudio in Prenzlauer Berg. Zusammengebaut wurden die Ballons am Rand von Postdam. Von Sebastian Schöbel

Der Stadtteil "Industriegelände" ist mit seinen kastenförmigen Flachbauten eher untypisch für das hübsche Potsdam. Er liegt ganz im Süden der Stadt, wie eine Art Wellenbrecher für die Pendlerströme: Auf der einen Seite fließt der Autobahnverkehr, auf der anderen Seite rauschen die Regionalbahneen nach Berlin. Dazwischen Speditionen, KfZ-Werkstätten, ein Baumarkt.

Doch genau hier, in einer fußballfeldgroßen Halle, werden echte Hingucker zusammengebaut: die Ballonständer für die Berliner Lichtgrenze - auch "Ballonstelen" genannt.

Für die Angestellten hier ist die Arbeit normalerweise nicht so spektakulär: Sie montieren Möbelzubehör, recyceln alte Computer oder etikettieren Artikel für die Lebensmittelindustrie. Das Projekt Lichtgrenze, sagt Stefan Ziems, sei für sie ein echtes Highlight. "Das ist für den sozialen Ausgleich in so einer Werkstatt auch wichtig, dass man ab und zu so ein Projekt miteinander stemmt."

In der Behindertenwerkstatt des Deutschen Roten Kreuzes in Nuthetal (Brandenburg) baut eine Frau einen Lampenständer zusammen (Quelle: rbb/Schöbel))
Der Fuß wird später für Stabilität mit Wasser befüllt

Stolz auf das Projekt sein können dann die Angestellten der Behindertenwerkstatt des Deutschen Roten Kreuzes in Potsdam. Die rund 8.000 Ballonstelen der Lichtgrenze werden vor allem von Menschen mit geistiger Behinderung zusammengebaut. Stefan Ziems ist der Sprecher der Einrichtung - und er möchte das nicht als reine Beschäftigungstherapie missverstanden wissen.

"Das ist für die Beschäftigten durchaus ein ganz normaler Job – wie für Sie und mich. Dafür bekommen wir von den Leistungsträgern gewisse Sätze, die einen Grundsockel finanzieren. Alles, was darüber hinaus geht, müssen wir durch eine wirtschaftliche Tätigkeit einspielen, daraus bekommen die Beschäftigten dann ein monatliches Entgelt." Die Behindertenwerkstatt hat sich - wie andere Firmen auch - um den Ballon-Auftrag ganz normal beworben.

40 Einzelteile bilden eine Ballonstele

Seit September setzen 40 Mitarbeiter die komplexen Ballonkonstruktionen aus rund 40 Einzelteilen zusammen. Zuerst das Fußteil: ein Kunststoffbehälter, der ähnlich wie bei einem Sonnenschirm später mit Wasser befüllt wird. Außerdem trägt er an der Unterseite das Batteriepaket, damit die Lampe Strom bekommt, und den Auslöse-Mechanismus, damit man die Ballons auch fliegen lassen kann. "Und", so sagt Ziemke, "hier wird auch die Verankerung eingebaut, damit die Lampe nicht umkippt."

Der Mittelteil der Konstruktion ist eine Carbon-Stange mit allerlei Technik. Das dünne Rohr hebt den Ballon auf eine Höhe von 2,40 Meter – so hoch wie einst die Berliner Mauer war. Im Inneren der Stange verlaufen das Kabel für den Auslöse-Mechanismus und das Stromkabel für einen Ring mit speziell angefertigten LED-Lampen.

In der Endmontage finden alle Teile zusammen: Fünf Teams á zwei Personen fügen den Fuß, die Carbonstange und den Ballontrichter mit den LEDs zusammen. Zwischen den Teams ist ein regelrechter Wettbewerb entbrannt, sagt Stefan Ziems: Die meisten schaffen im Schnitt 60 Ballonständer am Tag.

Ein Team aber hält den einsamen Rekord der Werkstatt, verewigt als Strichliste auf einem Stück Karton. Jaqueline Hirschl hält ihn stolz in die Luft, den Nachweis über 80 Ballonstelen an einem Tag: So viele schaffen selbst die Betreuer von Jaqueline und ihrem Teamkollegen Stefan nicht. Die sind übrigens nicht behindert, dafür haben sie oftmals eine technische oder handwerkliche Ausbildung.

Stefan Meitzner ist hingegen gelernter Autodidakt. "Ich habe früher an Trabi-Motoren geschraubt." Und Jaqueline Hirschl hat als Garten- und Landschaftspflegerin nicht nur geschickte Hände, sondern vor allem die Ruhe weg. Wobei gutes Teamwork nicht das ganze Geheimnis ihres Erfolges ist, gibt Jaqueline zu: die beiden sind auch privat ein Paar - und den 9.11. verbringen sie gemeinsam mit einem der Ballons auf der Lichtgrenze.

Zwei Angestellte der Behindertenwerkstatt des Deutschen Roten Kreuzes in Nuthetal (Brandenburg) halten einen Zettel mit einer Strichliste in der Hand (Quelle: rbb/Schöbel))
Stefan und Jaqueline halten den Rekord: 80 Stelen an einem Tag

Ballons sind ökologisch abbaubar

Doch wenn die Ballonstelen bei der Behindertenwerkstatt auf den Lkw verladen werden, fehlt noch etwas: Die Ballons selbst! Das ist Absicht, die kommen nämlich erst drauf, wenn die Ballonstelen am 7. November eingeschaltet werden.

Ihr Designer, Christopher Bauder, hat einen der wassermelonen-großen Ballons allerdings schon vorher aufgeblasen: In seinem Berliner Studio, zum Ausprobieren. Die Ballons aus Naturkautschuk sind das einzige, was am 9. November wegfliegt, sagt er. Denn nur sie sind auch ökologisch abbaubar. "Die verrotten genauso schnell wie ein Eichenblatt", sagt Bauder und gesteht gleichzeitig lachend: "wobei ich gar nicht genau weiß, wie lange eigentlich ein Eichenblatt braucht."

Auf jeden Fall nicht so lange wie Batterien, Carbonstangen und Kunststofffuß, die allesamt wieder in der Behindertenwerkstatt fachgerecht entsorgt werden.

Wetterbeständig und doch filigran

Eineinhalb Jahre hat Lichtkünstler Christopher Bauder an den Ballons gearbeitet, der Keller seines Studios ist übersät mit verworfenen Prototypen. Was als hübsche Idee auf dem Papier begann stellte sich schnell als ingenieurstechnische Herausforderung heraus.

Die Frage war, so Bauder, "etwas zu bauen, das drei Tage im November Wind und Wetter trotzt, gleich hell leuchtet, filigran und leicht ist, schnell aufzustellen ist, - und am dritten Abend soll es auch noch locker davon fliegen."

Der 3D-Drucker in Bauders Werkstatt stand selten still in den vergangenen 18 Monaten, fast jedes Teil musste komplett neu entworfen werden. Zum Beispiel der kleine Verschluss für den Ballon - ein scheinbar simples, daumenbreites Plastikteil - wurde am Ende sogar ein richtiges Forschungsprojekt der Uni Hannover.

"Dann ist die Mauer aus Licht Geschichte gewesen"

Immer gab es neue, unerwartete Probleme. Einmal, bei einem Testflug, fing es plötzlich an zu regnen. Eigentlich kein Problem, dachte Bauder, "dann haben wir aber unten den Auslöse-Mechanismus betätigt, aber der Ballon ist nicht weggeflogen. Durch den Wasserfilm hat sich der Ballon in dem Trichter angesaugt, und sich nicht abgelöst. Dafür mussten wir eine Lösung finden."

Er fand eine Lösung, und noch viele weitere Lösungen zu vielen anderen Problemen. Drei Tage lang werden die Stelen 15 Kilometer des Verlaufs der ehemaligen Berliner Mauer markieren. Am 9. November um 19 Uhr lassen dann tausende Menschen die Ballons in den Himmel steigen. Wer einen Schwarm von Lichtpunkten über Berlin erwartet wird enttäuscht werden: Die Ballons selbst leuchten nicht. Was aber auch gewollt ist, sagt Christopher Bauder. "Uns ging es nicht darum, eine Luftballon-Wegfliege-Aktion zu machen, sondern das sollte der Moment sein, zu dem die Aktion beendet ist. Und deswegen finden wir das ganz schön, wenn es so langsam im Dunkeln verschwindet. Und dann ist die Mauer aus Licht Geschichte gewesen."

Noch einmal die Mauer - als Lichtinstallation

Beitrag von Sebastian Schöbel-Matthey

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