Die Schauspielerin Maria-Victoria Dragus (Quelle: dpa)

Shooting Star Maria Dragus - "Ich habe nie Angst"

Mit 15 Jahren gewann sie den Deutschen Filmpreis, jetzt ist sie deutscher Shooting Star der Berlinale: die Nachwuchsschauspielerin Maria Dragus. Im Interview mit rbb online erklärt sie, wo die beste Berlinale Party stattfindet, wen sie unbedingt treffen möchte und warum Schauspielern auch manchmal an der Seele kratzt.

Sie treiben sich dieses Jahr als deutscher Shooting Star auf der Berlinale rum. Wie sieht denn Ihr Programm aus?

Für uns sind während der Berlinale quasi drei Tage durchorganisiert. Auf dem Plan stehen Empfänge, Pressetermine und ein Casting-Breakfast. Was das genau ist, weiß ich noch gar nicht, aber wir werden vermutlich viele Caster treffen - auch internationale. Außerdem gibt es natürlich noch die Preisverleihung mit rotem Teppich und allem Drum und Dran. Den Rest der Berlinale hoffe ich auf jeden Fall, noch ein paar Filme sehen zu können.

Was ist eigentlich wichtiger auf der Berlinale: Filme schauen oder die Parties?

Natürlich die Filme. das ist doch der Sinn der Berlinale, dass Menschen zusammenkommen, gemeinsam Filme schauen und diese zelebrieren. Abgesehen davon gibt es ja so irre viele Parties. Ich denke, ich gehe auf zwei oder drei, aber das reicht dann auch.

Welche werden das denn sein?

Auf jeden Fall die Eröffnungsparty. Außerdem werde ich bestimmt wieder auf die rumänische Party gehen, die ist sowieso immer die Beste. Letztes Jahr haben wir dort Karaoke gesungen, es war toll!

Ihr Vater ist ja gebürtiger Rumäne, fühlen Sie sich dem Land verbunden?

Auf jeden Fall! Die ganze Familie meines Vaters wohnt ja in Rumänien, und wir sind oft dort. Zu Hause reden wir außerdem Rumänisch, das ist meine emotionale Sprache, würde ich sagen. Eigentlich ist sowohl Rumänien als auch Deutschland meine Heimat. Das Lustige ist, dass die rumänische Presse verkündet hat: Wir haben dieses Jahr zwei Shooting Stars: Cosmina Stratan, die in Rumänien lebt, und eben mich. Das macht mich sehr stolz, dass sie mich dazuzählen, obwohl ich ja noch in keinem rumänischen Film  mitgespielt habe.

Mit nur 15 Jahren haben Sie den Deutschen Filmpreis für die Rolle der Klara in  "Das weiße Band" von Michael Haneke bekommen. War der plötzliche Ruhm auch furchteinflößend?

Damals war das natürlich krass, weil "Das weiße Band" mein erster größerer Film war. Außerdem war ich ja nur eines von vielen Kindern, die in dem Film mitgespielt haben. Als Einzige dann den Deutschen Filmpreise zu bekommen, das war für mich schon unfassbar. Ich glaube, damals war es mein absolutes Glück, dass ich in einem festen Alltag eingebunden war, mit Schule, Tanzausbildung und so weiter. Außerdem hatte ich viele Freunde, die sich für mich und mit mir gefreut haben.

Sie spielen mit Klara ein Mädchen, das von ihrem streng gläubigen Vater gequält wird und vermutlich gleichzeitig selbst andere Kinder quält. Wie haben Sie es denn geschafft, mit damals knapp 13 Jahren diese Mischung aus Verschlagenheit und Verletzlichkeit zu spielen?

Die Verletzlichkeit spielte bei mir gar keine so große Rolle. Das Interessante an dieser Figur ist ja, dass man nie weiß, was sie gerade denkt. Klara hat eine Art Maske auf und lügt den Erwachsenen frech ins Gesicht. Das hat mir beim Spielen wahnsinnig Spaß gemacht. Ich dachte mir die ganze Zeit, da geht ganz viel in meinem Hinterstübchen vor sich, aber ich zeige davon nach Außen einfach gar nichts.

Sie haben bei der Preisverleihung gesagt, Regisseur Haneke habe Ihnen gezeigt, dass Sie für den Rest Ihres Lebens schauspielern wollen. Was hat Sie so angefixt?

Während der Dreharbeiten hat es mir einfach nur Spaß gemacht, aber als ich den Film dann bei den Filmfestspielen in Cannes  auf der großen Leinwand gesehen habe, dachte ich: Wow, das bin doch gar nicht ich, das ist zwar mein Körper, aber diese Stimme und das alles, das bin überhaupt nicht ich. Ich bin raus aus dem Kino und habe zu meinem Vater gesagt, wenn das Schauspiel ist, dann möchte ich das immer machen. Ich war so euphorisch, weil ich dachte, krass, dann kann ich so viele unterschiedliche  Menschen verkörpern, das ist toll!

Und wie ging es dann weiter?

Ich habe ziemlich schnell das Angebot von Emily Atef bekommen, in ihrem Film „Töte mich“ mitzuspielen. Auch das war eine krasse Geschichte, weil es um ein Mädchen geht, das sich umbringen will, es aber nicht fertig bringt und dann jemanden zwingen will, es für sie zu tun. Für mich war es auch deswegen krass, weil es meine erste Hauptrolle war und ich zusammen mit dem erwachsenen Protagonisten quasi den ganzen Film getragen habe. Ich bin an diesem Film irre gewachsen.

Maria-Victoria Dragus während der Berlinale 2011 (Quelle: dpa)
Für ihre Rolle in "Töte mich" mussten die langen blonden Haare ab.

Inwiefern?

Der Anfang des Films spielt zum Beispiel auf einem Bauernhof, und ich habe tatsächlich einige Zeit  auf diesem Bauernhof gelebt, um mich in dieses einsame, unglückliche Mädchen einzufühlen. Das heißt, ich bin um fünf Uhr morgens aufgestanden, habe die Kühe gemolken und so weiter. Aber vor allem habe ich mich – soweit es ging - von meinen Freunden und meiner Familie isoliert. Und die ganze Zeit dachte ich, ich muss jetzt versuchen, das zu spüren, was meine Figur spürt. Aber das ist natürlich sehr hart, vor allem für eine Jugendliche, die selbst gerade in der Pubertät ist. Das habe ich in dem Moment gar nicht so realisiert, aber als der Film abgedreht war, habe ich verstanden, dass das nicht die Art von Schauspiel ist, die ich weiter verfolgen kann. Das kratzt seelisch zu sehr an mir. Durch die intensive Arbeit mit Emily, der Regisseurin, habe ich schließlich gelernt, ich kann eine Rolle von Außen aufnehmen und muss sie  nicht von Innen aus mir herausholen, in dem ich versuche, mich an eine ähnliches Gefühl zu erinnern. Schauspielen bedeutet eben 'spielen', nicht 'sein'. Das musste ich erst lernen.

Sie hatten bisher ja noch gar keine Zeit für eine Schauspielausbildung. Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie müssten das jetzt schleunigst nachholen?

Ich habe schon so tolle und unterschiedliche Rollen spielen dürfen, dass ich momentan gar nicht das Bedürfnis habe, eine Schauspielschule zu besuchen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich nichts lernen will, aber ich fühlte mich bisher eigentlich nie verloren. Wenn ich mal einen Rat brauche, dann wende ich mich an Markus Schleinzer, der uns Kinder für "Das weiße Band" gecoacht hat, oder an Kollegen, mit denen ich schon zusammen gearbeitet habe, wie zum Beispiel Nicolette Krebitz, oder eben an meine Agentur.

Ein Titel wie Shooting Star oder eben Nachwuchstalent: Freut Sie das oder setzt Sie das eher unter Druck?

Nein, ich habe nie Angst, also ich versuche zumindest nie Angst zu haben, sondern immer nur Respekt. Wenn man Respekt vor den Dingen hat, dann geht man mit Vorsicht und  Bewusstsein an Dinge ran.  Angst dagegen hemmt, und ich möchte keine Hemmungen haben. Ich probiere lieber Sachen aus und wenn es dann nicht klappen sollte, habe ich es zumindest versucht.

Und wie geht es jetzt für Sie weiter?

Ab März drehe ich einen Dreiteiler für das ZDF, es geht dabei um ein geteiltes Dorf an der deutsch-deutschen Grenze – meine erste Erwachsenenrolle. Und ich muss mich dringend um meine Schule kümmern: Ich mache derzeit das Fern-Abi und will eigentlich bis Ende des Jahres die Prüfungen abgelegen. Aber es ist einfach irre viel Stoff, daran habe ich im Moment am meisten zu knabbern.

Warum ist es für Sie wichtig, noch das Abi zu machen?

Na, damit ich die Möglichkeit habe, zu studieren, falls es mit dem Schauspiel nichts werden sollte. Aber das ist derzeit nur die Notfall-Option.

Gibt es eigentlich jemanden, mit dem Sie sich auf der Berlinale unbedingt unterhalten möchten?

Oh, ich weiß nicht, es wird für mich sowieso eine ziemlich surreale Situation sein, weil so viele kommen, die ich liebe und die in gewisser Weise auch Idole für mich sind. Ich mag Tilda Swinton sehr gern, aber keine Ahnung, ob ich überhaupt Gelegenheit bekomme, mit so jemandem wie ihr zu sprechen. Aber natürlich wäre es toll, mich mit ihr mal über ihre Arbeit auszutauschen.

Das Interview führte Ute Zauft

 

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