Schauspielerin Paula Beer während der 64. Internationalen Filmfestspielen bei einer Pressekonferenz zum Film "Das finstere Tal" (Quelle: dpa)

Paula Beer im Interview - "Die Berlinale ist ein bisschen wie Speed-Dating"

In "Poll" wurde Paula Beer als Enteckung gefeiert, danach folgten für die heute 19-jährige Berlinerin gleich vier weitere Filme. Auf der diesjährigen Berlinale war sie in "Das finstere Tal" zu sehen - und dabei ziemlich allein unter Männern. Im Interview erklärt sie, dass das beim Dreh nicht immer einfach war.

Eigentlich hätte Paula Beer gleich zwei Filme auf der Berlinale gehabt. Doch Volker Schlöndorff hat sich kurzfristig dazu entschieden, die Rahmenhandlung von „Diplomatie“ zu ändern und so sind Beers Szenen der Schere zum Opfer gefallen. Sie lacht darüber, zählt die Erfahrungen der deutsch-französischen Koproduktion immerhin als halben Film in ihrer Vita. Mit ihren 19 Jahren hat sie schon für fünf Kinofilme vor der Kamera gestanden. In "Poll" wurde sie als Entdeckung gefeiert, in "Ludwig II" spielte sie Sophie von Bayern, in "Der Geschmack von Apfelkernen" an der Seite von Hanna Herzsprung und Marie Bäumer. Jetzt "Das finstere Tal". Ein düsterer Alpenwestern mit Tobias Moretti und Sam Riley. Beer spielt die junge Luzi, eine Bauerstochter in einem verlassenen Tal, die sich um einen Fremden kümmern muss. Einen Tag nach der Premiere empfängt Paula Beer in einer der vielen Lounges im Berlinale-Palast.

Paula, es ist deine erste Berlinale als Schauspielerin. Wie fühlt es sich an, in der eigenen Stadt an einem Filmfestival teilzunehmen?
Es ist ganz komisch. Ich habe ja bisher in Berlin noch nicht mal einen Film gedreht. Kenne es bisher immer nur, als Schauspielerin in irgendwelchen Hotels untergebracht zu werden und durch fremde Städte zu fahren. Das jetzt alles Zuhause zu erleben ist etwas komplett Anderes.

Genießt du den Rummel?

Interviews, roter Teppich, das ist eine ganz andere Welt - ein bisschen wie Speed-Dating. Klar, es gehört dazu, und ich bin auch froh, dass alles mitnehmen zu können. Aber es ist auch anstrengend, eine vollkommen absurde Welt.

Ist sie für dich greifbar?
Nein. Weil ich jetzt alles in einem Block erlebe, denke ich da gerade viel darüber nach. Hier wird etwas erschaffen, das eigentlich nicht real sein kann. Das ist auf der einen Seite spannend, aber zugleich auch ungemein erschreckend. Es ist eine Projektion, die sich als Realität ausgibt.

In "Das finstere Tal" spielst du ein junges Mädchen, dass in einem abgeschotteten Tal lebt und deren Weltordnung durch einen Fremden durcheinander gebracht wird. Was hat dich an diesem österreichischen Alpen-Western gereizt?
Beim ersten Lesen dachte ich nur 'Wow, was für ein toller Charakter'. Beim zweiten Lesen dachte ich dann: 'Oh Gott, wie soll ich das spielen?!'

Paula Beer posiert als Sophie in Bayern mit Sabin Tambrea als König Ludwig II. bei den Dreharbeiten zum Film "Ludwig II." (Quelle: dpa)
Im Historienfilm "Ludwig II" spielte Paula Beer Sophie in Bayern.

Was genau meinst du?
Luzi hat einen inneren Bruch und zwei sehr unterschiedliche Seiten. Eine neugierige, naive und wissbegierige Seite, die den Fremden so herzlich empfängt. Sie ist fasziniert von dem, was hinter den Bergen liegt und was der Fremde für sie symbolisiert. Auf der anderen Seite hat sie eine von der Tradition geprägte Angst, die immer wieder durchkommt und das Unterdrückte, das in ihr einen Zwiespalt auslöst. Diese beiden Seiten in einer Person zu verbinden, das war für mich die größte Herausforderung.

Du sprichst im Film mit einem tiroler Dialekt – als Berlinerin. Wie schwer war es, das zu lernen?

Am Anfang habe ich da gar nicht drüber nachgedacht und wollte hochdeutsch sprechen. Bis mir klar wurde, dass der Dialekt ausschlaggebend für die Rolle ist. Er steht für das Bäuerliche. Sprache macht so wahnsinnig viel aus, ist Ausdruck von allem. Ich musste es lernen, ohne dass es wie ein billiger Nachahm-Versuch klingt. Der Weg dahin war Millimeterarbeit.

Gedreht habt ihr an Originalschauplätzen in Tirol. Hat das geholfen, in die Rolle reinzukommen?
Definitiv. Ich dachte, die bauen da ein altes Dorf hin. Als ich ans Set in unser Filmhaus kam, stand da ein 80-jähriger Mann, der da schon sein Leben lang gewohnt hat. Da hatte sich seit 200 Jahren nichts verändert. Der Mann hatte ein beheiztes Zimmer mit einem kleinen Ofen. Der Rest des Hauses war gefühlte Minus zehn Grad kalt. Der Holzboden hat bei jedem Schnitt geknarzt. Ich hatte das Gefühl, in eine andere Zeit gekommen zu sein. Da ticken die Uhren wirklich noch anders. Mit Kostüm und dem Dialekt hat es dann alle eine Eigendynamik bekommen.

Inwiefern?
Ich hatte das Gefühl, ich spiele gar nicht, sondern lebe meine Rolle. Wir haben uns unsere eigene Realität erschaffen.

Aber ist es als Schauspielerin nicht viel schwieriger, nicht spielen zu können?
Beim Spielen muss man irgendetwas zeigen. Weil aber das ganze Setting stimmte und uns automatisch in eine andere Zeit zurückversetzte, hatte ich abends oft das Gefühl, den ganzen Tag über gar nichts getan zu haben. Wenn ich mal Text hatte, war das ein Highlight.

Wie war es für dich allein unter Männern?
Meine krasseste Erfahrung war direkt mein erstes Casting mit Tobias Moretti und Clemens Schick. Ich war zu früh und der Regisseur Andreas Prochaska hatte mich gebeten, für das Männer-Casting schon einmal die Luzi zu spielen. Ich dachte, dass sei eine gute Chance, schon mal in die Rolle zu finden. Alle trugen schon ihre schwarzen Trachten. Ich stand vor fünf Testosteron-gesteuerten Mannsbildern, die plötzlich alle auf mich zukamen. Mit so einer Wucht, dass ich echt Angst bekam. Auf dem Weg zurück zum Flughafen rief ich meine Agentin an und sagte, ich sei völlig fertig. Ich konnte nicht mehr.

Allein unter Männern: Paula Beer mit Regisseur Andreas Prochaska (l-r) und Schauspieler Tobias Moretti bei der Vorstellung des Films "Das finstere Tal" (Quelle: dpa)
In "Das finstere Tal" ist Paula Beer ziemlich allein unter Männern.

Kam das Gefühl bei den Dreharbeiten wieder?
Manchmal. Bei so intensiven, erdrückenden Szenen entwickeln sich oft Dynamiken. Ich war nie allein, hatte irgendwann die anderen über und musste einfach mal vor die Tür gehen und ein wenig laufen. Da erst habe ich die Ruhe der Natur richtig zu schätzen gewusst.
 
Was ist eigentlich an der Legende dran, dass du deine Schauspielkarriere einem Zufall zu verdanken hast?
Ich würde nicht sagen Zufall, eher Schicksal. Ich habe schon in der dritten Klasse Theater gespielt und gemerkt, dass ich die Bühne liebe. Ich wollte gar nicht mehr runter, es ist irgendetwas mit mir passiert da oben. Mit zwölf habe ich dann im jungen Ensemble des Friedrichstadtpalastes angefangen. Der Wunsch in einem Film mitzuspielen wurde immer konkreter. Dann wurde ich in meiner Schule von einer Casterin entdeckt. Sie ist ganz filmreif erst an mir vorbeigelaufen, kam dann zurück, drehte sich drei Mal nach mir um und hat mich zum Casting für "Poll" eingeladen. Irgendwie ist das alles wie ein kleines Märchen.

Das Interview führte Anna Wollner

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