
Bisher nur Winter-Duldung für Preisträger - Nazif Mujic kämpft auf der Berlinale
Manchmal holt die Wirklichkeit den Film ein: Vergangenes Jahr gewann Nazif Mujic den Silbernen Bären als bester Darsteller. Er hatte in der Low-Budget Produktion "Aus dem Leben eines Schrottsammlers" einfach sein eigenes Schicksal gespielt und jetzt lebt er als Asylbewerber in Berlin. Fünf Tage war er auf der Berlinale. Anke Burmeister hat ihn bei einer Gesprächsrunde getroffen.
'I’ m here to stay', steht in großen schwarzen Buchstaben auf dem weißen T-Shirt: Ich bin hier um zu bleiben. Nazif Mujic zieht sein schwarzes Jackett aus, streift sich das Shirt über sein weißes Hemd und lächelt für die Fotografen. "Mein Traum ist es, hier zu bleiben", erklärt er. "Ich möchte mit meiner Frau und den Kindern ein ganz normales Leben führen und ihnen Berlin zeigen." Außerdem wolle er als Schauspieler arbeiten, fügt der Familienvater hinzu.
Fünf Tage hat er auf Einladung der Berlinale im Hotel gewohnt und auf dem roten Teppich alte Freunde getroffen. Das Filmfestival stellt ihm außerdem eine Juristin zur Verfügung, er und seine Familie haben vorerst eine sogenannte Winter-Duldung erhalten. Sein Ayslantrag war zuvor allerdings bereits abgelehnt worden. Die Juristin versucht nun, die Abschiebung nach dem Winter zu verhindern und hat dafür hat eine entsprechenden Petition beim Petitionsausschuss des Innensenats eingereicht.

Bundestagsabgeordneter Juratovic: Eine europaweite Lösung muss her
Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Josip Juratovic, ein gebürtiger Kroate, beschäftigt sich mit dem Fall Mujic. Die Berliner Ämter hätten alles richtig gemacht, meint er, doch der Fall werfe grundsätzliche europäische Fragen auf. Rechtlich sei alles klar, so Juratovic. "Wir müssen uns aber grundsätzlich politisch Gedanken machen, wie wir mit Armut in Europa und mit Armutszuwanderung umgehen." Diese sei letztlich eine Folge dessen, dass die Menschen in ihren Herkunftsländern keine Perspektive hätten. "Die Fachkräfte wandern ins Ausland ab, und Zuhause ist niemand mehr, der das Land aufbauen könnte." Diese Probleme müssten politisch gelöst werden, so der Bundestagsabgeordnete, allerdings nicht nur in Deutschland, sondern europaweit.
Hoffnung auf bessere Zukunft zerschlagen
Vier Jahre hat Mujic freiwillig im Jugoslawienkrieg gekämpft und seinen Bruder verloren. Das unfassbare Schicksal seiner Frau, die tagelang mit einem toten Baby im Bauch herumlaufen musste, weil kein Arzt sie behandelt wollte oder konnte, wurde im vergangenen Jahr auf der Berlinale als Film gezeigt. Mujic und seine Frau spielten darin einfach ihr Leben. Der Film bekam den Großen Preis der Jury, und er den Silbernen Bären als bester Darsteller.
"Nachdem ich den Preis bekommen habe, dachte ich, dass sich mein Leben ändert", so Mujic, "und ich andere unterstützen kann." Doch diese Hoffnung blieb in seiner Heimat unerfüllt. Seit einigen Monaten lebt er mit seiner Familie in einem Asylbewerber-Heim am Berliner Stadtrand. Zurückgehen will er auf keinen Fall. Im Fernsehen sehe man doch, was dort los sei. "Ich befürchte, dass dort bald wieder geschossen wird."
In Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina gibt es tatsächlich seit Tagen Unruhen. Der Bundestagsabgeordnete Juratovic fliegt dorthin, um Gespräche zu führen. Mujic empfiehlt er weiterhin Proteste und Unterschriftensammlungen. "Er soll jede Möglichkeit nutzen, um Solidarität für sich zu gewinnen", so Juratovic. Denn es sei wirklich ein sehr spezifischer Fall, bei dem man im Grunde die Welt nicht mehr verstehe.
Der Film, der rote Teppich, der Silberne Bär, die Medien, Gesprächsrunden, Aufmerksamkeit: Mujic steht aufrecht und lacht, es scheint, als ob er die neue Welt langsam versteht.



