
Richard Linklater im Interview - "Das ganze Projekt hat auf dem Prinzip Hoffnung beruht."
Richard Linklater ist ein Berlinale-Veteran: Mit seinen drei "Before"-Filmen war er beim Filmfestival – zuletzt mit "Before Midnight" 2013. Auch in diesem Jahr ist Linklater mit einer besonderen filmischen Langzeitbeobachtung dabei und hat im Wettbewerb unter großem Applaus seinen neuen Film "Boyhood" vorgestellt. Alexander Soyez hat Richard Linklater zum Interview getroffen.
Einen Jungen und seine Familiengeschichte zwölf Jahr lang zu beobachten und Jahr für Jahr seine Geschichte weiter zu erzählen – Wie kommt man auf so eine Idee?
Ich wollte einen Film über Kindheit machen, aber ich wusste nicht über welchen Teil der Kindheit. Wenn ich zurückblicke, habe ich also mit diesem Film eigentlich nur versucht, dieses Problem zu lösen. Mein Gedanke war: Was, wenn wir jedes Jahr nur ein bisschen drehen würden, dann könnte ich das gesamte Heranwachsen eines Jungen zeigen. Nur ist dieses Vorgehen so unpraktisch, dass es noch niemand wirklich versucht hat und wahrscheinlich auch nicht noch mal versuchen würde.
Warum haben Sie den damals noch kleinen Ellar Coltrane ausgewählt?
Ja. Das war die große Entscheidung. (lacht) Ich habe viele Kinder in seinem Alter getroffen und habe mich gefragt, wer von diesen 6- oder 7-jährigen Jungen wird wohl der interessanteste Teenager werden. Im Grunde habe ich mich da auf mein Bauchgefühl verlassen. Es gab viele spannende Kids, aber bei ihm hatte ich das Gefühl, dass er irgendwie einen künstlerischen Einschlag bekommen würde. Bei anderen Kindern hatte ich eher das Gefühl, sie könnten Sportler werden. Aber man weiß ja nie, er hätte ja auch ein muskulöser Ringer werden können. Dann hätte der Film ganz anders ausgesehen. Es ist aber schon interessant: Ellar ist eigentlich immer noch der gleiche Junge wie damals.
Er ist das "Geschenk" des Films, war aber natürlich auch der größte "Risikofaktor" des Projekts.
Klar. Mit zwölf hätte Ellar sagen können, dass er keine Lust mehr hat. Dann hätten wir den Film nicht mehr weitermachen können. Man kann einen 6- oder 7-Jährigen nicht rechtlich dazu verpflichten, was er als Teenager machen soll. Das wäre illegal. Das ganze Projekt hat also auf dem Prinzip Hoffnung beruht. Wir haben gehofft, dass wir am Ende einen Film haben würden. Und wir haben gehofft, dass wir jedes Jahr alle Beteiligten neu begeistern können, sich wieder eine Woche lang auf dieses Experiment einzulassen.
Zu den Beteiligten gehört auch Ihre Tochter Lorelei, die im Film Ellars große Schwester spielt.
Ja und ich muss gestehen, bei ihr war es manchmal soweit, dass sie nicht mehr weitermachen wollte. Aber ich konnte sie dann doch immer wieder überzeugen.
Die Finanzierung eines Projekts, dessen Abschluss nicht sicher gestellt war, die Terminierung einer Woche jedes Jahr, die Arbeit mit Kindern – abgesehen von diesen Problemen, die auf der Hand liegen, was war inhaltlich die größte Schwierigkeit?
Es war einfach sehr viel Raum für Überraschungen. Das war aber auch einer der Grundgedanken dieses Projekts. Bis zu einem gewissen Grad sind wir ja Ellars Entwicklung gefolgt. In den ersten Jahren haben wir vor allem das gemacht, was mit ihm auch gut zu machen war. In den späteren Jahren wurde es dann mehr und mehr zu einer Zusammenarbeit mit ihm. Ein Austausch über das, was in der Geschichte weiter passiert, wie er sich in bestimmten Situationen verhält. So wie mit Patricia Arquette oder Ethan. Ich habe mich mit ihm getroffen, mich erkundigt wie es läuft in seinem Leben. Und so unpraktisch das Jahr Pause zwischen den Dreharbeiten war, so hilfreich war es auf der anderen Seite, um über den weiteren Verlauf und die nächste "Episode" nachzudenken.
Wie persönlich ist dieser Film für Sie? Ist es irgendwie auch Ihre eigene Kindheit, die wir da auf der Leinwand sehen?
Ich bin Geschichtenerzähler und ich erzähle meine Geschichten mit Schauspielern, mit denen ich eng zusammenarbeite. Jeder meiner Filme ist persönlich, aber nicht unbedingt autobiographisch. Es kommen zum Beispiel kleine Dinge mit hinein. Sowohl Ethans als auch mein Vater haben irgendwann mal für eine Versicherungsfirma gearbeitet. Der Vater, den Ethan spielt, ist eine Mischung aus unseren Vätern und den Vätern, die wir sind.
Sind Sie selbst durch den Film zu einem besseren Vater geworden?
Ja. Ich denke schon. Ethan hat auch das Gefühl, glaube ich. Es geht darum, dass dieser Vater im Film wirklich versucht, ein Vater zu sein. Wenn man es nicht automatisch ist, dann trifft man im besten Fall irgendwann die Entscheidung, ein Vater zu sein.
Sie haben auf der Berlinale Ihre Karriere begonnen und hatten mit den "Before"-Filmen ihre bislang größten Erfolge hier – Welches Gefühl haben Sie in diesem Jahr mit "Boyhood"?
Es ist Unglaublich. Berlin ist für mich als Filmemacher ein wirklich besonderer Platz. Das erste Mal war ich 1990 hier und es war das erste Mal, dass ich die USA verlassen hatte. Mein erster Film. All diese Jahre sind seitdem vergangen, und ich war eigentlich ziemlich regelmäßig hier. Aber es ist komisch, es fällt mir immer noch schwer, wirklich hier im Wettbewerb zu laufen oder als etablierter Filmemacher zu gelten. Es ist seltsam. Und dazu kommt gerade das Gefühl, dass ich zwei große Projekte hinter mir habe, die mich sehr lange begleitet haben. Die "Before"-Reihe ist seit vergangenem Jahr vorbei und jetzt ist auch "Boyhood" vorbei. Auch das verbinde ich also mit Berlin.
Die "Before" –Reihe ist wirklich zu Ende?
Ja. Aber man weiß ja nie.
Das Interview führte Alexander Soyez







