
Asiatische Filme räumen bei der Berlinale ab - "Schwarze Kohle", Goldener Bär
Das asiatische Kino ist der große Gewinner der 64. Berlinale: Vier der insgesamt acht Bären gingen an Filme aus China und Japan. Der chinesische Thriller "Bai Ri Yan Huo (Schwarze Kohle, dünnes Eis)" gewann dabei gleich zwei Preise, den Goldenen und einen Silbernen Bären für den besten Hauptdarsteller. Aber auch zwei deutsche Filmemacher durften sich am Samstagabend über eine Bären-Trophäe freuen.
Die Berlinale kennt im Grunde genommen nur zwei Gesetze. Erstens: Arktische Temperaturen und Schnee im ohnehin schon frostigen Berliner Winter. Zweitens: Die Jurys zerschmettern mit lustvoller Regelmäßigkeit vermeintliche Topfavoriten und untergraben formvollendet die Erwartungen der Kritiker. Ersteres muss nach den frühlingshaften Temperaturen während der 64. Ausgabe der Filmfestspiele korrigiert werden, letzteres: nicht.
Denn den Goldenen Bären für den besten Film gewann am Samstagabend ein Außenseiter: Den chinesischen Film "Bai Ri Yan Huo (Schwarze Kohle, dünnes Eis)" des Regisseurs Diao Yinan hatte vor der Verleihung kaum jemand auf der Favoritenliste. Am Ende aber räumte Diao Yinan nicht nur den Goldenen Bären ab, sein Hauptdarsteller Fan Liao wurde außerdem mit dem Silbernen Bären als bester Schauspieler ausgezeichnet.
In dem düsteren Neo-Noir-Thriller "Schwarze Kohle, dünnes Eis" spielt Fan Liao einen ehemaligen Polizisten, der auf neue Fährten in einem alten Mordfall stößt. Sie führen in eine Wäscherei - und zu einer Frau, die ihre Geheimnisse erst nach und nach verrät. "Berlin, ich liebe Dich. Guten Abend!", sagte Regisseur Diao Yinan in seiner Dankesrede - sichtlich überwältigt. Sein Hauptdarsteller Fan Liao freute sich einen Tag nach seinem 40. Geburtstag über den Silbernen Bären als "das schönste Geschenk, das Sie mir geben können".

Starkes Asien: Drei Bären nach China, einer nach Japan
Auch der zweite von drei chinesischen Wettbewerbsfilmen gewann einen Preis: "Tui Na (Blind Massage)" wurde mit dem Silbernen Bären für seine herausragende Kameraführung ausgezeichnet. Der Regisseur Lou Ye erzählt in seinem Drama die Geschichte einer Gruppe blinder Masseurinnen und Masseure im chinesischen Nanjing.
Außerdem ging auch der Preis für die beste Darstellerin nach Asien: Die japanische Schauspielerin Haru Kuroki erhielt den Silbernen Bären für ihre Rolle in "Chiisai Ouchi (Das kleine Haus)" des Regie-Altmeisters Yoji Yamada. Der einzige japanische Wettbewerbsfilm erzählt von einer Romanze in Tokio vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.
Die junge Darstellerin trat in einem traditionellen japanischen Kimono auf die Bühne. "Ich freue mich, dass Sie diesen Film anerkannt haben", erklärte sie fast schüchtern. "Das erfüllt mich mit einem großen Glück. Ich werde dieses Glück nach Japan mitnehmen." Und wenn sie gewusst hätte, dass sie hier vorne stehen würde, fügte sie entschuldigend hinzu, hätte sie mehr deutsch gelernt.
"Kreuzweg" gewinnt als einziger deutscher Film
Der Topfavorit auf den Goldenen Bären war in den Augen der meisten Kritikerinnen und Kritiker Richard Linklaters Langzeitprojekt "Boyhood". Darin zeigt Linklater das Aufwachsen eines Scheidungskindes - er drehte den Film über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Die Jury um Präsident James Schamus ("Brokeback Mountain"), Christoph Waltz ("Inglourious Basterds"), Bond-Produzentin Barbara Broccoli und die Schauspielerin Greta Gerwig ("Frances Ha"), aber hatte den Mut, anders zu entscheiden. Sie ehrte Richard Linklater mit dem Silbernen Bären für die beste Regie.
Der deutsche Film war in diesem Jahr mit vier Wettbewerbsbeiträgen vertreten, so vielen wie seit Jahren nicht mehr. Doch den deutschen Beiträgen wurden bereits vor der Verleihung kaum Chancen auf den Goldenen Bären eingeräumt, und Dominik Grafs Liebesdrama "Die geliebten Schwestern", Feo Aladags Afghanistan-Film "Zwischen Welten" und "Jack" von Edward Berger gingen tatsächlich leer aus.
Grund zum Jubeln hatten allerdings zwei Geschwister: Der Regisseur Dietrich Brüggemann und seine Schwester Anna gewannen den Silbernen Bären für das beste Drehbuch - die ARD-Koproduktion "Kreuzweg" erzählt die Geschichte der 14-jährigen Maria, die in einer ultrareligiösen katholischen Familie aufwächst. Sie will ihr Leben unbedingt Gott widmen - doch ihr religiöser Ehrgeiz lässt Maria fast zerbrechen.
Am 20. März kommt der preisgekrönte Film in die deutschen Kinos. Regisseur Brüggemann sieht die Auszeichnung als "Ermutigung weiterzumachen" - und zwar im Team mit seiner Schwester. Er habe schon drei fertige Bücher in der Schublade liegen. "Jetzt wollen wir erst einmal wieder etwas zusammen machen. Es soll zum Beispiel eine Fortsetzung zu '3 Zimmer/Küche/Bad' geben", kündigte Brüggemann an. Die Komödie war 2012 in die Kinos gekommen.

Preis für neue Perspektiven geht an einen Altmeister
Der Alfred-Bauer-Preis für einen Film, der neue Perspektiven aufzeichnet, ging ausgerechnet an einen Altmeister: Der französische Regisseur Alain Resnais, der bereits fast 92 Jahre als ist, wurde für seine Tragikomödie "Aimer, boire et chanter (Life of Riley)" ausgezeichnet. Er sei der Weltmeister der Innovation, sagte der Produzent des Films Jean-Louis Livi, der den Preis anstelle von Resnais für "Life of Riley" entgegennahm. "Danke für diese schöne Woche, die wie ein Märchen endet", fügte Hauptdarsteller André Dussolier auf Deutsch hinzu.
Wes Anderson gewinnt Großen Preis der Jury
Wes Andersons Eröffnungsfilm "The Grand Budapest Hotel" wenigstens traf noch am ehesten die Voraussagen der Kritiker für die Berlinale-Gala am Samstag: Die skurrile, farbengetränkte Geschichte über den Concierge eines Luxushotels in den Zwanzigern wurde mit dem Großen Preis der Jury geehrt.

Bester Erstlingsfilm ist ein mexikanischer Roadtrip
Den Preis für den besten Erstlingsfilm erhielt der Mexikaner Alonso Ruizpalacios. Sein Film "Güeros" ist ein Roadtrip durch das Moloch Mexico City. Mitten im Studentenaufruhr 1999 machen sich drei junge Mäner auf die Suche nach einem Rockstar, der Bob Dylon zum Weinen brachte.
Auch die beiden besten Kurzfilme wurden mit einem Goldenen und einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Den ersten Preis räumte ein Regie-Duo aus Frankreich ab: Caroline Poggi und Jonathan Vinel erzählen in "Tant qu'il nous reste des fusils à pompe" die Geschichte eines Jungen, der nach dem Selbstmord seines Freundes selbst den Lebensmut verliert. Den Silbernen Bären gewann Guillaume Cailleau für seinen Kurzfilm "Laborat". Der in Deutschland lebende Franzose dokumentiert darin mit unbehaglicher Genauigkeit einen Tag in einer onkologischen Forschungsstation.
Neben den Bären-Gewinnern konnten sich die Organisatoren der Berlinale noch über ein weiteres Highlight freuen: Der Publikumsansturm erreichte mit 330.000 verkauften Karten einen neuen Rekord in der 64-jährigen Geschichte des Festivals, wie die Berlinale am Samstag mitteilte. Damit wurde die Rekord-Vorjahreszahl übertroffen.




