Berlinale 2014: Filmstill "Wu Ren Qu | No Man's Land" mit Zheng Xu und Bo Huang (Quelle: berlinale.de/Copyright: China Film Company)

Ausblick auf die 64. Berlinale - Das Festival der Denkanstöße

Im Vergleich zu Cannes und Venedig gilt die Berlinale als "Arbeitsfestival", weil hier die eher politischen Debatten geführt werden und es die großen thematischen Linien gibt, die sich durch die Sektionen ziehen. Knut Elstermann freut sich auf ein Festival, an dessen Ende man klüger und einsichtsvoller sein wird als am Beginn - und sehr viel müder.

Die Berlinale hatte immer den auf den ersten Blick wenig schmeichelhaften Ruf, ein Arbeitsfestival zu sein, verglichen mit dem sommerlichen Glanz von Cannes und Venedig. Hier gibt es die politischen, besorgten Debatten, die engagierten Dokumentarfilme, die man in Cannes und Venedig vergeblich sucht, die großen thematischen Linien, die sich sehr bewusst durch die einzelnen Sektionen ziehen, die gezielten Denkanstöße. Wenn man mit Brecht aber das Denken zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse zählt, dann kann das auch in diesem Jahr wieder ein sehr unterhaltsames, vergnügliches Festival werden, an dessen Ende man klüger, einsichtsvoller und angeregter als am Beginn sein wird. Allerdings auch sehr viel müder.

Berlinale 2014: Filmstill "Jack" mit Ivo Pietzcker und Luise Heyer (Quelle: berlinale.de/Copyright: Jens Harant)
Ein Zehnjähriger auf der Suche nach der Mutter: "Jack".

Man kann sich die Berlinale als ein großes Gedankenlabor vorstellen, in dem uns Geschichten darüber vorgestellt werden wie wir leben, vielleicht Fragen danach auslösend, ob wir so leben wollen. Viele Filme kreisen um die unbehausten Kinder und Jugendlichen in unserer Zeit, um die Heranwachsenden, denen Orientierung und Wärme fehlen. Im Wettbewerb erzählt Edward Bergers "Jack" davon wie ein zehnjähriger Junge seine Mutter sucht. Es ist ein Berlin-Film, aber auch die Schilderung einer verlorenen Eltern-Generation, die eigentlich Rückhalt geben könnte. In "Kreuzweg" von Dietrich Brüggemann steigert sich ein emotional vernachlässigtes junges Mädchen in einen religiösen Wahn bis zur Selbstaufopferung hinein. Das sind zwei von insgesamt vier deutschen Wettbewerbsfilmen, eine starke Präsenz in diesem Jahr.

Filmisches Langzeitexperiment

Mit "Boyhood", dem wohl ungewöhnlichsten Film des Wettbewerbs, stellt Richard Linklater eine Langzeitbeobachtung in fiktiver Form vor. Seine Schauspieler Ethan Hawke und Patricia Arquette haben sich jedes Jahr seit 2002 einmal getroffen und am Film weitergedreht. Auch hier geht es um einen Heranwachsenden. Wir erleben den eigenwilligen Jungen Mason aus Austin, seine schulische Anfänge bis zum College, seine Kindheit und Jugend. Seine Eltern werden älter, der Junge wird reifer, während sich Amerika grundlegend verändert, ein großartiges filmisches Experiment, für das ein langer Atem und viel Liebe nötig waren.

Stark vertreten ist China in diesem Jahr, mit drei Wettbewerbsbeiträgen, die bei aller formalen und inhaltlichen Verschiedenheit doch ein Thema verbindet, der schonungslose Blick auf ein Land, das seinen moralischen Kompass verloren hat, in dem die Korruption und die Gier die Fundamente der Gesellschaft untergraben haben. "No Man's Land" von Ning Hao erzählt davon im melancholischen Stil eines Spätwesterns inmitten der kargen Landschaft an der mongolischen Grenze. Der illusionslose Film lag drei Jahre auf Eis und wurde erst jetzt freigegeben.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich chinesische Filmemacher eingeführter Genremuster bedienen, um ihre Gesellschaftskritik zu transportieren, so auch im Wettbewerbsfilm "Black Coal, Thin Ice" von Diao Yinan. Es ist sein dritter Spielfilm, ein Krimi im Film Noir-Stil, mit typischen Genrefiguren, die uns mitten in den Alltag einer chinesischen Stadt hineinführen.

Nagima (Quelle: berlinale.de)
Berührt: die Geschichte des Waisenmädchens "Nagima".

Suche nach Werten und Orientierung

Auch wenn im Wettbewerb leider kein einziger Film aus Ost,- oder Südosteuropa zu sehen ist, können die anderen Sektionen wichtige Produktionen aus dieser Region zeigen, auch hier sind es vor allem Filme die nach den Grundlagen der erschütterten, oft orientierungslosen Gesellschaften fragen, nach den gemeinsamen Werten, die ein Zusammenleben erst möglich machen. Sicher unvergessen bleiben wird "Nagima" von Zhanna Issabayeva (im Forum) aus Kasachstan, die berührende Geschichte eines Waisenmädchens, das nirgends auf Verständnis oder Zuwendung trifft, die traurige Bestandsaufnahme einer aus den Fugen geratenen Welt. In "Land of Storms" aus Ungarn (Panorama) erzählt Regisseur Ádám Császi von einem schwulen Fußballer, dem in seinem Dorf unverhüllter Hass entgegenschlägt, ein höchst aktueller Stoff.

Ein besonders origineller Film, auch hier geht es um Fußball, kommt aus Rumänien: "The Second Game" (Forum). Der bekannte Regisseur Corneliu Porumboiu sieht sich zusammen mit seinem Vater, der zur Zeit des Ceaucescu-Regimes Fußball-Schiedsrichter war, die Aufzeichnung eines völlig verschneiten Spiels der Spitzen-Mannschaften von Armee und Securitate von 1988 an, das der Vater gepfiffen hatte.  Die beiden kommentieren aus dem Off die Partie, meditieren aber zugleich wunderbar beiläufig über Gerechtigkeit, Unparteilichkeit, Familie. Natürlich dauert dieser Film genau 90 Minuten.

Berlinale 2014: Filmstill "The Monuments Men" mit Dimitri Leonidas, John Goodman, George Clooney, Matt Damon, Bob Balaban (Quelle: berlinale.de/Copyright: 2013 Twentieth Century Fox)
George Clooney führt nicht nur Regie bei "The Monuments Men", er spielt auch mit.

Starglanz außer Konkurrenz

Trotz der Konzentration dieses Festivals auf die großen Themen, die Krisen und sozialen Verwerfungen, muss niemand auf den Starglanz verzichten, doch der findet sich eher in den Specials außerhalb der Sektionen, in den feierlichen Sondervorführungen außer Konkurrenz. Regisseur und Darsteller George Clooney lebte wochenlang in Berlin um "The Monuments Men" zu drehen, die wahre Geschichte einer "schnellen Eingreifgruppe" der Alliierten, die von Nazis geraubte Kunstwerke retten sollte. Der Film ehrt Menschen, die bereit waren für diese Werke zu sterben. Viele Stars wirkten mit, wie Cate Blanchett, Matt Damon und Bill Murray. Sicher werden einige von ihnen zur Premiere nach Berlin kommen.

Auch der Oscarkandidat "American Hustle" läuft, pünktlich zum deutschen Kinostart, in einer Sondervorführung, eine brillante Gaunerkomödie mit Stars wie Christian Bale, Amy Adams und Jennifer Lawrence, denen man die sprühende Spielfreude ansieht. Auch dies eine wahre, allerdings unglaubliche Geschichte.

In Grazia di Dio (Quelle: Cosimo Cortese)
Szene aus Edoardo Winspeares "In Grazia di Deo", der im Panorama läuft.

Die eigene Schneise schlagen

Mit seinem auch in diesem Jahr wieder aus allen Nähten platzenden Programm, mit Kinder- und Jugendsektion, die diesmal übrigens auch an das DEFA-Kinderfilmschaffen erinnert, mit Retrospektive, Kulinarischem Kino und erlesenem Kurzfilmwettbewerb liefert die Berlinale so viel Material,  dass jeder seine eigenen Schneisen schlagen, sich sein Programm mit eigenen Schwerpunkten zusammenstellen kann. Doch überall wird er auf wiederkehrende Motive, auf ähnliche Denkanstöße treffen, auf Geschichten von Menschen, die sich gegen eine Krise wehren müssen, die sie nicht gemacht haben. So wie die italienische Familie, die alles verloren hat und dennoch weiterkämpft, in dem schönen Film von Edoardo Winspeare "In Grazia di Deo" (Panorama), gedreht in der Tradition des Neorealismus mit sehr glaubwürdigen Laiendarstellern. Solche Filme machen den besonderen Reiz der Berlinale aus, sie verweisen aufrichtig, ohne anklägerisch oder gar propagandistisch zu sein, auf die unvollkommene, widersprüchliche Wirklichkeit, die noch immer die bewegendsten Geschichten liefert.

Es ist nur folgerichtig, dass diesmal ein Regisseur den Ehrenbären erhält, der sich seit fünfzig Jahren genau für ein solches Kino einsetzt, der Brite Ken Loach, das soziale Gewissen der Weltfilmkunst.

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