Der britische Regisseur Ken Loach posiert am 13.02.2014 in Berlin während der 64. Internationalen Filmfestspiele vor Beginn einer Pressekonferenz (Quelle: dpa).

Ken Loach im Interview - "Filmfestivals werden nicht als Sprachrohr der Masse gesehen"

Bei anderen Filmemachern mag man darüber streiten, bei Ken Loach gibt es keine Frage: Er will mit seinen Filmen auch die Welt verändern und auf unterhaltsame Art und Weise auf Missstände hinweisen. Dabei hat er sich nie korrumpieren lassen. Auf der Berlinale wurde der britische Filmemacher mit dem Goldenen Bären für sein Lebenswerk geehrt. Alexander Soyez hat vorab mit ihm gesprochen.

Sie werden mit dem den Goldenen Bären für Ihr Lebenswerk geehrt – heißt das nicht in gewisser Weise auch, dass Sie im "Establishment" angekommen sind, gegen das Sie immer gekämpft haben?

Stimmt. Tut mir leid. (lacht) Nein, das ist schon etwas anderes. Filmfestivals werden nicht als Sprachrohr der Masse gesehen. Cannes wird definitiv nicht so wahrgenommen. Die Auszeichnung in Cannes für "The Wind that Shakes the Barley" hat ja die Konservativen und Rechten erst aus ihren Löchern gelockt. Sagen wir es so, es gibt verschiedene Establishments und die meisten Festivals gehören dem europäischen intellektuellen Establishment an – mit leichtem bis stärkerem Linksdrall. Aber das ist sicher nicht die herrschende Klasse.

Und wie sieht es mit Auszeichnungen der herrschenden Klasse aus?

Da muss man immer genau aufpassen und hinsehen. Vom Establishment gefeiert und angenommen zu werden ist keine gute Position. Ich würde auch nicht sagen, dass ich da schon angekommen wäre. Und ich werde da wohl auch nie ankommen. Es ist gut, ein Außenseiter zu sein, wenn man Autor, Filmemacher oder Theaterregisseur ist. Bei jeder öffentlichen Kunstform sollte man kritisch sein und auf keinen Fall Teil des Establishments werden, sonst wird man von ihm eingenommen und verliert seine Glaubwürdigkeit.

Freuen Sie sich über den Goldenen Bären?

Das ist wirklich sehr großzügig von der Berlinale. Es ist auch wichtig für uns, weil es dabei hilft, dass unsere Filme vielleicht noch eine etwas größere Plattform bekommen. Filmfestivals haben ja bis zu einem gewissen Grad eine durchaus radikale Tradition und man kann auf fast jedem Festival das Spannungsfeld zwischen kommerzielleren Beiträgen und unabhängigen und progressiven Produktionen spüren. Die meisten großen Festivals suchen auf die eine oder andere Art nach diesem Gleichgewicht. Also: Es ist eine schöne Sache. Und die Leute, die diese Festivals machen sind normalerweise sehr nette Leute und haben gute Absichten.

Die Berlinale bietet mit der Hommage für Sie auch eine einmalige Chance auf Ihre Karriere zurückzublicken. Was sehen Sie da selbst, wenn Sie Ihre Filme von früher Revue passieren lassen?

Es sind so viele Jahre, auf die ich zurückblicken müsste (lacht) - also lasse ich das lieber. Der nächste Film, das nächste Projekt ist für mich immer das Wichtigste und Interessanteste. Das habe ich immer so gehalten. Außerdem, wenn ich mir so ein paar meiner alten Sachen anschaue, denke ich: "Oh Gott, wie konnte ich bloß so viele Fehler machen?"

Würden Sie sagen, Sie sind mit dem Älterwerden auch weiser geworden? Sie gelten mittlerweile als Institution, als "Elder Statesman" des sozialkritischen Kinos.

Hoffentlich nicht. Ich sehe mich weiter nur als Unruhestifter.

Hat sich Ihre Haltung verändert?

Ich glaube, die Welt ändert sich. Das was da draußen passiert, ändert sich. Ich habe das Gefühl, dass die Probleme noch viel schlimmer geworden sind. Vielleicht liegt das aber auch am Alter. Man hat ja einfach nicht mehr so viel Zeit. Allein schon die Umweltprobleme. Das ist erschreckend, insbesondere wenn man sich seine Enkel anschaut und sich fragt, in was für einer Welt sie wohl leben werden. Welche Welt übergeben wir ihnen? Auch die Kämpfe in den Reihen der Linken sind heftiger und verzweifelter geworden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmemachern haben Sie mit ihren Filmen immer auch versucht, die Welt zu verbessern und auf Themen aufmerksam zu machen. Ist Ihnen das Ihrer Ansicht nach auch gelungen?

Man ist nur ein Teil des Hintergrundrauschens. Man ist Teil dessen, was aus dem Kino an Aussagen und Meinungen nach außen dringt. Man versucht mit allen zur Mitteln, eine möglichst klare und für sich stehende Haltung zu transportieren. Durchs Schreiben, mit den Schauspielern, durch die Inszenierung. Aber das wird dann Teil des Kanons, wenn man so will – ein wirklich sehr kleiner Beitrag einer öffentlichen Diskussion über das eine oder andere Thema.

Beitrag von Alexander Soyez

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