
Vierter Tag der Filmfestspiele - Erster ernstzunehmender Bärenanwärter im Wettbewerb
Der vierte Tag der Berlinale war bislang der vielseitigste. Der Wettbewerb schmeckte eher nach trockenem Rotwein als nach Popcorn: Frankreichs Altmeister Alain Resnais zeigte eine Liebeskomödie, Stellan Skarsgard mordete sich vergnügt durch norwegische Eiswüsten - und aus China kam ein Drama über blinde Masseure, das zum ersten ernstzunehmenden Siegerkandidaten im Wettbewerb avanciert.
Die Berlinale ist abwechslungsreich und vor allem weltgewandt in die neue Woche gestartet: Der chinesische Regisseur Lou Ye hat sein Drama "Tui Na (Blind Massage)" ins Rennen um den Goldenen Bären geschickt. Darin erzählt Lou Ye, der für seine früheren regimekritischen Werke in China mehrfach Arbeitsverbote erhielt, die Geschichte einer Gruppe blinder Masseurinnen und Masseure im chinesischen Nanjing.
Für seine experimentelle Reise ins Reich der Dunkelheit arbeitete er sowohl mit blinden als auch mit sehenden Darstellern zusammen. Für manche Kritiker ist "Tui Na" der erste ernst zu nehmende Siegerkandidat der diesjährigen Berlinale.

Vom Schnee- zum Racheengel
Der zweite Wettbewerbsbeitrag bescherte dem schwedischen Star Stellan Skarsgård innerhalb von nicht einmal 24 Stunden den zweiten Auftritt auf dem roten Teppich: Am Sonntag erst feierte er die Premiere von Lars von Triers "Nymphomaniac Volume 1", in dem er eine der Hauptrollen spielt. Heute Abend kehrte Skarsgård mit "Kraftidioten" in den Wettbewerb zurück.
In der bitterbösen norwegischen Komödie mutiert Skarsgård vom Schnee- zum Racheengel: Er spielt den Familienvater Nils, dessen Sohn durch eine Verwechslung von der Mafia ermordet wird. Nils will ihn rächen und mordet sich bald ausdauernd durchs norwegische Eis - dann bekommt er es mit dem serbischen Gangsterboss (Bruno Ganz) zu tun.
Wie die Dreharbeiten waren? "Kalt sei es vor allem gewesen", sagte Skarsgård bei der Berlinale-Pressekonferenz am Montag. "Ich habe noch nicht mal Winterkleidung, obwohl ich in Schweden lebe. Ich bleibe von Oktober bis April im Haus." Der Schwede wird oft fälschlicherweise für einen Norweger gehalten, weil er so viele Filme in Norwegen drehe: "Für einen Norweger mit Sprachbehinderung", scherzte Skarsgård.
Nachwuchsschauspieler als "Shooting Stars" geehrt
Den Abschluss dieses Berlinale-Tages bildete die Tragikkomödie "Aimer, boire et chanter (Life of Riley)" des französischen Altmeisters Alain Resnais ("Smoking / No smoking"). Darin werden drei Frauen von der Nachricht des nahenden Todes ihres gemeinsamen Freundes George aus der Bahn geworfen.
Jahrelang verdrängte Gefühle kommen wieder hoch und zum Leidwesen ihrer biederen Ehemänner entbrennt unter den Frauen ein Streit darüber, wer George auf seiner letzten Reise begleiten darf. Der 91-jährige Resnais kehrt mit "Lieben, Trinken und Singen" nach 16 Jahren in den Wettbewerb der Berlinale zurück.

Neben den Altmeistern und Stars stand am Montag auch der Nachwuchs im Rampenlicht: Zehn europäische Nachwuchsschauspielerinnen und -schauspieler wurden als "Shooting Stars" im Rahmen der Berlinale geehrt.
Eine von ihnen ist die deutsche Darstellerin Maria Dragus. Für ihre Rolle der Klara in Michael Hanekes "Das weiße Band" wurde sie mit dem Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet.
Russische Punkband Pussy Riot beim "Cinema for Peace"
Die "Cinema for peace"-Gala hat in diesem Jahr gleich zwei Mal für Aufmerksamkeit gesorgt: Die französische Filmdiva Catherine Deneuve hat die diesjährige Gala dem verstorbenen südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela gewidmet. "Er war vielleicht das größte Vorbild für unsere Welt. Er hat uns gelehrt, dass Hautfarbe, Rasse und sexuelle Zugehörigkeit keinen Unterschied machen", sagte Deneuve am Montagabend vor Hunderten Gästen im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt.
Auch die Frontfrauen der kremlkritischen Punkband Pussy Riot nahmen an der Veranstaltung teil. Die beiden kürzlich aus der Lagerhaft entlassenen Aktivistinnen sorgten bereits tagsüber für Aufsehen. Dabei haben sie angekündigt, dass sie für das Moskauer Stadtparlament kandidieren wollen. Die beiden politischen Künstlerinnen waren bei der Präsentation der Dokumentation "Pussy Riot - A Punk Prayer" im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, wo der Film für einen Preis nominiert ist. Das Fest ist allerdings nicht offizieller Teil des Berlinale-Programms.







