Der britische Regisseur Ken Loach (Quelle: dpa)

Tag sieben bei der Berlinale - Zu Ehren des ewigen Unruhestifters

Der Donnerstag stand im Zeichen eines großen Unbequemen des europäischen Kinos: Der britische Regisseur Ken Loach wurde mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk geehrt. Aber auch der Wettbewerb ging in seinen Endspurt vor der Bären-Verleihung am Samstag: Der US-Filmemacher Richard Linklater präsentierte "Boyhood", das chinesische Kino war mit dem Road-Movie "Wu Ren Qu" vertreten.

Noch zweimal schlafen, dann werden am Samstag im Berlinale-Palast die Bärentrophäen überreicht. Insgesamt 20 Filme sind im Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären. Zwei Wettbewerbsbeiträge stellten sich am Donnerstag der Berlinale-Jury vor.

Berlinale 2014: Filmstill "Boyhood" mit Ellar Coltrane (Quelle: berlinale.de)
Filmstill "Boyhood" mit Ellar Coltrane

Ein "Berlinale-Abräumer" im Wettbewerb

Er hat bei den Berliner Filmfestspielen schon einige Trophäen abgeräumt, kommt in diesem Jahr ein weiterer Bär dazu? Der amerikanische Regisseur Richard Linklater, der unter anderem bereits eine Berlinale Kamera (2013) sowie einen Silbernen Bären (Beste Regie für "Before Sunrise", 1995) mit nach Hause nehmen konnte, stellte im Wettbewerb "Boyhood" vor.

Sein neuer Film ist ein einzigartiges Langzeitprojekt: Über den realen Zeitraum von zwölf Jahren versammelte Linklater alljährlich die gleichen Darsteller vor der Kamera. Im Mittelpunkt von "Boyhood" steht ein geschiedenes Paar (gespielt von den US-Schauspielern Ethan Hawke und Patricia Arquette) in Texas, das sich bemüht, seinen gemeinsamen Sohn so normal wie möglich aufwachsen zu lassen.

Linklaters Tochter spielt auch mit

Die Darsteller, erzählte Linklater am Nachmittag auf der Pressekonferenz, haben in der ganzen Zeit keine Aufnahmen zu sehen bekommen. Als es dann vor einigen Wochen so weit war, sei es schmerzhaft gewesen "all diese unangenehmen Phasen noch mal zu sehen", sagte Linklaters Tochter Lorelai, die im Film die zwei Jahre ältere Schwester der Hauptfigur spielt.

"Wir haben während dieser Zeit Eltern begraben, wir hatten zwei zusätzliche Kinder, Erwachsene, die sich durch die Elternzeit schlagen. Aber wir alle haben uns versprochen, dass wir den Film machen“, sagte Linklater. Die Crew habe jedes Jahr Vorbereitungen treffen müssen, als würde sie einen ganzen Film machen - dabei waren es im Schnitt nur etwa drei Drehtage. "Gerade gegen Ende hin dachte ich mir: Ich will einfach nicht dass es aufhört. Ich möchte nicht von irgendjemand hören, ob dieser Film gut ist", sagte Hauptdarstellerin Patricia Arquette.

Sie begleitete Richard Linklater am Abend zur "Boyhood"-Premiere. Ethan Hawke ("Before Sunrise") hingegen schritt nicht über den roten Teppich - zum Leidwesen vieler Autogrammjäger.

Berlinale 2014: Filmstill "Wu Ren Qu | No Man's Land" mit Bo Huang (Quelle: berlinale.de/Copyright: China Film Company)
Filmstill "Wu Ren Qu" mit Bo Huang

Eine chinesische Hommage an Sergio Leone

Der zweite Beitrag des Tages kam vom chinesischen Regisseur Ning Hao: In "Wu Ren Qu (No Man's Land)" fährt ein junger und erfolgreicher Rechtsanwalt aus Hong Kong in die Xinjiang-Wüste, um einen Fall zu übernehmen. Dort aber macht er bald groteske und gefährliche Zufallsbekanntschaften - und muss sein Leben verteidigen.

Regisseur Ning Hao präsentierte mit "No Man's Land" eine bildgewaltige philosophische Parabel auf eine aus allen Fugen geratene Gesellschaft, in der im Kampf um Reichtum und Macht keine moralischen Skrupel mehr gelten. Inszeniert als Hommage an die Italowestern eines Sergio Leone, macht der Film die kargen, zerklüfteten Wüstenexterieurs auch als Seelenlandschaften seiner Figuren erfahrbar.

Auszeichnung für Ken Loach

Der britische Regisseur Ken Loach ist seit Jahrzehnten eine feste Größe des europäischen Kinos. Für sein sozialkritisches Lebenswerk ist er schon mehrfach ausgezeichnet worden. Jetzt kommt ein wichtiger Preis hinzu: Auf der Berlinale 2014 erhielt Loach am Abend den Goldenen Ehrenbären.

Der 77 Jahre alte Regisseur ist für Filme wie "The Wind That Shakes the Barley", "Carla's Song" oder "Looking for Eric" bekannt. Zur Preisverleihung am Abend (22 Uhr) wird Loachs Tragikomödie "Raining Stones" gezeigt. Loach ist bereits mehrfach für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden, unter anderem bei 1994 bei den Filmfestspielen von Venedig und 2006 von der British Academy of Film and Television Arts.

Loach sagte bei einer Pressekonferenz am Nachmittag, je ambitionierter seine Filme soziale oder politische Veränderungen angestrebt hätten, desto erfolgloser seien sie dabei gewesen. "Je größer das Thema, desto kleiner ist die Chance, eine direkte Reaktion zu erreichen. Es geht mehr darum, etwas zu einer Diskussion beizutragen - dem Lärm da draußen eine kleine Stimme hinzuzufügen", sagte Loach.

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Der britische Regisseur Ken Loach posiert am 13.02.2014 in Berlin während der 64. Internationalen Filmfestspiele vor Beginn einer Pressekonferenz (Quelle: dpa).

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