"Das finstere Tal" (Quelle: X-Verleih)

"Das finstere Tal" | Berlinale Specials - "Vor Deinem Hof. Bei Sonnenaufgang."

Bücher zu verfilmen, die nicht zuletzt von einer ganz eigenen Sprache leben, ist immer riskant. Im Fall des Alpen-Westerns "Das finstere Tal" ist der Versuch gründlich daneben gegangen. Statt eine eigene Sprache zu finden, setzt Regisseur Andreas Prochaska auf die Schockeffekte des Plots – und verrät auch noch auf halber Strecke den Clou der Geschichte. Am Montagabend hat der Film in einer "Berlinale Special Gala" Premiere gefeiert. Von Fabian Wallmeier

"Cinema, where are you going", singt eine Frauenstimme, während die Kamera über das Schwarz-Weiß-Grau-Braun einer Berglandschaft schwebt. Interessant, hier werden also gleich die ganz großen Fragen des Kinos verhandelt – und das in einem Film, dessen Ankündigung eine Art österreichischen Alpen-Western erwarten lässt.

Dann sieht man einen schwarz gekleideten Mann auf seinem Pferd durch diese weite, raue Landschaft reiten – und man wird gewahr: Nicht vom "cinema" singt die Frau, sondern vom "sinnerman", dem Sünder. Schade eigentlich, aber gut: Schauen wir also, was mit diesem Sünder so passiert.

Greiner (Sam Riley) heißt der Mann, der da in ein entlegenes Tal geritten kommt. In perfektem Deutsch, wenn auch mit amerikanischem Akzent, bittet er um ein Quartier für den Winter. Hans Brenner (Tobias Moretti), der finstere inoffizielle Ortsvorsteher, mag keine Fremden. Und erst als Greiner ihm einen Beutel voller Goldmünzen hinwirft, weisen Brenner und seine Brüder ihm einen Hof zu, auf dem er gegen Bezahlung Kost und Logis erhält.

"Das finstere Tal" (Quelle: X-Verleih)
Mimt den schweigsamen Fremden Greiner: Sam Riley ("Control")

Der Clou wird auf halber Strecke verraten

Greiner richtet sich bei einer Witwe und ihrer Tochter Luzi ein. Er bleibt auf Distanz, doch zu Luzi baut er ein wenig Vertrauen auf. Sie hat einen Verlobten – und steckt in einem Dilemma. Sie will mit ihm schlafen, doch dafür müsste sie ihn heiraten. Und vor dem Heiraten hat sie Angst, aus Gründen, die tief im finsteren Brauchtum des Tals liegen.

In Thomas Willmanns Roman "Das finstere Tal" bleibt Greiner lange Zeit ein Mysterium. Erst auf den letzten Seiten offenbart sich in vollem Ausmaß sein Geheimnis – und wie es mit den düsteren Bräuchen in diesem Tal zusammenhängt. Andreas Prochaskas Verfilmung verrät diesen Clou auf halber Strecke – und zeigt den Kern der brutalen Dorfgeschichte, wenn auch immerhin ohne erklärende Zuordnung, sogar schon ganz am Anfang des Films, noch vor der Ankunft des Fremden im Tal.

Das blutige Gefecht, das die zweite Hälfte des Films ausmacht, birgt damit keine Geheimnisse mehr. Im Buch sind an dieser Stelle noch immer viele Fragen offen – und beim Lesen schwebt diese Ungewissheit über der Brutalität. Im Film ist die Ungewissheit hin. Bleibt also nur das Gemetzel: In Zeitlupe spritzen Blutfontänen in den Schnee, Schüsse krachen durch das Tal und finstere Gesichter blicken in die Kamera.

Tranig-naive Erzählerin

Prochaska hat den kunstvoll konstruierten Plot des Romans geopfert und daraus eine auf blutige Effekte schielende Rächergeschichte gezimmert. Und die ist nicht mal gut in Szene gesetzt, sondern sorgt im Gegenteil an manchen Stellen für unfreiwillige Komik. "Vor deinem Hof. Morgen. Bei Sonnenaufgang", presst etwa Greiner hervor, als er Brenner zum Duell herausfordert – und wirkt dabei wie eine schlechte Cowboy-Karrikatur.

Dass die Western-Motive im Roman trotz ihrer Fremdartigkeit im Kontext der österreichischen Berglandschaft stimmig wirken, ist vor allem Willmanns außerordentlicher Sprachbeherrschung zu verdanken. Satt und altertümlich sein Duktus, wie aus der Zeit, in der seine Geschichte spielt. Jedes Wort sitzt, von Ironie oder Effekthascherei ist da keine Spur. Der Erzähler scheint über den Dingen zu schweben – und verrät erst nach und nach seine Geheimnisse.

Prochaska lässt stattdessen Luzi die Geschichte erzählen – und gibt damit der Geschichte eine tranig-naive Färbung, die ebenso wie seine plumpe Plot-Enthüllung im vollen Gegensatz zur Kunstfertigkeit des Romans steht.

Gut, dass die gesungene Frage am Anfang nur auf den Weg des "sinnerman" abzielt. Wäre sie nämlich tatsächlich auf das "cinema" gerichtet, ließe dieser Film nur eine Antwort zu: Keine Ahnung, wohin das Kino geht – hierhin aber hoffentlich nicht.

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