God Help the Girl (Quelle: Findlay Productions Limited 2012)

"Es geht auch ohne Clooney" - Sektion Generation: Junges Kino fernab des Mainstreams

Kein anderes internationales Filmfestival legt einen so großen Schwerpunkt auf den Kinder- und Jugendfilm wie die Berlinale. Trotzdem feiert die Generationen-Reihe fast heimlich ein kleines Jubiläum und verleiht zum 20. Mal die gläsernen Bären. Im Rennen sind insgesamt 60 Kurz- und Langfilme - in Stil und Inhalt so unterschiedlich wie jedes Kind selbst. Von Anna Wollner

"George wer?" - Das wird man in den nächsten Tagen wohl öfters in der Kinoschlange der Generation-Reihen hören. Denn hier geht es nicht um die großen Namen, sondern um die Kleinen. Hier sind die Stars die Kinder und Jugendlichen. In der Sektion Generation werden 60 Real- und Animationsfilme aus 35 Ländern gezeigt.

Es sind Filme, die nur selten ins Kino kommen. Filme, die sich abheben vom Einheitsbrei mit seinen Fortsetzungen und auf Kommerz ausgerichteten Kino, das der Mainstream so oft bietet. Wer müde ist vom Weltschmerz und den Konflikten im Wettbewerb, ist in der Generation genau richtig. Neben dem „Haus der Kulturen der Welt“, dem CinemaxX am Potsdamer Platz und dem "Filmtheater am Friedrichshain" laufen die Filme auch im wiedereröffneten "Zoo Palast".

Einstein and Einstein (Quelle: berlinale.de)
"Einstein und Einstein": Die junge Li Wan hat die Lügen ihrer Eltern satt.

Es ist nicht leicht erwachsen zu werden. Dieser Eindruck bestätigt sich schnell in der Reihe Generation 14 Plus. Es sind ganz normale Teenagerprobleme wie die erste große Liebe, der erste Sex, Probleme mit der Familie. Es sind schwermütige Themen wie Krise, Geschlechtsumwandlung, Extremsituationen. Dabei nehmen die Filmemacher die Perspektive ihrer Zielgruppe ein, erzählen nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe vom Leben zwischen den Welten "Kindheit" und "Erwachsensein".

Generation 14 Plus: Liebende Hipster, ungewollte Schwangerschaften und Vampire

Da sind die spanischen Jugendlichen in "ärtico", die durch die Krise, durch Arbeitslosigkeit und ungewollte Schwangerschaften zu früh erwachsen geworden sind. Die nur eine kleine Chance im Leben hatten, die ihnen genommen wurde. Da ist das chinesische Mädchen in "Einstein und Einstein", die durch die Aufweichung der Ein-Kind-Politik auf einmal nicht mehr der Mittelpunkt der Familie ist und mit einem Welpen ruhig gestellt werden soll. Da ist Billie in "52 Tuesdays", die wir ein Jahr lang begleiten, wie sie immer dienstags ein wenig Zeit mit ihrer Mutter verbringen darf, die sich nach Jahren im falschen Körper dazu entschieden hat, sich zum Mann umoperieren zu lassen.

Ciencias Naturales (Quelle: berlinale.de)
Das Mädchen Lila sucht in "Naturkunde" nach ihrem Vater.

Und da sind die typischen "Coming of Age"-Geschichten - ganz unterschiedlich erzählt. In dem australischen Film "Galore" ist es eine Dreiecksgeschichte zwischen zwei besten Freundinnen und einem Jungen. Der türkische Beitrag "Mavi Dalga" ist ein Ensemblefilm über das Ende der Jugend: Nach den Sommerferien kommt eine Clique junger Mädchen wieder zusammen und steht vor einem Jahr voller Entscheidungen. Teenager-Abgründe tun sich in dem polnischen Drama "Obietnjca" auf: Nach einem vermeintlichen Seitensprung zwingt Lila ihren Freund Janek zu einer grausamen Tat. Erst nach und nach entfaltet sich das Ausmaß und mündet in einer spannenden Kriminalgeschichte.

Weniger schwermütig geht es im Eröffnungsfilm "God Help the Girl" zu. Der "Belle & Sebastian"-Sänger Stuart Murdoch erzählt in seinem Regiedebüt eine "Independent-Liebesgeschichte" zwischen zwei Hipstern. Ein Musical in der Glasgower Musikszene, irgendwo angesiedelt zwischen "500 Days of Summer" und "Once". Die Vampir-Mockumentary "What We Do in the Shadows" ist nicht nur ein klarer Seitenhieb auf "Twilight" und Co., sondern zeigt auch die ältesten Festivalhelden: vier Vampire in einer WG, die zusammen auf 9.500 Jahre Lebenszeit kommen.

Generation K Plus: Großes Kino für die Kleinen

Jünger und vor allem weniger düster sind da die Filme der "Generation K Plus" für Kinder ab vier Jahren. Knapp die Hälfte der Filme ist animiert und für die richtige Einordnung mit einer Altersempfehlung zwischen vier und zwölf Jahren versehen. Die Filme sind poetisch, actionreich, melancholisch und unterhaltsam. Eine wahre Vielfalt.

Es gibt sprechende Elche ("Mitten in der Winternacht"), animierte Hasen ("Johann und der Federkönig") und Wolfskämpfe im Eröffnungsfilm "Loulou, das unglaubliche Geheimnis". Der Film "Naturkunde" zeigt ein zwölfjähriges Mädchen auf der Suche nach ihren richtigen Eltern und "Finn" ist ein Junge, der lieber Geige als Fußball spielen will. Während Karl in "The Mission" vom dänischen Land nach Kopenhagen zieht und mit seiner neuen Schulfreundin Sawsan um die Teilnahme an einem Talentwettbewerb kämpft, erleidet der Junge Chinu in "Killa" das Schicksal genau andersrum: Er zieht von der Großstadt in die indische Einöde und wird in der neuen Schule schnell als Streber abgestempelt.

Jack und das Kuckucksuhrherz (Quelle: berlinale.de)
Ein Junge, der sich nicht verlieben darf: "Jack und das Kuckucksuhrherz".

Außenseiter ist auch Jack in "Jack und das Kuckucksuhrherz" - ein Musical-Animationsfilm, der wunderbar in einen filmischen Dialog mit "God Help the Girl" tritt und ein wenig an Tim Burton erinnert. Jack hat anstelle eines Herzens eine Kuckucksuhr und darf sich deswegen nicht verlieben. Sagen Sie das mal einem Teenager!

Nirgendwo ist die Berlinale so sehr Publikumsfestival wie hier. Denn die Kinder und Jugendlichen lassen sich nicht blenden von der gewaltigen Bärenexplosion im Berlinale-Trailer. Sie sind schonungslos ehrlich, im Applaus und den Fragen nach der Vorführung. Und von einem George Clooney will man hier gar nichts wissen.

Beitrag von Anna Wollner

Mehr zum Thema

Schauspielerin Paula Beer während der 64. Internationalen Filmfestspielen bei einer Pressekonferenz zum Film "Das finstere Tal" (Quelle: dpa)

Paula Beer im Interview - "Die Berlinale ist ein bisschen wie Speed-Dating"

In "Poll" wurde Paula Beer als Enteckung gefeiert, danach folgten für die heute 19-jährige Berlinerin gleich vier weitere Filme. Auf der diesjährigen Berlinale war sie in "Das finstere Tal" zu sehen - und dabei ziemlich allein unter Männern. Im Interview erklärt sie, dass das beim Dreh nicht immer einfach war.

Berlinale 2014: Filmstill "Kreuzweg" (Quelle: berlinale.de/Copyright: Alexander Sass)

Wettbewerbsprogramm komplett - Vier deutsche Filme gehen ins Rennen um die Bären

Zwei Jungen suchen ihre verschwundenen Mutter, ein Soldat schließt Freundschaft mit seinem afghanischen Übersetzer, eine Jugendliche wächst in einem streng katholischen Umfeld auf - und Friedrich Schiller gerät in ein Liebesdreieck mit zwei Schwestern. Das sind die Themen der vier deutschen Filme im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb. Insgesamt treten 20 Beiträge aus aller Welt gegeneinander an.