Berlinale Talents (Quelle: rbb/ Fabian Wallmeier)

Berlinale Talents - Von Ringelsocken und Jahren der Enttäuschung

Voriges Jahr war es noch der "Berlinale Talent Campus", jetzt schlicht "Berlinale Talents",  doch der Inhalt ist derselbe: Junge Filmschaffende aus aller Welt kommen am Rande der Festspiele mit alten Hasen des Geschäfts zusammen. Drei davon saßen am Sonntagmorgen auf der Bühne des HAU1: Jury-Präsident James Schamus und seine Mitstreiter Michel Gondry und Greta Gerwig gaben zwar keine veritablen Tipps an die jungen Kollegen weiter – aber einige amüsante Anekdoten und Einsichten. Von Fabian Wallmeier

James Schamus stutzt einen Moment. Eigentlich soll er eine Frage aus dem Publikum beantworten. "Ich bin gerade sehr irritiert wegen meiner und Michels Socken", sagt er. Man beugt sich vor: Schwarz-gelb gestreifte Ringelsocken zieren die Füße beider Herren, als hätten sie sich abgesprochen. Im Publikum bricht Gelächter bricht los. Gondry verzieht keine Miene und zuckt mit den Schultern, Greta Gerwig schaut irritiert. Und Schamus lehnt sich in seinem Sessel zurück und grinst kaum merklich.

Der Jury-Präsident, erfolgreicher Produzent ("Brokeback Mountain") und Drehbuchautor ("The Ice Storm") vor allem von Arthouse-Filmen, zeigt sich an diesem Vormittag als ein Meister trockenster Ironie und scheinbar beiläufig platzierter Scherze. Fast jeder Frage und jeder Anmerkung auf der Bühne widerspricht er – aber er tut das so prägnant und witzig, dass er das Publikum gleich wieder auf seiner Seite hat. Jedenfalls zeigt er an diesem Morgen ein gänzliches anderes Temperament als die beiden Jury-Kollegen, die mit ihm das Podium teilen.

Regisseur Michel Gondry (Foto: dpa)
Auch der französische Regisseur Michel Gondry teilt seine Erfahrungen mit den "Berlinale Talents".

"„Oh nein, er schläft schon wieder in der Pfütze ein"

Links von ihm hat Michel Gondry Platz genommen. Der französische Regisseur ("Eternal Sunshine oft he Spotless Mind", "The Green Hornet") sitzt ein wenig steifer in seinem Sessel, scheint sich hier nicht so zu Hause zu fühlen wie Schamus. Seine Antworten sind trockener, zäher, distanzierter. Zum Teil liegt das sicher daran, dass ihm die englische Sprache nicht so locker von den Lippen kommt. Doch Leidenschaft für das, worüber er redet, spricht weder aus seinen Worten noch aus seinem Gebaren. Ganz am Ende immerhin, als alle sich erheben, macht er noch Fotos vom Publikum - und lässt zum ersten Mal ein Lächeln erkennen.

Rechts von Schamus sitzt Greta Gerwig, Regisseurin ("Nights and Weekends"), Drehbuchautorin und Schauspielerin ("Frances Ha"). In ihrer mimischen Bandbreite ist an diesem Morgen das exakte Gegenstück des unbeweglichen Gondry. Mal runzelt sie ernst die Stirn, dann lacht sie breit. Sie hält oft inne, entwickelt ihre Gedanken erst beim Sprechen, verhaspelt sich und sagt, dass sie sich verhaspelt –und dann sprudelt auf einmal ein witziger schlauer Spruch aus ihr heraus, wie zum Beispiel ihre geseufzte Kürzest-Charakterisierung von Andrej Tarkowskis Endzeit-Drama "Stalker": "Oh nein, er schläft schon wieder in der Pfütze ein."

Im letzten Jahr stellte Greta Gerwig ihren Film "Frances Ha" auf der Berlinale vor, diesmal sitzt sie in der Jury.geschrieben hat, der vergangenes Jahr im Panorama der Berlinale lief.

"Ich brauche was fürs Poster"

Was die jungen Filmemacher von diesem und anderen Panels erwarten können? Schamus gibt sich da illusionslos. "Ihr werdet in den nächsten Tagen tolle Arbeit leisten, unterbrochen von dem billigen Entertainment, das wir hier als Ratschläge bezeichnen", kokettiert er. Und hat natürlich trotzdem markige Standpunkte parat, die für die jungen Kollegen durchaus hilfreich sein könnten. Nicht zuletzt, weil er als Produzent und Drehbuchautor das Geschäft aus unterschiedlichen Perspektiven kennt. "Ich brauche was fürs Poster" gibt er als Credo des Produzenten aus. Für den Schreiber gestaltet sich die Lage vielschichtiger. "Man kann einen Drehbuchautoren niemals genug respektieren", sagt er. "Die nervigste Frage, die ein Regisseur einem Autoren stellen kann, ist 'Warum? Warum tut deine Figur das?'"

Greta Gerwig spricht vor allem über ihre Arbeit mit Noah Baumbach, mit dem sie "Frances Ha" geschrieben hat, der vergangenes Jahr im Panorama der Berlinale lief. "Eine Zusammenarbeit, die einfach funktioniert" – und die zu charakterisieren ihr deshalb schwer falle. Doch je länger sie spricht, desto mehr fällt ihr dann doch dazu ein. Zwei weitere Bücher gemeinsame Bücher haben die beiden schon fertig – und dabei doch unterschiedliche Ansätze, zumindest was Gerwigs spätere Beteiligung als Schauspielerin angeht. Baumbach, der später die Regie übernahm, habe bei "Frances Ha" schon beim Schreiben sie als Darstellerin der Hauptfigur im Kopf gehabt. Sie selbst dagegen nicht. "Ich muss beim Schreiben die Möglichkeit offen lassen, dass jemand anderes die Figur spielt." Denn wenn sie schon beim Schreiben sich selbst im Kopf habe, dann beschränke sie die Figur mit dem Gedanken daran, wie es wirkt, wenn sie als Schauspielerin diese Sätze spricht.

"Anfänge sind notwendig. So einfach ist das."

Beim Schreiben, sagt sie, laufe man Gefahr, zu viele Ideen zu entwickeln, die man unbedingt im Film unterbringen will. "Es ist gut, wenn du einen Produzenten oder Co-Autoren hast, der total gnadenlos ist und Sachen rausstreicht. Man kann nicht alle Edelsteine unterbringen, sondern nur einige wenige, und die muss man dann gut platzieren."

Eigentlich ist das Panel übrigens mit dem Motto "How to start a Film" überschrieben. Eingangsszenen aus Filmen der drei Gäste sollen das Gespräch darüber anregen. Die Diskussion bewegt sich dann aber doch schnell weg davon – vor allem nachdem Schamus die Ausgangsfrage charmant, aber eindeutig vom Tisch gefegt hat: "Anfänge sind notwendig. So einfach ist das. Man muss beginnen." Und wenn man dann fertig ist mit dem Schreiben? "Wenn du ein Gedicht geschrieben hast, dann hast du ein Gedicht erschaffen. Aber wenn ein Drehbuch geschrieben hast, hast du kommende Jahre der Enttäuschung und des Bettelns erschaffen."

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