Sex auf der Leinwand - Breaking the rules - "Nymphomaniac I" in Hardcore-Version

Es sieht nach einem kleinen Coup aus: Die Berlinale zeigt den Director's Cut des neuen Lars von Trier Films "Nymphomaniac I". Ein Film, der das Leben einer Nymphomanin schildert, und dabei das Objektiv vor allem unter die Gürtellinie richtet. Filme mit expliziten Sexszenen haben Tradition auf der Berlinale. Von Patrick Wellinski

Ob Lars von Trier tatsächlich nach Berlin kommen würde, konnte lange keiner so genau sagen, denn der reisescheue Däne spielt gerne das unnahbare, komplizierte Enfant Terrible des Weltkinos. Zu Festivals reist der an Flugangst leidende Regisseur grundsätzlich nur mit seinem Wohnwagen an, in dem er dann auch die Journalisten zum Interview empfängt. Nun wird er wohl doch selbst über den roten Berlinale-Teppich laufen, allerdings glänzte er bei der Pressekonferenz zum Film durch Abwesenheit.

Der dänische Regisseur Lars von Trier, Archivbild vom 03.09.2011. (Quelle: dpa)
Skandalträchtig - der dänische Regisseur Lars von Trier

Nach seiner 2011 bei den Filmfestspielen von Cannes abgehaltenen, skandalösen Pressekonferenz zu seinem letzten Film "Melancholia", schwor Lars von Trier, nie wieder zu einem Festival zu kommen. Seine wirren Äußerungen über Hitler und die Nationalsozialisten hatten verärgert, und die Festivalleitung von Cannes dazu veranlasst, den Regisseur zur Persona non grata zu erklären – ein Bann, der übrigens schon wieder aufgehoben wurde. Doch der Plan, einen pornographischen Zweiteiler zu drehen, hat dafür gesorgt, dass die Kinowelt dem provokanten Regisseur nicht wirklich lange böse sein konnte – und mit Spannung auf die "Nymphomaniac"-Premiere wartete.

Die Weltpremiere des ersten Teils fand zwar bereits letztes Jahr in Dänemark statt, doch die Berlinale kann sich damit schmücken zumindest die ungekürzte Hardcore-Variante des Films zu zeigen. Ein kleiner Coup, auch wenn man sicherlich viel lieber noch gleich den zweiten Teil gezeigt hätte. Der bleibt vorerst unter Verschluss und wird vermutlich im Laufe des Jahres in die Kinos kommen.

Die Berlinale - ein Sexfestival?

Alle Jahre wieder taucht auf der Berlinale ein Film auf, in dem sich ein Regisseur erlaubt, seine Darsteller beim "echten" Sex zu zeigen. Und alle Jahre wieder schreit gerne jemand aus der Ecke der Boulevardmedien: Skandal! Als 1976 das Festival Nagisa Ōshimas "Im Reich der Sinne" zeigte, marschierte die Polizei ins Festivalkino und konfiszierte den Film. Was folgte, war bis dato der größte Zensurprozess der Bundesrepublik. 2002 gewann der kürzlich verstorbene französische Regisseur Patrice Chéreau mit "Intimacy" den Goldenen Bären. Zum Missfallen vieler, die den Film, in dem zwei Fremde völlig stumm miteinander schlafen, als abstoßend empfanden. 2005 gab es wieder Ärger, als der Taiwanese Tsai Ming-liang mit dem kongenial-witzigen "The Wayward Cloud" das Festival mit einem Pornomusical beglücken wollte. Selten hat sich der Berlinalepalast so schnell geleert. Man kann gespannt sein, wie das Publikum auf die hardcore-Variante von "Nymphomaniac I" reagiert.

"Nymphomaniac I" (Quelle: berlinale.dem © Christian Geisnæs)
"Nymphomaniac I" - sich den Film einfach anschauen!

Zwischen Kunstgriff und Provokation

Aber was ist da eigentlich los? Ist dem angeblich so liberalen Berliner Publikum ein bisschen Sex auf der Leinwand zu viel? Dabei hat die Stadt seit einigen Jahren ein eigenes Pornofilm-Festival. Es existiert aber ein gewaltiger Unterschied zwischen einen herkömmlichen Porno und einen Spielfilm mit expliziten Sexsequenzen. Der Porno hat nur eine Funktion: die sexuelle Erregung seines Zuschauers. Daher ist die Dramaturgie des Pornos eine Dramaturgie der Geschlechtsteile. Sex im Spielfilm wie in Michael Winterbottoms "9 Songs", Bernardo Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" oder Ang Lees "Gefahr, Begierde" ist hingegen eine dramaturgische Ausdrucksform. Ein Ventil, einer vorher sorgfältig aufgebauten Spannung. Der oscarprämierte Kameramann Janusz Kaminski meinte einmal, dass Sex auf der Leinwand im besten Falle den ultimativen Kinodialog darstellt. Denn die Sprache des Kinos ist die Sprache der Bilder und nicht der Worte. Den Sex zu zeigen, heißt daher, eine ganz bewusste Körpersprache zu zeigen. Damit umschiffen kluge Regisseure klischeehafte Verlegenheitseinstellungen, wie die der Hand, die sich beim Orgasmus in das Kissen gräbt.

Die Frage die sich nun stellt: Ist Lars von Trier so klug? Um es vorweg zu nehmen: Ja, er ist es. Die Unterschiede zwischen der Softcore- und Hardcore-Version von "Nymphomaniac I" sind minimal. Das liegt vor allem daran, dass der Sex hier nur Mittel zum Zweck für ein breit angelegtes Seelenpanorama ist, das – wie bei von Trier üblich – bis an die Belastungsgrenze moralphilosophische Fragen sondiert. Wie erfüllend das für die Zuschauer ist, das am Ende kann nur sagen, wer sich den Film einfach anschaut.

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