
Eine Rathenower Kinobetreiberin auf dem Festival - Blockbuster im Havelland
Während in Potsdam die Filmproduktion neue Höchstmarken vermeldet und während Berlin sich über die Schlangen vor den Berlinale-Kinos freut, kämpfen die Brandenburger Kinos um Besucher. In Rathenow hält Christl Schneewind mit ihren Haveltorkinos die Stellung. Die Kinobetreiberin versorgt die Kleinstadt mit Kinokunst und Blockbustern. Von Stefan Ruwoldt
Die kleinen und großen Filmexperten vor dem Kino in den Hackeschen Höfen sprechen an diesem Morgen über Lars von Triers "Nymphomaniac Vol I". Sie wechseln Stichworte und sagen Sachen wie "Soll hart sein" oder "freakisch". Dabei verziehen sie den Mund und plinkern komisch mit den Augen. Einige wissen schon ein bisschen mehr: Sie haben 'was gelesen oder sie haben mit jemandem gesprochen, der einen kennt, der den Film schon gesehen haben soll. Der Concorde Filmverleih hat die auf der Berlinale anwesenden Kinobetreiber eingeladen, um diese "wilde und poetische Geschichte der Reise einer selbstdiagnostizierten Nymphomanin" zu gucken. Und alle kommen. Oder: Ziemlich viele.
Christl Schneewind will nicht. "Nee", sagt sie, "nee, das muss jetzt nicht sein." Sie ist die Kinobetreiberin der Haveltorkinos in Rathenow. Sie wartet, bis die "Nymphomanic"-Gruppe im Kinosaal verschwunden ist und entscheidet sich für den Ai Weiwei-Film "The Fake Case" im Nachbarkino. Für sie ist die Aufregung auf der Berlinale übertrieben. "Nach Karten anstehen? Stundenlang?" - "Kann man als berufstätiger Mensch vergessen", antwortet sie sich selbst und dann sagt sie noch Sachen wie "Kann dafür doch mein Kino nicht an den Nagel hängen" und "unsägliche Ansteherei".
Eigentlich hatte sie keine Ahnung
Aber sie lacht dabei auch und sie setzt dann noch einen drauf: "Warum eigentlich dieses schöne 'P' für Presse bei einigen Vorstellungen? Warum gibt es kein 'KB' für Kinobetreiber?“ Sie winkt ab und zeigt, dass sie Spaß macht. Sie übertreibt und sie darf das. Sie betreibt ein Kino in Rathenow. Das einzige im Ort.
Christl Schneewind freut sich, von ihrem Kino erzählen zu können. Bevor sie aber die Daten ihres wenig kinobranchenhaften Lebenslaufs preis gibt, präsentiert sie lieber Zahlen, die sich sehen lassen können im Kinobrachland Brandenburg: "Ich mache das Kino seit fünf Jahren. Hab es aus der Insolvenz übernommen. 'Alles oder nichts!' hieß das damals. Und: Es läuft. Alles digitalisiert. Vier Säle, zwei davon mit 3-D." Sie sagt "1923", spricht von einem "Uralt-Saal", erzählt wenig Gutes vom Vor-Betreiber und sagt dann: "Ich hatte eigentlich keine Ahnung."

Ab und zu ein Empfang
Christl Schneewind macht eine kleine Pause und fügt dann hinzu: "Was ich mitbrachte? - Ich konnte nur eine Kinokarte kaufen." Sie war damals, 2008, eine von gleich mehreren Mitbesitzern der Immobilie in Rathenow, auf der das Kino stand. Doch plötzlich war das Kino Pleite.
Christl Schneewind sprang ein, wie sie sagt. Sie ließ sich "das alles zeigen" und holte dabei das Kino aus der Insolvenz. Sie sorgte dafür, dass die Verleiher keine Vorauszahlungen mehr verlangten und ihr auch immer öfter Blockbuster schon in den Startwochen schickten.
Diese, ihre Brandenburger Kino-Erfolgsgeschichte, kennen auch so einige auf der Berlinale und darum ist es für Christl Schneewind dann doch nicht ganz so nervenaufreibend auf dem Festival, wie sie es anfangs angedeutet hatte. Sie erzählt von dem Herrn Sundarp vom Verleih Central Film und von der Frau Buscher von der Fox. Die hat sie dieses Jahr alle auch schon getroffen, und die freuen sich, sie zu sehen, wie sie sagt.
Sie erzählt vom HDF, dem Hauptverband Deutscher Filmtheater, wo sie Mitglied ist. Und sie besucht natürlich auch gern den einen oder anderen Empfang. "Naja, dort zum Medienboard Berlin Brandenburg. Da geh ich schon hin."
Auf der Berlinale zum "Vorkucken"
Und dann ist sie aber auch schon wieder bei den Zahlen. "Rathenow – das hat so gut 22.000 Einwohner. Grob.“ Nach einer Pause schickt sie die nächste Kleinstatistik hinterher: "2009: 55.000 Besucher. Im ersten Jahr.“ Damals hatte sie das Kino in einem nicht besonders intakten Zustand übernommen. "2013: 54.000. Also: Wir halten uns."
Damit das so bleibt, will sie natürlich noch so einige Filme auf der Berlinale "vorkucken“, also sehen, "ob die auch 'was für die Haveltorkinos in Rathenow sind". Dabei nennt sie "Jack". Und "A Long Way Down".
Ganz am Schluss der kleinen Geschichte über ihr Rathenower Kino bringt Christl Schneewind dann noch ihren gelernten Beruf ins Spiel: Sie ist Psychotherapeutin, eine Expertin in Sachen "Beziehung", in Sachen "menschliches Verhalten" und eine Expertin für die Heilung von Leiden. Auch Rathenow konnte sie helfen: Mit vier Leinwänden, die – zumindest statistisch – jeder Bewohner der Stadt mehr als zwei Mal im Jahr besucht. Noch ein Rekord auf der Berlinale, eine Brandenburger Bestmarke.






