"Anderswo" von Berliner Nachwuchsregisseurin - Mit dem ersten Spielfilm auf der Berlinale
Sie ist in Israel geboren, lebt seit zehn Jahren in Berlin und hat Regie an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" studiert. Ester Amrami hat schon viele Kurzfilme gedreht, die auf internationalen Festivals gezeigt wurden, so auch in Cannes. Auf der diesjährigen Berlinale feiert sie mit ihrem ersten Spielfilm "Anderswo" Premiere, der gleichzeitig ihr Abschlussfilm an der Hochschule ist. Von Anna Pataczek
Eine Neuköllner Wohnung im ersten Stock. Die Regisseurin Ester Amrami öffnet das Fenster zur Straße: "Das ist ein schönes, großes Berliner Fenster - von hier kann man die schöne, alte Kreuzung sehen, mit Kopfsteinpflaster und alten Gaslaternen."
Der Blick hinaus, nach unten, ist eines der ersten Bilder des Films "Anderswo". Die Regisseurin hat ihre eigene Wohnung zum Drehort gemacht. "Ich wollte nicht zuhause drehen, weil es ein so großer Aufwand ist. Wir sind für den Dreh auch richtig ausgezogen, weil man während des Drehs nicht bleiben kann", erzählt Ester Amrami. "Ein Drehort ist ein schrecklicher Ort. Man muss richtiggehend ausschalten und sich sagen: Das ist nicht mehr meine Wohnung. Man muss sich von dem riesigen Chaos, dem Dreck distanzieren können. Nach dem Dreh musste ich mich wieder langsam daran gewöhnen, dass dieser Ort meine Wohung ist."

Heute lacht Ester Amrami darüber. Damals hat sie Geld sparen müssen und sich deshalb für diese Lösung entschieden. "Anderswo" ist ihr Abschlussfilm an der Filmhochschule "Konrad Wolf". Und irgendwie passt das auch ganz gut: Denn Ester Amrami und ihre Protagonistin Noa haben einige Gemeinsamkeiten. Beide sind Anfang 30, stammen aus Israel und wohnen seit einigen Jahren in Berlin.
Was ist eigentlich ein Zuhause?
Eines Tages packt Hauptfigur Noa das Heimweh und besucht ihre Familie in Israel. Dort aber muss sie feststellen: Auch dort fühlt sie sich ein wenig fremd. "Es geht darum, was Zuhause ist, diese Suche nach Geborgenheit, nach dem Ort, wo man sich wohlfühlt", sagt Amrami.
Das Drehbuch hat Ester Amrami zusammen mit ihrem deutschen Mann geschrieben. Es gibt viele humorvolle Szenen im Film, etwa als der Freund von Noa in Israel zum ersten Mal auf seine zukünftige Schwiegermutter stößt. Die ist alles andere als begeistert, dass sich ihre Tochter auf einen Deutschen eingelassen hat. Es entsteht ein Sprachkuddelmuddel aus Deutsch, Hebräisch und Jiddisch.
Für die Rolle der Mutter konnte die Regisseurin Hanna Laslo gewinnen. Die isrealische Schauspielerin ist ein Star in ihrer Heimat und war von dem Drehbuch sofort überzeugt - ein guter Start für das Projekt, aber noch lange kein Garant fürs sein Gelingen.
Kein Geld - kein Film
Laura Machutta ist die Producerin, sie hat sich um alles Organisatorische gekümmert. Auch für sie ist der Film ihr Abschlussprojekt: "Für mich war der größte Baustein die Finanzierung, weil ich die ganze Zeit Angst hatte, dass, wenn wir das Geld nicht zusammen bekämen, den Film auch nicht machen könnten."
Der Film hat 400.000 Euro gekostet. Das ist ein eher kleines Budget. Zum Vergleich: "Fack ju Göthe" verschlang ein Budget von fünf Millionen Euro. Die Filmwirtschaft ist eine Subventionsbranche. "Wenn man einen Kinofilm machen will, dann ist die Förderung meist fundamental, in Deutschland auf jeden Fall", so Machutta.
Auch Producerin Laura Machutta und ihre Regisseurin mussten deshalb schon recht früh Förderer finden. In der Regel führt der erste Weg zu Fernsehsendern - in diesem Fall zum rbb und Cooky Ziesche. Sie leitet die Spielfilmredaktion und weiß genau, wann sie sich für ein Projekt begeistert: "Für mich ist das wichtigeste Kriterium die Geschichte: Was wird mir hier erzählt? Denn inzwischen gibt es so viele Geschichten, und ich suche immer nach einem Alleinstellungsmerkmal, was mir das Projekt förderungswürdig macht", sagt Cooky Ziesche.
Filmemacher zu werden ist ein "selbst gewähltes Schicksal"
Der Film "Anderswo" wird im Rahmen der so genannten "Leuchtstoff"-Reihe gefördert. Das ist ein Zusammenschluss zwischen rbb und dem Medienboard Berlin-Brandenburg, gegründet um den Nachwuchs in der Region zu unterstützen. Auch für das Medienboard ist es entscheidend, dass das Drehbuch überzeugt. "Für uns ist auch immer wichtig, wer der Produzent ist. Bei Hochschul-Abschluss-Produktionen muss auch ein Absolvent die Produktion übernehmen", sagt Anja Dörken, die "Anderswo" betreut hat. "Da wir eine regionale Förderung sind, ist der so genannten regionale Effekt ganz wichtig. Wir verlangen, dass 100 Prozent des Fördergeldes hier ausgegeben wird."
"Anderswo" spielt zwar auch in Israel, aber weil die meisten im Team - die Regisseurin, der Kameramann und der Filmkomponist - in Berlin wohnen, ist das Kriterium erfüllt. Das Medienboard Berlin-Brandenburg hat ein Budget von 24 Millionen Euro pro Jahr. Auf der diesjährigen Berlinale laufen 26 Produktionen, die die Filmförderung der beiden Länder unterstützt hat.
Die Regisseurin Ester Amrami hat sich gegen eine sehr starke Generation von Nachwuchsfilmemachern durchgesetzt. rbb-Redakteurin Cooky Ziesche sieht es durchaus kritisch, dass immer mehr junge Filmemacher von den Hochschulen auf den Markt drängen: "Es ist eine Industrie geworden. Noch vor zwei Jahren habe ich noch bedauert, als man das so richtig zu spüren bekam, wie viele junge Leute auf dem Markt sind und wie viele Hoffnungen da am Start sind", schildert Ziesche ihre Sicht. "Allerdings weiß jeder, der diesen Beruf anstrebt, was ihn erwartet. Und wenn er es trotzdem tut, ist das ein selbst gewähltes Schicksal, das er mannhaft durchstehen muss."
Ester Amrami und Laura Machutta sind schon weit gekommen: Ihr Film wurde auf die Berlinale eingeladen. "Die Sektion, in der wir laufen - "Perspektive deutsches Kino" - ist für uns als junge Filmemacher, die direkt von der Hochschule kommen, ein sehr gutes Programm, weil dort auch andere Abschlussfilme laufen und dadurch noch einmal ein besonderes Augenmerk bekommen", hofft Laura Machutta. "Außerdem sind auf der Berlinale sehr viele Verleiher unterwegs - für uns eine gute Möglichkeit, für den Film einen Verleih zu finden." Denn das ist das letzte Puzzleteilchen, das den beiden jungen Frauen noch fehlt.
Keine Garantie, dass der Film jemals regulär im Kino läuft
Der Film ist zwar nach vier Jahren nun endlich fertig und läuft auf einem Festival, aber dass er danach auch regulär ins Kino kommt, ist noch lange nicht sicher. Dafür braucht es eben einen Verleih, der die Kinos mit Filmkopien beliefert. Um möglichst viel auf sich aufmerksam zu machen, arbeiten Laura Machutta und Ester Amrami in den wenigen verbleibenden Tagen vor der Berlinale noch an ihrer Homepage, schreiben Pressetexte und verschicken Einladungen.
"Ich denke, der Film 'Anderswo' hat eine Chance aufgrund des Themas," schätzt Redakteurin Cooky Ziesche. Und Ester Amrami bleibt gelassen: "Es gibt keine Garantien. Man kann sehr viel investieren und am Ende gibt es trotzdem keine Finanzierung für einen Film. Trotzdem muss man weiterarbeiten." Denn Filmemachen hat nicht nur mit den richtigen Unterstützern zur rechten Zeit zu tun, sondern mit ganz viel Leidenschaft.






