
Berlinale-Bilanz 2014 - Kühne Konkurrenz aus Asien
Die Verblüffung war groß: Vier der insgesamt acht Bären gingen an Filme aus Asien, die zuvor nicht unbedingt als Favoriten gehandelt worden waren. Doch die Entscheidungen der Berlinale-Jury zeigen, dass gerade die kraftvolle Konkurrenz aus China nicht zu unterschätzen ist. Nur eine Preisvergabe gibt Rätsel auf. Von Knut Elstermann
Nach der ersten Verblüffung ergeben die Entscheidungen der internationalen Berlinale-Jury durchaus tiefen Sinn. Vielleicht war es ohnehin naiv anzunehmen, dieses aus eigenwilligen, starken Persönlichkeiten bestehende Gremium würde dem allgemeinen Trend der Festspiele folgen und einfach die Favoriten auszeichnen, die Lieblinge von Kritik und Publikum.

Immerhin bedachten die Juroren, unter ihnen die Produzentin Barbara Broccoli, der Regisseur Michel Gondry sowie die Schauspieler Christoph Waltz und Greta Gerwig den amerikanischen Festival-Hit "Boyhood" hochverdient mit einem Regie-Preis. Richard Linklater hatte in einem faszinierenden Spielfilm-Langzeitprojekt Jahr für Jahr ein paar Tage an dieser Familienchronik gedreht und es schließlich zu einem dreistündigen, schönen und bewegenden Film montiert, zwölf Jahre im Leben eines Jungen (gespielt von Ellar Coltrane), der vor unseren Augen heranwächst. Am Ende glaubt man, selbst zu dieser Familie zu gehören, und nimmt nur schweren Herzens Abschied von den Figuren.
Mit dem Großen Preis der Jury wurde "The Grand Budapest Hotel" des unendlich einfallsreichen Amerikaners Wes Anderson geehrt, eine Co-Produktion mit dem Studio Babelsberg. Es war der ideale Eröffnungsfilm mit einem großartigen Premieren-Aufmarsch: Gut gelaunte Stars wie Ralph Fiennes, Tilda Swinton und Bill Murray kamen nach Berlin. Ein melancholisches Meisterstück über Glanz und Niedergang einer Luxus-Herberge in den 30ern, ein nostalgischer Abgesang auf das alte Europa, ein Abschied von der Welt von gestern.

Doch der Hauptpreis der Berlinale, der Goldene Bär, ging an einen Genre-Film aus China, an "Black Coal, Thin Ice" von Diao Yinan. Der Regisseur bedient sich in seinem originellen Thriller sehr bewusst und äußerst geschickt der Muster des Film Noir, überträgt sie aber auf die chinesische Wirklichkeit in einer mittelgroßen, trostlosen Stadt. Seine Helden arbeiten in Kohleminen, in Waschsalons, sie schlagen sich durch einen trüben Alltag, für den der Film eindringliche Bilder findet.
Grenze zwischen Kunst und Kommerz verschwimmt
Insgesamt liefen drei chinesische Filme im Wettbewerb, jeder war innovativ und wandte sich auf sehr verschiedenen Wegen der Realität im Lande zu. Sie stehen für eine Tendenz im chinesischen Kino: Viele Regisseure der mittleren Generation nutzen Genre-Konventionen für aktuelle soziale Themen, finden aber sehr eigenständige, experimentelle Mittel des Erzählens. Die Grenze zwischen Mainstream und Kunst löst sich dabei auf. Es gehörte zu den großen Verdiensten dieser insgesamt gelungenen Berlinale, als Seismograf auf solche Tendenzen aufmerksam gemacht zu haben.
Auch mit anderen Preisen zeigte die Jury, dass sie sich keineswegs auf einen eingeschränkt westlichen Blick festlegen ließ, dass sie also das Angebot der Berlinale-Programm-Macher zu erstaunlichen Entdeckungen im asiatischen Raum angenommen hat. Der Hauptdarsteller von "Black Coal, Thin Ice" Liao Fan wurde mit einem Silbernen Bären als Bester Schauspieler ausgezeichnet. Er gab dem heruntergekommenen Kommissar eine traurig-schöne, gebrochene Gestalt, wirkt wie ein Verwandter von Humphrey Bogart.
Ermüdendes Boulevardstück ausgezeichnet
Auch der Preis für eine herausragende künstlerische Leistung ging nach China, für den Kameramann Zeng Jian von "Blind Massage", dem es eindrucksvoll gelang, die Innenwelten von Blinden sichtbar zu machen. Mit Haru Koruki aus Japan wurde eine liebenswerte Schauspielerin mit dem Silbernen Bären bedacht, die uns in "Little House" von Yoji Yamada durch Schicksalsjahre der japanischen Geschichte führte, aus der Sicht eines Dienstmädchens.
All diese Entscheidungen waren nachvollziehbar und griffen offenbar bereitwillig spannende Akzente des diesjährigen Programms auf. Rätselhaft erscheint nur die Vergabe des Alfred-Bauer-Preises, des Silbernen Bären für einen Spielfilm, "der neue Perspektiven eröffnet". Er ging an den fast 92-jährigen Alain Resnais, der mit "Life of Riley" ein ermüdendes, konventionelles Boulevardstück ablieferte, das seinen Vorgängerfilmen wie ein Ei dem anderen glich. Zeigte hier die Jury gar einen Sinn für Ironie?

Lateinamerikanische Filme sind durchgefallen
Das mit vier Filmen stark vertretene deutsche Kino ging fast leer aus, sieht man von dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch der Geschwister Brüggemann ab, die in "Kreuzweg" stilistisch sehr streng und intensiv das Leiden eines Mädchens bis hin zur Selbstaufopferung schildern. Da machte sich bei der Preisverleihung so etwas wie Enttäuschung breit, doch man sollte nicht vergessen wie kraftvoll die kühne, asiatische Konkurrenz in diesem Jahr war und dass die deutschen Produktionen nicht durchgefallen, sondern insgesamt positiv beachtet worden sind.
Ganz anders als die lateinamerikanischen Filme, die eher als Lückenfüller im Programm erschienen wie "Praia Do Futuro" aus Brasilien, "Historia del Miedo (History of Fear)" und "La tercera orilla (Third Side of the River)", beide aus Argentinien. Keiner davon hatte Wettbewerbsreife. In den Nebenreihen wären sie vielleicht als interessante Stilübungen durchgegangen, im Wettbewerb traf sie die ganze Härte der Kritik. Manchmal sollte ein Festival seine Regisseure auch durch die Platzierung der Filme schützen.
Die Kinder hätten einen Bären verdient
Bleiben werden von dieser Berlinale die Gesichter der Filmkinder, ihre suchenden Blicke, ihr oft erschüttertes Weltvertrauen, aber auch ihre erstaunliche Widerstandskraft. Es war ganz eindeutig die Berlinale der Kinder und ihrer Nöte, der Geschichten über ihre Unbehaustheit, über ihre Sehnsucht nach Halt und Orientierung. "Jack", der Junge aus dem gleichnamigen deutschen Film, hetzte verzweifelt durch Berlin auf der Suche nach seiner Mutter. Der hinreißende 11-jährige Darsteller Ivo Pietzker glänzte mit ungeheurer Energie im Film.
Lea van Acken in "Kreuzweg" gab dem einsamen Mädchen eine stille, große Würde. Und der kleine Tschetschene, Ramasan Minkailova, spielte in "Macondo" überzeugend einen Flüchtlingsjungen, mit dem er viele Erfahrungen teilt. Die Jury hat vielleicht aus pädagogischen Gründen davon abgesehen, einen dieser überragenden kleinen Darsteller auszuzeichnen. Verdient hätten sie alle einen Bären, aber sie werden auch so als die eigentlichen Stars dieser Berlinale in Erinnerung bleiben.















