
Über das Sektionsprogramm - Die Perspektive Deutsches Kino wird international
Israel, Kuba, Schweden, Kirgisistan, Indien: Das sind die Handlungsorte einiger Filme, die auf der Berlinale 2014 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino zu sehen sind. Dem deutschen Film kann das nicht schaden. Im Gegenteil, zumal doch manche der aufgezeigten Perspektiven spannende neue Blicke auf ein sich veränderndes Deutschland bieten – und auf eine internationale Filmszene, in der Landesgrenzen mehr und mehr verschwimmen. Von Fabian Wallmeier
An den deutschen Filmhochschulen geht es offenbar sehr international zu. Das jedenfalls legt das diesjährige Programm der Perspektive Deutsches Kino nahe, in der die Berlinale die Filme junger Regisseure zeigt, von denen die meisten gerade erst ihren Abschluss gemacht haben: Die Hälfte des Jahrgangs 2014 spielt nicht in Deutschland, sondern an den unterschiedlichsten Orten rund um den Globus.
Gleich zwei Regisseure sind nach Kirgisistan gereist, beide sind am Yssuk-Kul gelandet, dem zweitgrößten Gebirgssee der Welt – allerdings an unterschiedlichen Ufern. Mirjam Leuze begleitet in ihrem Dokumentarfilm "Flowers of Freedom" eine Gruppe von Frauen, die nach einer Giftkatastrophe gegen die übermächtigen kanadischen Betreiber einer Goldmine kämpfen. Es ist ein zermürbender Kampf, der sich über Jahre hinweg zieht. Genauso so zäh wie das mutige Unterfangen der Aktivistinnen ist leider auch Leuzes Film. Ihr gelingt zwar ein bemerkenswertes Porträt dieser Frauen, doch für die lange Strecke von 90 Minuten ist der Film deutlich zu redundant.
Eine ganz andere Geschichte auf der anderen Seite des Sees erzählt "Bosteri unterm Rad". In der Kurz-Doku zeigt Levin Hübner ein Dorf, dessen große Attraktion ein Riesenrad ist. Das ist allerdings nur für zwei Monate im Jahr in Aktion. Hübner erzählt, wie das Leben der Bewohner weitergeht, wenn das Rad aufgehört hat sich zu drehen. Ihm gelingt dabei eine charmante, leichte Porträt-Skizze.
Bayerisch-indischer Aufeinanderprallen der Kulturen
Auch "Amma & Appa" hat seinen Charme. In dem Dokumentarfilm erzählen Franziska Schönenberger und Jayakrishnan Subramanian ihre eigene bayerisch-indische Liebesgeschichte: Die beiden haben sich beim Studium in München lieben gelernt und wollen nun heiraten. Doch Jayakrishnans Eltern sind dagegen – sie sehen es als ihre Aufgabe an, eine Frau für ihren Sohn zu finden. Doch das Paar wehrt sich. Es kommt zum Antrittsbesuch der bayerischen Eltern in Indien – und zu einem sehr amüsanten Zusammenprall der Kulturen. Getrübt wird das Sehvergnügen allerdings von der naiven Erzählhaltung des Films und dem sehr amateurhaft wirkenden Off-Kommentar der Filmemacherin.

Der schönste Film der Sektion beginnt zwar in Berlin, doch auch er schweift in die Ferne: In Ester Amramis Spielfilm "Anderswo" reist die Hauptfigur Noa Hals über Kopf in ihre israelische Heimat zurück, als sie mit ihrem Forschungsprojekt über unübersetzbare Wörter an Grenzen stößt. Dort trifft sie auf das so nervtötende wie behütende Familienleben, das sie vor Jahren zurückgelassen hat – und auf ihre sterbende Großmutter. Ihr deutscher Freund Jörg reist ihr hinterher – und Amrami zeigt nun ein Aufeinandertreffen von Kulturen und Temperamenten. Dabei begnügt sie sich dankenswerterweise nicht damit, die Unterschiede zwischen dem jungen Deutschen und der israelischen Familie zu zeigen, sondern sie lenkt zusammen mit ihrer Hauptfigur den Blick auch auf die Brüche und Verschiebungen innerhalb der Familie. Und mit den dazwischen geschnittenen Interview-Szenen aus Noas Forschungsprojekt ergänzt Amrami eine weitere Ebene: Heimat und Anderswo – das macht sich nicht nur an Orten fest, sondern auch an Sprache. Ein überaus herzenswarmer, temporeicher, witziger und kluger Film.
Verlust und das Leben danach
Auch in "Lamento", der ebenfalls an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg entstanden ist, reist ein junger Berliner einer Frau ins Ausland hinterher. Doch ist sie in diesem Fall seine Ex-Freundin, die sich in ihrer schwedischen Heimat das Leben genommen hat. Jöns Jönssons Film konzentriert sich aber nicht auf den Gast aus Deutschland, sondern auf die Mutter der Toten. Bedächtig zeigt er die Versuche der Mutter, ihre Trauer bei Seite zu schieben, bis sie schließlich doch aus ihr herausbricht. Am Ende des Films steht eine überraschende Szene, in der sie blamiert, aber doch befreit ist.
Um eine andere Art der innerfamiliären Vergangenheitsbewältigung geht es in Valerie Heines Kurzspielfilm "El carro azul". Darin kehrt ein junger Mann nach dem Tod seiner Großmutter nach Kuba zurück und versucht nun, sich seinem geistig behinderten Bruder wieder anzunähern. Das gelingt ihm über ein Spiel von früher: Sie sitzen auf dem Balkon und raten, welche Farbe das nächste vorbeifahrende Auto hat. Ein einfacher, nicht sonderlich bemerkenswerter, aber doch recht hübscher Film.

"Zeit der Kannibalen" von Johannes Naber trägt von allen Filmen das Thema der Globalisierung am deutlichsten vor sich her. Er zeigt drei Unternehmensberater (prominent besetzt mit Devid Striesow, Sebastian Blomberg und Katharina Schüttler), deren Leben sich fast ausschließlich in Hotels abspielt. Sie reisen um die Welt und hauen sich Zynismen um die Ohren, bis sie selbst Opfer des Turbokapitalismus werden. Draußen vor der Hotelfestung kommt derweil der Aufstand radikaler Islamisten immer näher. Ein derber, teils recht dialogwitziger und vor allem böser Film, der aber in seiner Breitband-Zurschaustellung der Skrupellosigkeit der Finanzwelt auch sehr vorhersehbar und überdeutlich daherkommt.
Ein Koffer und seine triste Geschichte
Den deutlichsten Kontrast zum Globalismus der Sektion bildet "Szenario" von Philip Widmann und Karsten Krause. Der Langfilm taucht tief ab in die miefige Alltags-Tristesse im Westdeutschland der 1970er Jahre. Ausgehend von Dokumenten aus einem Koffer erzählt er die Geschichte der Affäre einer Sekretärin und ihres Chefs. "Szenario" ist weder Spiel- noch Dokumentarfilm, sondern bewegt sich irgendwo dazwischen: Man sieht, wie die Dokumente aus dem Koffer gesichtet werden, lange Autofahrten durch das heutige Köln und Archivaufnahmen – doch die Protagonisten sieht man nicht. Stattdessen werden Tagebucheinträge des Chefs verlesen, der fernab jeder Erotik die Sexualakte protokolliert hat, und Auswertungen aus dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Köln ordnen die Gewöhnlichkeit der Vorgänge ein. Das klingt ein wenig dröge, ist es zunächst auch – fügt sich dann aber doch zu einem sehr präzisen, wenn auch bedrückenden Abbild westdeutscher Wirklichkeit der 1970er Jahre.
"Szenario" ist einer von nur drei Filmen in der Sektion, die formal ein Wagnis eingehen und sich von herkömmlichen filmischen Erzählmustern lösen. Der zweite Film "nebel" ist eine extrem assoziative Doku über – nun ja: Nebel. Den, so erfährt der Zuschauer, gibt es unter anderem an Flüssen, auf Bergen, in Discos, in Autoscootern und in der eigenen Weltsicht. Außerdem können weiße Zuchtpudel irgendwie neblig aussehen. Und auch der Sinn des Films, so scheint es, hat sich in dichte Nebelschwaden gehüllt.
Der dritte Film bricht etwas weniger radikal mit den Erzählnormen, aber er hat eine Prämisse, die er konsequent durchzieht: Oskar Sulowskis Kurzspielfilm "Die Unschuldigen" ist komplett aus der Warte eines Achtjährigen erzählt: Die Kamera befindet sich auf seiner Augenhöhe, und der Zuschauer versteht das Drama um die psychisch kranke kleinkriminelle Mutter und ihren neuen Freund, einen Drogendealer, nur in der Lückenhaftigkeit, die der Junge zu begreifen imstande ist.

Im Eröffnungsfilm "Der Hüter meines Bruders" spielen Lücken ebenfalls eine zentrale Rolle. Doch setzt Regisseur Maximalian Leo sie nicht als Stilmittel ein, sondern es geht hier vielmehr darum, sie mit aller Kraft zu schließen. Gregor, Arzt und verheiratet, reist wie jedes Jahr an Pfingsten mit seinem Bruder Pietschi, beruflich und privat eher unstet, an die See. Doch dann ist Pietschi auf einmal spurlos verschwunden. Gregor macht sich auf die Suche und versucht die losen Fäden, die er findet, zu einer lückenlosen Geschichte, einer Erklärung für sein Verschwinden zusammenzuführen. Dabei dringt er immer tiefer in das Leben des Bruders ein, streift es sich selbst über, bis er fast selbst darin verschwindet. Schade nur, dass Leo dem Strudel, in den Gregor gerät, ein etwas zu freundliches Ende setzt.
"Raumfahrer" von Georg Nonnenmacher lebt von dem Kontrast zwischen Innen und Außen. Die ruhig erzählte Kurz-Doku begleitet einen Gefangenentransport von einem Gefängnis ins nächste. Draußen zieht die Landschaft vorbei, die der Protagonist nur durch einen schmalen Schlitz sieht. Und währenddessen hören wir aus dem Off, wie die Gefangenen von ihrem Umgang mit dem Eingesperrtsein erzählen.

Als Gast der Perspektive ist auch in diesem Jahr der Träger des Max-Ophüls-Preises, der auf dem Filmfestival Saarbrücken an einen deutschen Nachwuchsregisseur vergeben wird. "Love Steaks" ist der Preisträger des Jahres 2014. Der Berliner Regisseur Jakob Lass erzählt darin eine intensive Liebesgeschichte: Der schüchterne neue Masseur in einem Luxushotel am Strand verliebt sich in eine Kollegin, die in der Küche arbeitet. Die junge Frau ist herzerfrischend laut und direkt – und sie hat, wie er bald feststellen muss, ein Alkoholproblem. Das junge Liebesglück steuert auf eine Katastrophe zu – und Lass umschifft dabei jedes Klischee. Ein frischer Film mit wüsten, witzigen Dialogen und glaubhaften, exzellent gespielten Figuren.
Um Mitternacht wird Blut fließen
Als so genannte Midnight Movies zeigt die Sektion zwei deutsche Antworten auf internationale Themen des Horrorfilms. In "Der Samurai" von Till Kleinert muss ein Polizist gewissermaßen die Geister, die er rief, abwehren. Sein Dorf irgendwo in Brandenburg wird seit Wochen von Wölfen bedroht – doch mit dem Fleisch, das er im Wald auslegt, um die Tiere vom Dorf fernzuhalten, hat statt dessen einen irren Transvestiten angelockt. Der zieht nun in weißem Kleid durch den Ort und metzelt mit seinem Schwert nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Ein zähes Katz- und Maus-Spiel, durchzogen von erotischen Anspielungen und Eindeutigkeiten und begleitet von hölzernsten Dialogen. Als der Film in einem Blutfeuerwerk endet, weiß man immer noch nicht: Sollte das nun primär eine krude Homophobie-Geschichte sein, das überzeichnete Porträt einer Dorfgemeinschaft oder einfach nur ein verlangsamter Horror-Schocker? Für jede der drei Deutungen gibt es Ansätze – doch keinen setzt der Film konsequent um.

Pit Bukowski, Darsteller des Samurai, taucht auch im zweiten Midnight Movie auf: "Tape_13" ist das Regiedebüt des Comedians Axel Stein. Er hat sich am Genre des Found-footage-Horror versucht: Filmmaterial, das angeblich irgendwo gefunden und nun ungeschnitten wiedergegeben wird. Das kennt man vor allem aus dem US-Film "The Blair Witch Project" (1999). Vier junge Freunde fahren über das Wochenende in ein entlegenes Ferienhaus in der Eifel. Auf dem Weg dorthin nehmen sie noch ein mit kaputtem Auto im Nirgendwo gestrandetes Pärchen mit. Der junge Mann hat sich gerade eine Kamera gekauft und filmt nun in Wackelbildern das erwartbare Geschehen: Aus Späßen über die düstere Geschichte des Hauses und Spielen mit dem Ouija-Board wird allmählich ein blutiges Gemetzel. Schwangere sind besonders gefährdet, ein finsterer Mann aus dem Wald tritt auf, ist dann aber doch nicht der Böse - und Okkultismus spielt natürlich auch eine Rolle. Spannend ist das bei Weitem nicht. Axel Stein hat dem Genre nichts weiter hinzuzufügen als vielleicht eine filmgeschichtliche Fußnote: So sollte man es besser nicht machen.
Der Hobby-Filmer und seine Freundin stammen aus Lettland und Schweden, weshalb im Film nun größtenteils Englisch gesprochen wird. Das passt nur auf den ersten Blick recht gut zur Internationalität des deutschen Films, die die Sektion verheißt. Denn für das Englischsprechen ist in der Geschichte keine Notwendigkeit erkennbar – es steht ihr im Gegenteil sogar im Wege. Damit wirkt es eher wie ein Mittel zum Zweck, wie ein eifriges Schielen auf den internationalen Markt. Das hingegen kann man den anderen Filmen nicht vorwerfen. Bei ihnen nämlich ist das Nicht-Deutsche schlicht zwingender Teil der Erzählung oder auch der Biographie der Filmemacher. Und das ist am Ende eine schöne, zukunftsweisende Perspektive für das deutsche Kino.





