Auszeichnung für Lebenswerk - Ehrenbär für Ken Loach: Ein Proletarier des Lebens

Wenn es ein soziales Gewissen im Weltkino gibt, eine Stimme, die sich immer auf die Seite der Schwachen stellt, dann findet man sie im Werk des Briten Ken Loach. Seine Filme stecken unbeirrbar den Finger in die offene Wunde kapitalistischer Gesellschaften. Die Berlinale ihm am Donnerstag dafür zurecht den Ehrenbären für sein Lebenswerk verliehen. Von Patrick Wellinski

Um den 1939 geborenen britischen Regisseur Ken Loach und sein Werk zu begreifen, sollte man "Kes" von 1969 sehen. Es ist die Geschichte eines mittellosen Schuljungen aus Yorkshire, der unter dem harschen Klassenbewusstsein des britischen Schulsystems leidet. Erst durch die innige Freundschaft zu einem Falken findet der Junge seine Würde wieder und ein bisschen Halt im Leben.

Filmstill aus "My Name is Joe" von Ken Loach. (Quelle: dpa)
Auch im Rahmen der Hommage an Ken Loach auf der Berlinale zu sehen: Sein Film "My Name is Joe".

Bereits in diesem Frühwerk sind alle Motive versammelt, die Loach später zu dem großen europäischen Regisseur machen sollten, der er heute ohne Zweifel ist. Der stets liebevolle Blick auf die Einsamen und von der Gesellschaft Verstoßenen, der düstere Pessimismus gegenüber einem menschenverachtenden Kapitalismus und der Traum, nach einem besseren, gerechteren Leben für alle - aus dieser Weltsicht speisen sich bis heute alle seine Filme. Und da auch seine neuesten Werke nichts von dieser gesellschaftskritischen Wucht verloren haben, kann man sich denken, dass Loachs Urteil über unsere Zeit keinen Deut milder ausfällt als 1969.

Für Loach sind das nicht nur Figuren, es sind Menschen. Als Regisseur bleibt er an ihrer Seite und würde sie bis aufs Letzte verteidigen - und seien sie noch so naiv oder unvorsichtig. Sein Blick auf den "kleinen Mann" ist voller Zärtlichkeit, nie belehrend oder zynisch.

Zärtlicher Blick auf den "kleinen Mann"

Seine Figuren entstammen alle der Arbeiterklasse. Seine Filme muss man als inbrünstige Hymnen an den "Working Class Hero" verstehen. Es geht stets um jene Menschen, die die kalten Rückschläge des Lebens in einer rauen und zurückweisenden Gesellschaft aushalten müssen. Wie der Arbeiter in "Riff-Raff" (1991), der den Tod seines Arbeitskollegen rächt, indem er ein ganzes Farbmagazin des schuldigen Arbeitgebers in Brand setzt. Oder der Arbeitslose Bob in "Raining Stones" (1994), der seiner Tochter ein Kommunionskleid kaufen möchte und vor lauter Schulden anfängt zu klauen. Und dazu zählt auch die Sozialarbeiterin Sarah aus "Mein Name ist Joe" (1998), die mit der lokalen Mafia zusammenarbeitet, um ihren Schützling zu retten.

Die Verhältnisse sind himmelschreiend ungerecht

Die Bedeutung von Loachs Werks lässt sich kaum ohne die englische Free-Cinema-Bewegung der 1950er und 1960er Jahre begreifen. Eine Zeit, in der britische Filmemacher wie Lindsay Anderson oder Tony Richardson mit ihren realistischen, stark am Dokumentarfilm orientieren Werken die Lebensumstände der Arbeiterklasse schilderten, um vor dem wachsenden konservative Klima in Großbritannien zu warnen. Gerade deshalb werden Ken Loachs Filme häufig unter dem Stempel "Realismus" geführt.

Doch Loach zeigt das Leben nicht einfach so wie es ist, selbst in seinen Dokumentarfilmen nicht. Er will den Zuschauer begreifen machen, dass die von ihm gezeigten Verhältnisse himmelschreiend ungerecht sind. Das ist sein Credo, das sein Kino zu einem Ort der herzzerbrechenden und nie falsch verstandenen Menschenliebe macht.

Der Maxim Gorki des europäischen Kinos

Letztes Jahr zeigte Ken Loach auf der Berlinale seinem Dokumentarfilm "Spiriti of '45", in dem er sehnsüchtig auf jenen Moment im 20. Jahrhundert blickt, an dem sich Großbritannien für den Kapitalismus entschied und nicht für den Sozialismus. Für den Regisseur bis heute ein fataler Fehler. Die Sicht und Träume der damaligen Arbeiterklasse verteidigt der Brite bis heute. Dass sein Aktivismus nie in plumpen Propagandafilmen endet, macht aus ihm einen Maxim Gorki des europäischen Kinos.

Margaret Thatcher neben ihrem Selbstportrait in der Downing Street 10 in London © British Government / dpa
Von ihr war Ken Loach nicht gerade der größte Fan: Margaret Thatcher.

Wobei erwähnt werden sollte, dass sein provokativer Ansatz auch heute noch regelmäßig auf Widerstände aus dem konservativen Lager stößt. Loach größtes Feindbild war die Eiserne Lady, Margaret Thatcher, deren aggressive, wirtschaftsliberale Politik er für jede gesellschaftliche Fehlentwicklung seines Landes verantwortliche machte.

Als Thatcher letztes Jahr starb und öffentlich über die explodierenden Kosten ihres Begräbnisses debattiert wurde, meldete sich Ken Loach zu Wort. Sein böser Lösungsvorschlag: "Wir sollten ihr Begräbnis privatisieren. Einfach ausschreiben und an den billigsten Anbieter verkaufen. Sie hätte es sicherlich so gewollt."

Beitrag von Patrick Wellinski

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