
Wes Anderson und seine Filme - Paralleluniversum für Spinner
Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel" eröffnet am 6. Februar die Berlinale. In seinen bisherigen Filmen hat der Amerikaner sich als Spezialist für das Schrullige etabliert. Von Fabian Wallmeier
Zum ersten Mal einen Anderson-Film zu schauen ist wie in Gedanken versunken nach einer Möhre zu greifen, statt dessen versehentlich einen Müsliriegel zu erwischen und erst beim zweiten Bissen zu merken: Moment, irgend etwas stimmt hier nicht. Und dann muss man sich entscheiden: Legt man den Müsliriegel zur Seite oder lässt man sich auf das Unerwartete ein?
Die Menschen, die die Filme des heute 44-Jährigen bevölkern, sind oft einen Hauch neben der Spur angelegt. Ob es nun der eigentümlich entleerte Blick ist, mit dem sein Stammdarsteller Owen Wilson in "The Darjeeling Limited" (2007) durch seine spirituelle Reise taumelt oder der affektiert auf erwachsen gedrechselte Duktus des 12-jährigen Protagonisten in "Moonrise Kingdom" (2012): Man weiß sehr schnell, dass sie nicht als realistische Figuren gedacht sind.
Das verleiht ihnen einen eigentümlichen Glanz, eine Aura des nicht ganz Fassbaren – und bewahrt sie davor, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Denn Anderson legt seine Figuren zwar sehr schräg an, aber er pflegt einen liebevollen Umgang mit ihnen. Selbst die grotesken Widerlinge wie das rücksichtslose grundgemeine Familienoberhaupt, das Gene Hackman in "The Royal Tenenbaums" (2001) spielt, wirft er nicht den Löwen zum Fraß vor.

Paralleluniversum des Ungewohnten
Andersons Filme sind nicht zuletzt Lobpreisungen der Schrulligkeit. Pathetisch gesagt: Sie geben den vermeintlichen Losern, den schrägen Vögeln, den nicht ganz ernst Genommenen eine Stimme, die ihnen ansonsten in Hollywood versagt bleibt. Weniger pathetisch gesagt: Anderson hat sich mit seinen Filmen ein eigenes Paralleluniversum erschaffen, in denen Menschen sich nicht ganz so verhalten, wie man es gewohnt ist.
Manchmal trägt er dicker auf als sonst. In "The Life Aquatic with Steve Zissou" (2004) etwa, in dem Bill Murray einen äußerst exzentrischen Meeresforscher und Dokumentarfilmer spielt, verliert Anderson sich in einer über alle Maßen überdrehten Geschichte mit zu vielen überzeichnet spinnerten Details. Für liebevolle Figurenpflege bleibt da keine Zeit mehr. Am Ende taucht zwar das U-Boot, mit dem Zissou und seine Crew auf einer Expedition waren, auf der Wasseroberfläche auf – der Film selbst aber bleibt in den Meerestiefen versunken.
Viele von Andersons Hauptfiguren sind Kinder und Jugendliche: In seinem bis heute schönsten Film "Rushmore" (1998) spielt Jason Schwartzman den 15-jährigen Max, Stipendiat an einer Privatschule. Viel mehr als für den Unterricht und seine Noten interessiert Max sich zum Beispiel für das Theater, für seinen väterlichen Freund Herman – und für seine neue Lehrerin. Anderson lässt sich nicht auf dröge Pubertätsklischees und Coming-of-Age-Dramen ein, sondern entwickelt mit Max einen ganz eigenen Typus, der mal Held, mal Antiheld ist.
Eltern, Kinder und ihre Neurosen
In "Moonrise Kingdom" sind die (Anti-)Helden noch ein Stück jünger: Der Film dreht sich um den 12-jährigen Waisen Sam, der im Spätsommer 1965 ein Pfadfinderlager auf einer Insel besucht und sich in die gleichaltrige Suzy verliebt, die dort mit ihren – selbstverständlich etwas schrulligen – Eltern lebt. Überhaupt spielt das Kindsein im Verhältnis zu den Eltern eine wichtige Rolle in Andersons Filmen – Hand in Hand mit den daraus resultierenden Neurosen, die weit über die Kindheit hinaus reichen: In "The Royal Tenenbaums" leiden die drei erwachsenen Kinder des Familienoberhaupts unter den verblassten frühen Erfolgen, zu denen der Vater sie getrieben hat. In "The Darjeeling Limited" begeben sich drei Brüder nach dem Tod ihres Vaters auf eine spirituelle Zugreise durch Indien.
Andersons Filme sind selten konventionell erzählt. Immer wieder wird zurückgeblendet, werden Geschichten im Zeitraffer erzählt. Auch sein visueller Stil ist auf prägnante Weise unangepasst: Kostüme und Masken der Darsteller zelebrieren oft eine ausgesuchte Hässlichkeit, die Sets sind üppig mit skurrilen Details ausgestattet und die Kamera sucht nicht unbedingt die offensichtlichsten Blickwinkel. Modernismen sind Anderson fern. Vielmehr interessiert er sich auch für ausgesprochen altmodische filmische Kniffe: Gern blendet er Zwischentitel ein oder lässt einen Sprecher im Märchenonkelton die Geschichte erzählen.
Der nicht selten etwas überdeutliche Stilwille macht die Filme aber nicht schwer konsumierbar. Sie sind vielmehr Wundertüten, aus denen der Zuschauer hemmungslos naschen kann. Nicht jedes Bonbon mag gleich gut schmecken, aber die Tüte ist so prall gefüllt, dass sich das leicht verzeihen lässt.

Stammschauspieler Murray und Wilson
Offenkundig hat Wes Anderson nicht nur in den Kinosälen seine Fans, sondern auch in Hollywood. Davon zeugt die lange Liste von Darstellern, die immer wieder mit ihm gearbeitet haben: Adrien Brody, Anjelica Huston und Luke Wilson zum Beispiel. Dessen Bruder Owen Wilson, der auch an einigen der Filme mitgeschrieben hat, taucht sogar in sechs von Andersons sieben bisherigen Filmen auf. Auf genau so viele Filme kommt Bill Murray.
Beide tauchen nun auch in seinem achten Film "The Grand Budapest Hotel" auf, mit dem Anderson am 6. Februar die Berlinale eröffnet. In dem in Görlitz, anderen Teilen Sachsens und in Potsdam-Babelsberg gedrehten Film geht es um den Concièrge eines Hotels, um ein verschwundenes Gemälde, den plötzlichen Kriegsausbruch – und um eine Vielzahl von Menschen, die im Hotel ein und aus gehen. Man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass wohl wieder einige Schrulligkeiten zu erwarten sind. Und man sollte sich nicht wundern, wenn auch dieser Film statt nach Möhre auf einmal wie ein Müsliriegel schmeckt.


