
Dritter Tag der Berlinale - 145 skandalträchtige Minuten
Der dritte Tag der Berlinale hatte respektables Skandalpotential: Im Wettbewerb lief Lars von Triers "Nymphomaniac Vol I" zum ersten Mal in ungekürzter Fassung - mit reichlich expliziten Sexszenen. Ins Rennen um den Goldenen Bären gingen am Sonntag zwei vielversprechende Newcomer aus Deutschland und Argentinien. Dabei geht es zumindest in dem deutschen Beitrag alles andere als unzüchtig zu.
Die größten Aufreger am dritten Tag des Filmfestivals hielt Lars von Triers "Nymphomaniac Vol I" bereit - der Film des kompetentesten Provokateurs der Berlinale lief um 19 Uhr außer Konkurrenz und zum ersten Mal im ungekürzter Director's Cut mit einer Länge von 145 Minuten. Charlotte Gainsbourg spielt darin die sexsüchtige Joe. Als ein alternder Junggeselle sie bei sich aufnimmt, erzählt sie ihm in acht Kapiteln von ihren sexuellen Erfahrungen. Von Trier arbeitete für den Film mit Körperdoubles, weil seine expliziten Sexszenen den meisten der Darsteller zu weit gingen.
Mit dabei sind Christian Slater, Uma Thurman, Willem Dafoe und Shia LaBeouf. Letzterer musste sich vor dem routinierten Provokateur von Trier nicht verstecken: Erst verließ la Boeuf nach einer unliebsamen Frage die Pressekonferenz am Nachmittag - zur Premiere am Abend steckte er sich eine Papiertüte auf den Kopf. Darauf der Satz: "I am not famous anymore" - "Ich bin nicht mehr berühmt".
Lange war im Vorfeld darüber gerätselt worden, ob der reisescheue Lars von Trier mit nach Berlin kommen würde: Er kam, doch den Fragen der Journalisten stellte er sich nicht. Stattdessen zeigte er sich den Fotografen vor der Pressekonferenz zum Film in einem schwarzem T-Shirt mit dem Slogan "Persona Non Grata". 2011 hatte der Regisseur auf einer Pressekonferenz in Cannes mit Äußerungen über Hitler für Entsetzen gesorgt und war von der Festivalleitung anschließend zur unerwünschten Person erklärt worden.
Das Publikum hat die Langfassung des Films am Sonntagabend lautstark gefeiert. Nach der Premiere gab es stürmischen Applaus. Lars von Trier sprang zwar auf die Bühne, hielt aber sein selbst auferlegtes Redeverbot aufrecht und rief sofort die anwesenden Schauspieler sofort zu sich auf die Bühne: Uma Thurman, Stellan Skarsgård, Stacy Martin und Christian Slater.
Wettbewerbsfilme aus Deutschland und Argentinien
Ins Rennen um den Goldenen Bären gingen am Sonntag zwei vielversprechende Newcomer: Der deutsche Regisseur Dietrich Brüggemann hat um 16 Uhr sein Drama "Kreuzweg" präsentiert. Die ARD-Koproduktion handelt von der 14-jährigen Maria, die in einer ultrareligiösen katholischen Familie aufwächst. Sie will ihr Leben unbedingt Gott widmen - doch ihr religiöser Ehrgeiz lässt Maria fast zerbrechen. "Kreuzweg" ist der dritte von insgesamt vier deutschen Wettbewerbsbeiträgen in diesem Jahr.
Der junge argentinische Filmemacher Benjamín Naishtat gab um 22.30 Uhr mit "Historia del miedo" ("Geschichte der Angst") sein Spielfilmdebüt. Der Film spielt in einer abgeschotteten Reichensiedlung in einem Vorort von Buenos Aires. Als eine Hitzewelle den Ort ergreift, bringen Stromausfälle und Chaos die soziale Ordnung in der Siedlung an den Rand des Zusammenbruchs.
Eines der Highlights der diesjährigen Berlinale fand am Sonntag in der Philharmonie statt: "Das Cabinet des Dr. Caligari", der bedeutendste deutsche Stummfilm, wurde im großen Saal aufgeführt. Experten der Murnau-Stiftung hatten den Berliner Psychothriller von 1919 zwei Jahre lang aufwändig digital restauriert. Nun erstrahlt er in neuem Glanz - der Jazzmusiker John Zorn begleitete die Aufführung live an der Orgel.

Corinna Harfouch bekommt "Paula"
Ruhm und Ehre gab es schon vor der Verleihung der Bären kommende Woche für die deutsche Schauspielerin Corinna Harfouch: Am Rande der Berlinale ist sie am Sonntag mit der diesjährigen "Paula" ausgezeichnet worden. Harfouch gilt als eine der profiliertesten Schauspielerinnen Deutschlands, hat mit Regisseuren wie Tom Tykwer ("Das Parfüm"), Caroline Link ("Im Winter ein Jahr") oder Christoph Schaub ("Giulias Verschwinden") zusammengearbeitet und gab in dem Historiendrama "Der Untergang" die Magda Geobbels, die scheinbar unbeeindruckt ihre eigenen Kinder umbringt.
Mit der "Paula" ehrt die Filmfirma Progress, Auswerter der DEFA-Kinofilme, Persönlichkeiten, die ihre Karriere bei dem einstigen DDR-Filmunternehmen begannen und sich heute um den gesamtdeutschen Film verdient machen. Harfouch schloss 1981 die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin-Schöneweide ab und startete ihre Karriere am Berliner Theater im Palast (TiP).
Der leibhaftige "King George" - und ein heimlicher Star
Am Samstag schien ganz Berlin das "hohe C" zu singen: George Clooney präsentierte seinen Film "Monuments Men - Ungewöhnliche Helden" am Abend außer Konkurrenz. Darin spielt er den Chef einer Sondereinheit der Alliierten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Männer sollen wertvolle Kunstschätze vor der Vernichtung durch die Nazis bewahren. Der Stoff beruht auf einer wahren Begebenheit. Gedreht hat Clooney, der zugleich Produzent, Regisseur und Drehbuchautor des Films ist, gewissermaßen vor der Haustür der Berlinale: In Berlin und Babelsberg, in Sachsen und dem Harz. Clooney sagte, während der neun Monate dauernden Filmarbeit im Studio Babelsberg sei Berlin sehr gastfreundlich zu seinem ganzen Team gewesen. "Die Stadt ist unsere zweite Heimat geworden, auch wenn unser Deutsch nicht allzu gut ist."

Am meisten zu kämpfen hatte die Film-Crew mit dem Wetter. "Es hat im Mai geschneit!", so Clooney im Gespräch mit Frauke Gust von radioBerlin 88,8. "Wir sind mit Flammenwerfern die Fußwege entlanggegangen, um den Schnee vom Boden wegzutauen." Die fehlenden Blätter an den Bäumen seien nachträglich digital eingefügt worden. Soviel Aufwand scheint "Monuments Men" nicht geholfen zu haben: Die meisten rbb-Kritiker waren gestern enttäuscht von dem Film.
Clooney bewies Stil, indem er den bislang vielleicht herzerwärmendsten Gast der Berlinale mitbrachte: Den 88-jährigen Harry Ettlinger, letzter Überlebender der echten "Monuments Men". Erdinger stammt aus Karlsruhe. Wegen seiner jüdischen Herkunft musste er 1938 aus Hitler-Deutschland in die USA fliehen, als G.I kehrte er mit den "Monuments Men" zurück. Neben Erdinger wirkten Matt Damon, Bill Murray und John Goodman auf dem roten Teppich fast wie Statisten.
"Die geliebten Schwestern" überzeugte die Kritiker
Weil Clooneys Film außer Konkurrenz lief, warb gestern nur ein einziger Film um den Goldenen Bären: Dominik Grafs historisches Liebesdrama "Die geliebten Schwestern". Graf erzählt darin von der außergewöhnlichen Dreiecksbeziehung zweier Schwestern und dem Dichter Friedrich Schiller im Sommer 1788. Der Regisseur ("Im Angesicht des Verbrechens") kehrte mit dem Film nach acht Jahren wieder auf die Kinoleinwand zurück. In der Pressekonferenz zum Film erklärte Graf gestern, dass ihn zwei Genres immer besonders interessiert hätten: der Polizei-Thriller und eben "der Liebes-Diskurs". Er scheint beide Genres zu beherrschen: Trotz einer Länge von fast drei Stunden waren die Kritikerinnen und Kritiker von "Die geliebten Schwestern" größtenteils begeistert. Zur Vorstellung kamen am Abend neben Graf auch die Hauptdarstellerinnen Hannah Herzsprung und Henriette Confurius und der Schauspieler Florian Stetter.







