
Generation | God help the girl - "Songs zu schreiben, war meine Rettung"
Zehn Jahre hat es gedauert, bevor Stuart Murdoch, Sänger und kreativer Kopf der schottischen Band Belle & Sebastian, seinen Traum vom ersten eigenen Film umsetzen konnte. Jetzt hat er das Pop-Musical "God help the girl" auf der Berlinale vorgestellt. Doris Hellpoldt hat ihn getroffen und mit ihm über den Film und seine Erfahrungen als Regie-Neuling gesprochen.
Was war für Sie denn die größte Umstellung bei Ihrem Filmdebüt?
Musik ist im Vergleich zu Film so viel einfacher – beim Film kommt man sich vor wie in einer völlig anderen Dimension. Es ist zehnmal so viel Arbeit wie eine Platte aufzunehmen. Dazu kommt, dass man jeden Tag vor dieser Crew steht, und sie schauen dich an, als würden sie gerade denken: "Was macht der Idiot da eigentlich?" Anders als ich sind das alles Profis, die das ständig machen, während ich in diesem Bereich ein kompletter Neuling bin. Zum Glück hatte ich mit Giles Nuttgens einen fantastischen Mann hinter der Kamera - er hat mich gerettet.
Als Regisseur müssen Sie im Wesentlichen allein Entscheidungen treffen, in einer Band ist das ja wahrscheinlich ein bisschen anders.
Nein, eigentlich ist es genau das Gleiche. Was mir wirklich geholfen hat, war die Crew wie eine Band zu betrachten – Barry Mendel, unser Produzent wäre dann der Schlagzeuger, Giles Nuttgens, der Kameramann, der Gitarrist… Letztlich entsteht etwas wirklich Gutes immer nur in Team-Arbeit. Okay, wenn du ein Buch schreibst, ist es wahrscheinlich einfacher, das allein zu tun. Aber für einen Film braucht es viele Menschen.

Waren Sie von dem Filmprojekt eingeschüchtert?
Vielleicht ein wenig, aber die Hauptsache ist doch, dass man von seiner Geschichte überzeugt ist. Nachdem ich die Ideen für die Songs und die Charaktere hatte, waren alle meine Zweifel beseitigt. Ich wusste genau, was sie sagen würden, und sobald wir die Schauspieler ausgewählt hatten, wusste ich auch, was ich sie spielen lassen will. Bei diesem Film war das Casting unglaublich wichtig – und wenn man erst einmal eine tolle Besetzung zusammen hat, ist man schon am Ziel. Für einen Regieanfänger wie mich hat das die Arbeit deutlich einfacher gemacht. Ich verstehe nicht so viel von den technischen Details, von Beleuchtung oder Kameraeinstellungen, aber ich wusste genau, was ich von meinen Darstellern erwarte.
Sie haben sich unter einigen tausend Kandidaten für Emily Browning (Eve), Olly Alexander (James) und Hannah Murray (Cassie) entschieden, die im Film auch selbst singen. Was hat Sie bei diesem Trio am meisten überzeugt?
Als wir die drei zum ersten Mal zusammen gesehen haben, war klar, dass wir den Film fast noch einmal komplett umschreiben würden – so wie sie miteinander geredet haben, wie sie miteinander umgegangen sind. Das war sofort eine total in sich geschlossene Gruppe, eine kleine Gang. Sie sind auch immer zu dritt zum Rauchen verschwunden, wir nannten sie irgendwann "Die drei Schornsteine". Und diese Exklusivität – genau so ist es im Film ja dann auch. Ich wollte eben dieses Gefühl einfangen von "Wir vs. die Erwachsenenwelt".
Auf dem Album "God help the girl", das diesem Film vorausging, hat Catherine Ireton die Songs von Eve gesungen und damit die Figur verkörpert – jetzt hat Emily Browning die Rolle übernommen. Warum haben Sie sich für sie entschieden?
Es war schon irgendwie unfair gegenüber Catherine – sie war so wichtig für dieses Projekt, mit ihr haben wir das Album aufgenommen und mit ihr waren wir auch auf Tour. In gewisser Weise war sie für mich Eve. Aber ich wusste auch, dass wir für den Film eine jüngere Eve brauchen – es ist nun mal ein Film für junge Menschen. Letztlich haben wir uns 2.000 junge Frauen für die Rolle angeschaut, aber Emily stach heraus. Sie hat der Figur eine klare Kontur gegeben. Und sie ist einfach ein Profi, der seit Jahren im Geschäft ist. Außerdem ist sie wirklich cool – sie hat keine feste Wohnung, sondern lebt irgendwie immer da wo sie gerade ist. Sie beantwortet auch nie meine E-Mails oder Anrufe und taucht einfach ohne Vorwarnung auf. Insofern ist sie Eve doch sehr ähnlich. Ich wusste, dass sie die Richtige ist.
Was kam bei diesem Projekt eigentlich zuerst – die Musik oder die Geschichte?
Ich hatte tatsächlich zuallererst die Idee für den Titelsong – "God help the girl…" (singt) – der tauchte irgendwann einfach komplett in meinem Kopf auf, als würde er im Radio gespielt. Damit fing alles an, und dann schrieb ich immer abwechselnd mal einen Song, mal ein Stück vom Skript. Für mich war immer beides wichtig, die Musik und der Film. Dass wir letztlich das Album früher aufgenommen haben, lag vor allem daran, dass ich sehr ungeduldig war. Ich dachte, lass uns das lieber machen, solange uns die Plattenfirma noch lässt – dann haben wir wenigstens eine Platte, selbst wenn das mit dem Film nie klappt. Andererseits waren es auch ganz praktische Gründe, ich wusste, dass es viel Zeit und Kraft kosten würde, den Film zu machen, das musste also getrennt von der Platte passieren. Letztlich hat das Album die Arbeit am Film aber auch wieder voran gebracht.
Glauben Sie, die Band aus dem Film könnte im richtigen Leben erfolgreich sein?
Sie würde wahrscheinlich desaströs scheitern. Aber genau deshalb fühlt sich die Geschichte für mich so echt an. Die Kids in der Band haben alle ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie mit ihrer Musik bewirken wollen. James hört die Musik in seinem Kopf und das reicht ihm - ihm ist egal, ob er damit jemals Geld verdienen kann. Eve dagegen braucht ein Publikum. Deswegen funktioniert es mit den beiden auch nicht.
Welcher der beiden Figuren fühlen Sie sich denn näher?
Es steckt ein Stück von James in mir, und genauso ein Stück von Eve. Beide machen Erfahrungen, die ich auch kenne. Ich war mal in einer ähnlichen Krisensituation wie Eve, aber das ist ziemlich lange her. Ich hätte diesen Film damals, 1989 oder 2001, auch nie schreiben können. Mittlerweile habe ich dazu genug Abstand, aber es fühlt sich ein bisschen so an, als säße Eve auf meiner Schulter und singt die Songs. Sie ist sehr real für mich, auch wenn sie vielleicht eher aus meiner Vergangenheit stammt.
Sie sagen, Sie haben Ähnliches erlebt wie Eve – wann war das?
Das war noch in den 80ern, ich war vielleicht 19 oder 20. Mit ging es richtig mies, aber niemand konnte mir erklären woran es lag und ich musste alleine damit zurechtkommen. Ich war völlig isoliert und jahrelang krank. Aber ich hatte viel Zeit zum Träumen.
Hat Musik Ihnen geholfen, diese schwierige Phase durchzustehen?
Ja, das ist eigentlich genau wie im Film – die Krise war auch bei mir die Zeit, in der ich angefangen habe, Songs zu schreiben. Das war meine Rettung.
Ist es Ihnen leicht gefallen, die Songs für dieses Projekt aus Sicht einer weiblichen Figur zu schreiben – und für eine weibliche Stimme?
Nein, aber das hat es auch einzigartig für mich gemacht. Ich habe diese Figur tatsächlich so gehört, sie fühlte sich ganz echt an. Gleichzeitig war sie eine Muse für mich. Diese Erfahrung hat es wahrscheinlich leichter für mich gemacht, diesen Film zu schreiben – die weibliche Hauptfigur war einfach komplett ausgeformt da und ich konnte mich durch sie ausdrücken. Das war neu für mich. Ich denke mittlerweile, ich hätte diese Figur noch besser schreiben können. Aber wobei ich mir ganz sicher war – das waren die Songs. Und sie sind vermutlich auch das, was Eve letztlich ausmacht. Ich könnte mir vorstellen, noch mehr Songs für Frauen wie sie zu schreiben.
Können Sie sich vorstellen, noch weitere Filme zu drehen oder geht es jetzt erstmal zurück zur Musik?
Pop-Musik hat ihre Grenzen, es ist einfach vornehmlich ein Medium für junge Leute. Wenn du jung bist, fällt es leichter, Popsongs zu schreiben, weil du all deine Erfahrungen aus dem Bauch heraus machst und die Emotionen übersprudeln. Dagegen ist Film doch sehr viel reifer und facettenreicher. Man kann alles zum Thema machen, die menschliche Natur erkunden. Mein nächster Film müsste also nicht unbedingt wieder ein Musical sein.
Können Sie mit dem Begriff “Musical“ als Beschreibung für Ihren Film denn gut leben?
Ich weiß nicht, wie man es sonst nennen sollte – aber ich denke nicht, dass der Film wirklich ein Musical ist. Die Umschreibung, die wir für einen unserer Trailer gefunden haben, gefällt mir ganz gut: "Ein Musical für Menschen, die keine Musicals mögen."
"God help the girl" läuft noch einmal am Sonntag, 16. Februar (Publikumstag) um 17 Uhr im Haus der Kulturen der Welt.








