
Volker Schlöndorff auf der Berlinale - "Ich mache mir selbst Konkurrenz"
Volker Schlöndorff ist nicht nur mit seinem neuesten Film "Diplomatie", einer ARD-Koproduktion, auf der Berlinale vertreten, sondern auch mit seinem Frühwerk "Baal", das auf Betreiben der Brecht-Witwe Helene Weigel nach einer einmaligen TV-Ausstrahlung 1970 aus dem Verkehr gezogen wurde. Alexander Soyez hat den Regisseur vor der Weltpremiere von "Diplomatie" auf der Berlinale getroffen.
Wie ist es für Sie mit zwei Filmen auf der Berlinale vertreten zu sein?
Ich mache mir selbst Konkurrenz. Aber das ist ja auch ganz stimulierend.
Was sehen Sie heute, wenn Sie "Baal" sehen?
Ich sehe das Phänomen Reiner Werner Fassbinder, wenn ich den Film sehe. Ich sehe das Prophetische an der Besetzung und an ihm, weil er in dieser ersten Rolle ja gewissermaßen sein ganzes Leben 'vorgezeichnet' hat – als 23-Jähriger. Künstlerisches Genie, Besessenheit und schließlich Tod. Der Film lebt für mich von der Energie der Beteiligten. Von der Energie Reiner Werner Fassbinders, von der Energie von Margarete von Trotta, die ich dabei kennengelernt habe. Aber insgesamt war das natürlich ein Experiment. Also es gab viel Energie, aber man wusste nicht, was dabei herauskommt. Wir haben den Text von Brecht unverändert übernommen - geschrieben 1919 – und sind damit 50 Jahre später rausgegangen in die Isarauen und bayrische Lokale und haben diesen Text gespielt.
Wie diese Zerreißprobe gehen würde, war mir damals nicht klar und das ist mir heute immer noch nicht klar. Ich kann auch gar nicht sagen, wie der Film heute auf andere wirkt. Aber gerade deshalb mag ich diesen Berlinale-Spagat auch sehr – zwischen einem Film von 1969 und einem aus diesem Jahr. Ich weiß nicht, welcher von den beiden moderner ist.

Dann anders herum gefragt, welcher ist Ihnen heute wichtiger?
Man ändert sich ja in 44 Jahren. Das ist eine lange Zeit. Vielleicht war "Baal" mein Geniestreich oder doch nur eine Jugendsünde. Auf jeden Fall bin ich dafür heute nicht mehr verantwortlich. Bei dem neuen Film bin ich allerdings sehr nervös. Deutsch-Französisch. Spannend aber auch kritisch. Er spricht diese auch heute noch schwierige Beziehung innerhalb Europas an – und es steht mit "Diplomatie" natürlich die Frage im Raum, was wäre passiert, wenn die Nazis Paris in die Luft gejagt hätten. Dann wäre ich wahrscheinlich nie nach Frankreich gekommen, um Französisch zu lernen und unter Umständen auch nie Regisseur geworden. Da bin ich doch sehr nervös, wie das ankommt.
Das Thema "Zerstörung von Kunstschätzen" im zweiten Weltkrieg gab es schon bei George Clooneys "Monuments Men".
Ja, das hat mir Dieter Kosslick auch gesagt. Ich kenne "Monuments Men" noch nicht. Aber ich war am Drehort und habe mich mit Bill Murray und John Goodman getroffen. Ich finde es toll, wenn sich zwei Filme durch Zufall so ergänzen.
Ihre eigene Biographie hat Sie ja geradezu prädestiniert, das gleichnamige Bühnenstück zu verfilmen.
Ich fühle mich natürlich zur Hälfte als Franzose. Ich bin in Paris aufgewachsen, habe dort Abitur gemacht und studiert. Ich habe Film gelernt in Paris. Ich kann wie General von Choltitz sagen, dass es meine Stadt ist. Bei jedem Spaziergang, den ich durch die Stadt mache, habe ich vor Augen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, sie in dieser Pracht erleben zu können.
Und auf der anderen Seite frage ich mich natürlich auch manchmal, ob ich da nicht eine gespaltene Persönlichkeit habe. Ich bin doch auch ein General, wenn ich in Frankreich einen Film inszeniere. Wo ist denn da meine Loyalität? Sehe ich mich als Deutscher oder als Franzose? Aber das ist natürlich Unsinn. Es hat ja nichts mit einem Pass zu tun, ob ich mich als Deutscher oder Franzose fühle. Es geht nicht um Nationalität. Es geht um Menschlichkeit.

Hitlers Befehl im Sommer 1944 lautete, Paris in Trümmer zu legen, der Wehrmachtsbefehlshaber General von Choltitz übergab die Stadt dann aber einigermaßen unversehrt an die Franzosen und ihr Film zeigt, wie er in einer Nacht von dem schwedischen Konsul Nordling dazu 'gebracht' wird.
Der historische Hintergrund stimmt, wie Sie wissen, aber die Geschichte, die ich erzähle, ist frei erfunden. Die Menschen gab es, aber ob sie so gewesen sind oder anders, das weiß ich nicht. Was sich da zwischen den beiden abspielt ist eine Fantasie, eine Erfindung. Ich habe selbstverständlich meine historischen Hausaufgaben gemacht und weiß sehr viel mehr als in dem Film drin ist, aber das Spannende war für mich, es auf ein paar entscheidende Punkte zu konzentrieren. Erstens: Was kann Diplomatie bewirken? Das war ja mal eine große Kunst, weswegen ich den Film auch Richard Holbrooke gewidmet habe, der die Verhandlungen mit Slobodan Milošević geführt hat.
Zweitens: Dieser General hätte die Möglichkeit gehabt, Paris in die Luft zu sprengen. Er hatte den Befehl. Warum hat er es nicht gemacht?
Sie sagten, Sie sind sie nervös, wie der Film hier auf der Berlinale ankommt. Warum?
In Frankreich ist die Angst ja schon vorbei. Der Film kommt schon ins Kino und wir haben alle Vorab-Aufführungen hinter uns. Ich klopfe auf Holz. Er kommt überwältigend gut an. Gerade in Frankreich und in Paris weckt der Film sehr starke Gefühle. Die Vorstellung, dass ihre Stadt nicht mehr wäre, spielt da genauso eine Rolele, wie die Tatsache, dass für die Franzosen auch heute wieder diese deutsche Hegemonie zu spüren ist, diesmal in Form wirtschaftlicher Macht. Das ist eine starke Gefühlslage, auf die der Film da trifft, und deswegen bewegt er die Menschen dort sehr. Ich hoffe, dass hier das Gleiche passiert.
Das Gespräch führte Alexander Soyez.






